Andreas Schmidhauser, Mitbegründer und Co-Leiter des Theater Süd in Basel, findet das Erzählcafé ein hochspannendes Format, um den Puls eines Quartiers zu spüren. So bot er eines im Rahmen der «Johanna is calling-Woche» vom 9. bis 15. August 2021 an. Was dabei herauskam, erzählt er im Interview. 

Herr Schmidhauser, wie kamen Sie auf die Idee, ein Erzählcafé zu veranstalten? 

Andreas Schmidhauser: Das Theater Süd in Basel arbeitet partizipativ mit der Bevölkerung zusammen, um Projekte im Bereich Theater, Tanz und Text zu entwickeln. Wir verstehen uns als Teil des lebendigen, diversen und sich schnell verändernden Gundeli-Quartiers. Die Quartierkoordination Gundeldingen hat uns auf das Erzählcafé aufmerksam gemacht, und wir fanden das Format hochspannend. Es bringt uns als Theaterinstitution – abseits von theatralen Formaten – mit Menschen aus dem Quartier ins Gespräch. Diese niederschwelligen Resonanzräume sind für die weitere künstlerische Arbeit des Theater Süd wichtig. Wir wollen Projekte nahe an den Lebenswelten der Bevölkerung konzipieren. Das Erzählcafé ist ein Seismograf: Es fühlt den Puls im Quartier.

Wer war am Erzählcafé beteiligt?

Für unser aktuelles Theaterprojekt «Stimmenmeer» arbeiten wir mit dem Pflegeheim MOMO und dem Chor «Singen ohne Grenzen» (Verein ASK Basel) zusammen. Wir beabsichtigten, den Puls mit ein oder zwei Erzählcafés im Pflegeheim MOMO zu spüren. Covid-19 hat das dann verhindert. Stattdessen führten wir das Erzählcafé später im Rahmen der «Johanna is calling-Woche» im Theater Süd durch.

Welches Thema wählten Sie?

Das Thema «Wendepunkte». Bei der «Johanna is calling-Woche» geht es um die historische Figur Johanna von Orléans und die Fragen: Wie haben wir unsere tiefgreifenden Entscheidungen im Leben getroffen? Welche inneren und äusseren Stimmen leiten uns und auf welche hören wir? Mit dem Erzählcafé schufen wir einen sehr persönlichen Zugang zu diesen Fragestellungen.

Wer kam ans Erzählcafé?

Geplant war ursprünglich, das Erzählcafé im Pflegeheim MOMO durchzuführen. Durch das Verschieben in die «Johanna is calling-Woche» boten wir es für ein breiteres Publikum an. Es kamen 12 Teilnehmende zwischen 25 und 70 Jahren. Ein grosser Erfolg, denn an diesem Generationen übergreifenden Erzählcafé wurden Geschichten und Erfahrungen aus den unterschiedlichsten Lebensphasen ausgetauscht. Es hat mich beeindruckt, wie die Menschen sich aktiv zugehört haben.

Inspirierendes Erzählcafé

Das Theater Süd hat für sein besonderes Erzählcafé im Rahmen der «Johanna is calling-Woche» im Basler Gundeli-Quartier einen Förderimpuls erhalten. Auch Sie können sich mit Ihrer Idee weiterhin für das Förderprogramm 2021 bewerben.

Der idyllisch im St.Galler Stadtpark gelegene Frauenpavillon war am 27. August 2021 Schauplatz eines Generationen-Erzählcafés. Die Moderatorinnen Fabienne Duelli und Rhea Braunwalder sprachen mit 24 Teilnehmerinnen und einem Teilnehmer über «50 Jahre Frauenstimm- und Wahlrecht in der Schweiz».

Fabienne Duelli, das hochaktuelle Thema lockte viele Menschen in den Frauenpavillon. 

Fabienne Duelli

Fabienne Duelli (Geschäftsstelle der Frauenzentrale Appenzellerland): Ja, es kamen 24 Frauen und ein Mann – der Partner einer Teilnehmerin. Es hat mich sehr gefreut, dass Frauen von 20 bis 70 dabei waren, darunter auch Grossmutter-Mutter-Tochter-Gespanne.

Was machte das Erzählcafé so besonders?

Wir setzten uns nach dem Fish-Bowl-Prinzip in zwei Kreise: einen inneren Kreis aus zwei Moderatorinnen und drei Gesprächsteilnehmerinnen und einen äusseren Kreis aus Gästen und Angehörigen. Im inneren Kreis erzählten wir uns über das Frau-Sein und wie sich unsere Rechte und Pflichten in den letzten 50 Jahren verändert haben. Auch der äussere Kreis wurde ins Gespräch einbezogen. Fast alle Personen haben eine persönliche Geschichte oder einen Gedanken beigetragen.

Welche Geschichte hat Sie besonders berührt?

Die Einstiegsfrage lautete: «Wie alt fühlst du dich heute?» Eine Frau meinte lachend, sie fühle sich immer alt, wenn sie ihr Alter bei Online-Anmeldungen eingeben müsse und dann mehrmals nach unten bis zu ihrem Geburtsjahr scrolle. Es war auch sehr schön zu hören, wie die Frauen erzählt haben, was sie empfunden haben, als sie das erste Mal abstimmten, oder merkten, dass sie nicht abstimmen durften.

Was hat Sie überrascht?

Dass die jüngeren Frauen kaum glauben konnten, dass eine Frau vor 50 Jahren noch das Einverständnis ihres Mannes brauchte, um einen Job anzutreten. Das Bewusstsein der jungen Frauen für den Einsatz der Frauenrechte-Pionierinnen ist heute nicht mehr oder nur sehr wenig vorhanden.

Wie können junge Frauen sich in den nächsten 50 Jahren einbringen?

Das Ziel des Erzählcafés war, Frauen darin zu bestärken, für ihre Rechte einzustehen, aber auch ihre Pflichten wahrzunehmen. Das heisst, dass auch jüngere Frauen – und junge Menschen allgemein – sich aktiv in politische Themen einmischen sollen und nicht davon ausgehen, dass jemand anderes für sie kämpft. Insofern war das Erzählcafé auch ein Augenöffner, denn es zeigte, dass es im Jahr 2021 noch immer subtile Benachteiligungen gibt, sei das auf dem Arbeitsmarkt, im Alltag oder in der Paarbeziehung.

ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Gerber, Hans / Com_L15-0200-0001-0001 / CC BY-SA 4.0

Veranstaltungsreihe zu «50 Jahre Frauenstimm- und Wahlrecht»

Das Generationen-Erzählcafé wurde vom Kath. Frauenbund SG/Appenzell sowie den beiden Frauenzentralen St.Gallen und Appenzell Ausserrhoden und dem Verein Ostsinn angeboten. Es fand am 27. August 2021 im Rahmen des Jubiläums zum 50-jährigen Stimm- und Wahlrecht der Schweizer Frauen (siehe auch Flyer) statt. Die Macherinnen wurden mit einem Förderimpuls als inspirierendes Erzählcafé ausgezeichnet.

Tipp: 50 – 50 – 50

Zum 50-jährigen Jubiläum des Frauenstimm- und Wahlrechts in der Schweiz haben sich 50 Fotografinnen zusammengeschlossen, um einen landesweiten Blick auf die Stellung der Frau zu werfen. 50 Fotografinnen haben ein Portrait einer Frau ihrer Wahl realisiert. Die Publikation wurde unter anderem vom Migros-Kulturprozent unterstützt.

Möchten Sie das interkulturelle Format (siehe Interview mit Johanna Kohn) einmal selbst ausprobieren? Hier finden Sie Empfehlungen für Gesprächssituation in Erzählcafés mit gehörlosen gebärdenden Personen und DSGS-Dolmetschenden. 

 

Vor dem Erzählcafé:

  • Auf gute Lichtverhältnisse achten. Gegenlicht soll vermieden werden.
  • Je nach Gruppenzusammensetzung muss auch auf Hintergrundgeräusche geachtet werden (Hörgeräte, Cochlea-Implantate).
  • Den gehörlosen Personen und den Dolmetschenden kurz Zeit und Raum geben, um die beste Sitzordnung zu finden.
  • Tische nur wenn notwendig aufstellen.
  • Abklären, ob es in der Gruppe wichtig ist, Hochdeutsch zu sprechen.
  • Um die Aufmerksamkeit einer Gruppe auf sich zu lenken (z.B. für den Start), kann man zum Beispiel den Lichtschalter mehrmals ein- und ausschalten. Wenn die Dolmetschenden bereits präsent oder im Einsatz sind, kann man auch normal «rufen». Die Dolmetschenden übernehmen dann mit einer geeigneten Methode.

Während des Erzählcafés:

  • Es sollen nicht speziell lange Pausen für die Dolmetschenden gemacht werden. Wenn es zu schnell geht, werden die Dolmetschenden das Gespräch unterbrechen und um Wiederholung bitten.
  • Während des Gesprächs unbedingt Blickkontakt mit den Adressierten halten, nicht mit den Dolmetschenden.
  • Die Gebärdensprach-Dolmetschenden werden nicht aktiv ins Gespräch miteinbezogen. Das heisst, es sollen ihnen keine Fragen gestellt werden (ausser sie haben direkt mit der Dolmetschsituation zu tun).
  • Durch das Dolmetschen haben die gebärdensprachlich kommunizierenden Personen eine kleine Verzögerung. Eine typische Situation in gemischten gedolmetschten Gruppen ist: Eine Frage wird lautsprachlich gestellt. Wenn diese Frage dem Ende zugeht, melden sich bereits erste hörende Teilnehmende mit einer Antwort. Zur selben Zeit ist aber die Frage in der Gebärdensprache noch nicht fertig übersetzt. Die gehörlosen Personen sind also im Nachteil und die hörenden Personen kommen ihnen zuvor. In gemischten Gruppen entsteht so das Risiko, dass gehörlose Personen nicht zu Wort kommen. Vergeben Sie das «Recht zu sprechen», damit alle zu Wort kommen. Bevor Antworten auf eine Frage kommen, muss die Frage in Gebärdensprache fertig übersetzt worden sein.
  • Die Gehörlosenkultur zeichnet sich dadurch aus, dass viele Personen gleichzeitig kommunizieren. Es wäre möglich, dass die Gehörlosen die Organisation des Erzählcafés im Sinne von aufeinanderfolgenden Erzählungen (Monologen) unpassend finden und eher Diskussion oder Rückmeldungen suchen. Es sollten vorab Strategien definiert werden, wie die Moderierenden damit umgehen.

Den ausführlichen Leitfaden finden Sie hier.

Johanna Kohn, Professorin für Alter, Biographiearbeit und Migration an der FHNW, lancierte zusammen mit Simone Girard-Groeber, Forscherin im Gehörlosenbereich an der FHNW, ein besonderes Projekt: Sie luden hörende und gehörlose Menschen zum Erzählcafé ein. Johanna Kohn erzählt über diese interkulturelle Begegnung.

 

Interview: Anina Torrado Lara

Wie kamen Sie auf die Idee, Erzählcafés zu veranstalten, bei denen das «Einander Zuhören» eine Herausforderung darstellt?

Johanna Kohn

Johanna Kohn: Die Idee kam von Simone Girard-Groeber. Sie wollte die interkulturelle Begegnung zwischen Hörenden und Gehörlosen ermöglichen und herausfinden, was da im Gespräch passiert. Zuhören und Erzählen konnten wir dank zwei Gebärdensprach-Dolmetscherinnen. Es war ähnlich anspruchsvoll, wie wenn Menschen mit unterschiedlicher Muttersprache und Kultur zusammenkommen.

Inwiefern war die Begegnung zwischen Gehörlosen und Hörenden «interkulturell»?

Die Begegnungen waren in mehrfachem Sinne interkulturell: In jeder Kultur teilen wir gemeinsame Sprachen, gewisse Gewohnheiten, Regeln, Verhalten, Rituale und Geschichten. Hörende und Gehörlose in der Schweiz leben in der gleichen Umgebung, unterscheiden sich aber in Sprache, Geschichte, Umgang, Bedürfnissen. Gehörlose Menschen sind zudem in sich «bi-kulturell»: Sie sind Teil der hörenden Kultur einerseits, nutzen aber andererseits auch ihre Gebärdensprache und fühlen sich der Gehörlosenkultur angehörig.

Was prägt die Kultur von gehörlosen Menschen in der Schweiz?

Ein Einblick in die Geschichte der Gehörlosen in der Schweiz macht das verständlich: Viele der älteren Gehörlosen wurden früh vom Elternhaus getrennt und wuchsen in den wenigen Internaten für Gehörlose in der Schweiz auf. Dort war die Gebärdensprache vielfach verboten und sie wurden für das Gebärden bestraft. Unter grosser Anstrengung mussten sie lernen, Laute zu artikulieren und von den Lippen zu lesen. Untereinander haben sie sich oft nur versteckt in Gebärdensprache austauschen können. Das prägt. Hörende in der Schweiz teilen diese Geschichte nicht, sie haben vielfältige andere Erfahrungen. Während für die Gehörlosen als Minderheit das bi-kulturelle Leben der Alltag ist, war es für die Hörenden am Erzählcafé eher neu, Minderheit in einer gehörlosen Kultur zu sein.

Besteht heutzutage mehr Chancengleichheit für Gehörlose?

Es wurde schon einiges getan. Zum Beispiel werden mehr Informationen in Gebärdensprache übersetzt. Aber gerade im Bildungsbereich bestehen noch enorme Ungleichheiten. Das zeigt sich dann auch in der Berufswahl. Am Erzählcafé haben wir über dieses Thema gesprochen. Viele Gehörlose sagen, dass sie sich in einem ständigen «Kampf ums Sichtbarwerden» befinden. Es fängt schon bei der Berufswahl an: da sind auf den ersten Blick ganz viele Tätigkeiten «unmöglich».

Sind Hörende hilflos im Umgang mit Gehörlosen?

«Hilflos» möchte ich nicht sagen, aber vielleicht erst einmal «sprachlos» und «fremd» in einer fremden Kultur. Kontakt entsteht vielleicht, aber nur sehr oberflächlich. Vertiefte Gespräche sind möglich, wenn Hörende sehr kompetent in Gebärdensprache sind, oder Dolmetschende dabei sind. Das hat uns auch das Erzählcafé gezeigt: Es brauchte eine gute Vorbereitung, damit der interkulturelle Austausch für alle möglich und ein bereicherndes Erlebnis ist.

Können Sie uns einen ersten Einblick in Ihre Erkenntnisse geben?

Ich möchte noch nicht viel vorwegnehmen, aber die Erzählcafés haben bei allen Beteiligten Lust auf mehr geweckt. Sie haben den Hörenden Mut gemacht, sich darauf einzulassen, erst einmal nichts zu verstehen – und dann aber ganz viel zu erleben. Und sie haben den Gehörlosen den Raum gegeben, ihre Erfahrungen und ihre Welt «laut» sichtbar zu machen. Die Ergebnisse und der Leitfaden zur Durchführung von «Erzählcafés Inklusiv» mit Hörenden und Gehörlosen ist hier online.

 

Die Erzählcafé-Reihe mit Gehörlosen und Hörenden

Die Erzählcafé-Reihe wurde 2020 vom Netzwerk Erzählcafé mit dem Schweizerischen Gehörlosenbund, der Max-Bircher-Stiftung und dem Verein Sichtbar Gehörlose in Zürich veranstaltet. Mit dabei waren neben Johanna Kohn und Simone Girard-Groeber auch zwei Dolmetscherinnen sowie hörende und gehörlose Gäste und Moderierende. Aus den Erkenntnissen der Erzählcafés und Interviews mit Beteiligten enstand 2021 ein Bericht über die Kommunikation in interkulturellen Erzählcafés und ein Leitfaden mit Tipps.

Immer wieder erreichen uns Feedbacks der Teilnehmenden. Wir haben uns umgehört und Stimmen gesammelt. Haben Sie am Erzählcafé eine spannende Erfahrung gemacht? Schreiben Sie uns!

«Ich kann mich erinnern, dass ich beim Erzählcafé dabei war. Ich fand es schön. Du hockst dort, eine halbe Stunde, eine Stunde, und hast teil am Leben von Menschen, die du nicht kennst. Du erfährst ein Bruchstück ihres Lebens, ihrer Geschichte. Du hörst zu, erzählst von dir, und das gefallt mir! Ein unbekümmerter, freier Austausch. Nur so lernt man Leute kennen, wenn man miteinander redet. Und so sieht man sie auch von einer anderen Perspektive. Darum finde ich das Erzählcafé eine coole Sache!»

Alessandro Capasso, Primarschullehrer aus Berg SG, nahm im Solihaus an einem Erzählcafé zum Thema Abschied teil.

Die 20-jährige Aline war zum ersten Mal an einem Erzählcafé. Sie spricht über die Verbundenheit mit zuvor fremden Menschen, der Offenheit gegenüber Neuem und dem Generationen übergreifenden Dialog.

 

Wie hast du das Erzählcafé erlebt?

Aline: Ich war extrem positiv überrascht, dass alle am Tisch so aus sich herauskamen. Es war für mich auch sehr schön, mal in Kontakt mit verschiedenen Altersgruppen gleichzeitig zu kommen und deren Sicht auf ein doch eher banales Thema wie «Sonntagsausflüge mit Freunden» zu bekommen.

Mit welchem Gefühl bist du nach Hause gegangen?

Ich hatte am Schluss das Gefühl, ich sei seit einer Woche jeden Tag in diesem Kaffee mit diesen Personen gewesen – als ob ich alle schon ewig kenne. Ich ging mit einem sehr positiven und glücklichen Gefühl nach Hause.

Wie würdest du das Erzählcafé einer Freundin oder einem Freund schmackhaft machen?

Ich würde ihnen erzählen, dass es ein besonderes Erlebnis ist. Vielleicht etwas speziell zu Beginn, weil man niemanden kennt. Doch anschliessend, wenn sich alle öffnen, ist es wunderbar! Ich denke, man muss es einfach einmal erlebt haben. Es kommt natürlich darauf an, wie offen man gegenüber neuen Situationen und Menschen ist.

Zur Person

Aline studiert Betriebswirtschaftslehre mit einem Zusatzstudium in Wirtschaftspädagogik. Sie arbeitet neben dem Studium bei einem Stellenvermittlungsbüro und gibt im Unisport an der Universität St.Gallen HSG Sportstunden. Die 20-Jährige wohnt in St.Gallen und Luzern.

Ayub ist im Iran geboren und aufgewachsen. Er nimmt regelmässig an Erzählcafés im Solihaus teil (Foto: Anna-Tina Eberhard).

Ayub ist 27 Jahre alt. Der junge Plattenleger ist im Iran aufgewachsen und wohnt seit drei Jahren in der Schweiz. Im Interview sagt er, was ihn am Erzählcafé fasziniert.

 

Ayub, wie kamst du aufs Erzählcafé?

Ayub: Ich fahre oft nach St.Gallen, um mich mit anderen Menschen im Solihaus auszutauschen. Dort habe ich auch das Erzählcafé kennengelernt.

Wie hast du das Format erlebt?

Mir gefällt es sehr gut, denn ich treffe jedes Mal neue Leute. Diese stammen aus verschiedenen Ländern und haben spannende Geschichten aus ihrer Vergangenheit zu erzählen. Ausserdem kann ich dabei meine Deutschkenntnisse verbessern.

Was gefällt dir besonders gut?

Dass die Leute am Erzählcafé mich immer zum Lachen bringen. Die Geschichten, die wir uns erzählen, sind meistens sehr lustig. Mit anderen Menschen zu lachen ist etwas sehr Wertvolles im Alltag.

Haben Sie eine spannende Geschichte, die Sie anderen erzählen möchten? Schreiben Sie uns.

Das Herausgeberteam Johanna Kohn, Gert Dressel und Jessica Schnelle (siehe Hintergründe und Autor*innen) hat zu einem partizipativen Reflexions- und Feedbackworkshop eingeladen. Vom 12.- 13. Januar besprachen 20 Personen während 1.5 Tagen die ersten 15 Texte für die Publikation. Dabei wurden viel Lob, aber auch Wünsche und Anregungen an die Autorinnen und Autoren gerichtet.

Im nächsten Schritt wird die Struktur der sehr vielfältigen Publikation festgelegt. Eine zweite Runde zur Beurteilung von Texten findet am 31. Mai 2021 statt (Redaktionsschluss).

Marianne Wintzer führt schon seit längerem Erzählcafés im Alterszentrum Wengistein in Solothurn durch. Mit dabei waren jeweils stationäre Bewohnerinnen und Bewohner sowie Tagesgäste. Mit dem Lockdown kam alles anders.

Der Lockdown im Frühling 2020 war für Marianne Wintzer, stellvertretende Stationsleiterin, ein Schock: «Das Alterszentrum war vom 13. März bis 23. Juni 2020 komplett geschlossen. Wir mussten unsere sehr offene Institution mit Zentrumsfunktion, starkem Einbezug der Angehörigen, vielen freiwilligen Mitarbeitenden, internen und externen Anlässen, viel Besuch und einem florierenden Restaurant von einem Tag auf den anderen schliessen.»

Es stand in den Sternen, ob Menschen noch zusammen am Tisch sitzen dürfen. «Die Erzählcafés waren immer sehr beliebte und lebendige Veranstaltungen», erzählt Marianne Wintzer. Bei der Planung achtete stets auf die aktuelle Stimmung und Situation und wählte ein passendes Thema, zum Beispiel Wohlfühloasen oder Muttertag. «Der Austausch zwischen Menschen, die im Alterszentrum wohnen, und den Tagesgästen war immer sehr schön und hat für Abwechslung im Alltag gesorgt. Plötzlich sollte das nicht mehr möglich sein», erinnert sie sich.

Austausch auch im Lockdown

Die Moderatorin wollte den Kopf aber nicht in den Sand stecken und entschied sich, mit der nötigen Vorsicht weiterzumachen. Sie organisierte Erzählcafés unter strengen Hygienebedingungen und in kleinen Gruppen. «Ich konnte die positiven und negativen Stimmungen gut auffangen», erzählt Wintzer. Sie stimmte die Bewohnerinnen und Bewohner mit einer farbig gestalteten Pinwand auf die Erzählcafés ein und gestaltete die Erzählcafés nach dem gleichen Ablauf: auf den Rückblick folgte ein Ausblick. Von den 90 meist hochbetagten Bewohnenden lud sie 46 ein, 27 sind der Einladung schliesslich gefolgt.

Auf der Pinwand sind Fotos aus dem Lockdown zu sehen. Sie zeigen gemeinsame Erinnerungen und stimmen die Teilnehmenden aufs Erzählcafé ein.

Rechenschaftsbericht nimmt Erzählungen auf

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer seien laut Wintzer informiert gewesen, dass an den Erzählcafés auch der Lockdown zur Sprache komme und das Gesagte ausgewertet werde. «Die Stationsleitung wollte von den direkt Betroffenen hören, wie sie den Lockdown erleben und was wir kollektiv daraus lernen können», sagt Marianne Wintzer. «Das Wohl unserer Bewohnerinnen und Bewohner steht im Mittelpunkt.»

Die Erlebnisse und Wahrnehmungen, die sich die Menschen erzählten, wurden von der Zentrumsleitung ausgewertet und flossen in den Rechenschaftsbericht ein. Dieser erzählt von Traurigkeit, Dankbarkeit dem Personal gegenüber, Skepsis gegenüber der Gefährlichkeit der Situation, aber auch von der Freude an den Blumen oder dass «der Buchhalter endlich wieder herkommen kann, um wichtige Dinge zu erledigen.» Wintzer erzählt: «Ich war sehr beeindruckt ob der Fülle und Intensität der Aussagen. Alle Bewohnenden mussten während des Lockdowns eine unglaubliche Anpassungsleistung vollbringen. Diese wurde in den Erzählcafés wertgeschätzt, anerkannt und angesprochen.»

Mit dieser innovativen Idee hat Marianne Wintzer vom Netzwerk Erzählcafé einen Förderbeitrag von 500 Franken erhalten.

Über Marianne Wintzer

Seit 30 Jahren wirkt Marianne Wintzer im Sozial- und Gesundheitswesen mit und für Menschen. Sie ist stellvertretende Zentrumsleiterin im Alterszentrum Wengistein sowie Bereichsleiterin Tageszentrum und Ferienaufenthalt. Mit ihrer «Geschichtenwerkstätte» widmet sie sich zudem dem Erzählen, Zuhören und Bearbeiten von Lebensgeschichten. Beim Erzählcafé engagiert sie sich als aktive Moderatorin.

www.geschwe.com

 

 

Johanna Schlegel-Probst hat sich für ihre Erzählcafé-Reihe im Mai/Juni 2021 ein besonderes Thema überlegt: «Gender» (Geschlecht). Mit dem diesjährigen Jubiläum «50 Jahre Frauenstimmrecht in der Schweiz» ist das Thema aktueller denn je.

 

Die erfahrene Erzählcafé-Moderatorin Johanna Schlegel-Probst plant drei Erzählcafés zu diesen Themen:

  • Frauenberufe und Männerberufe – war das einmal?
  • Bücher und Spielsachen für Mädchen und Buben – früher und heute
  • Weibliche vs. männliche Körpersprache und Kleidung oder «wie fühle ich mich wohl in meiner Haut?»

«Zu diesen Themen hat jede und jeder etwas zu erzählen», sagt Johanna Schlegel-Probst. «Es ist wichtig, dass die Menschen ihre Sicht auf gesellschaftliche Themen wie ‘Geschlecht’ reflektieren und andere Perspektiven kennenlernen.» Schlegel-Probst ist überzeugt, dass die Menschen sich dadurch selber neu erfahren und lernen, dass jedes einzelne Individuum wichtig für eine bewusstere und lebenswerte Zukunft ist – unabhängig von Geschlecht, kulturellem Hintergrund, Ausbildung oder sozialem Status.

Leben, die anders als geplant verlaufen sind

Die Moderatorin aus Burgdorf BE spricht breite Teile der Bevölkerung an: per Mail, Postkarten, Flyer und Facebook. Jüngere und ältere Menschen, Frauen und Männer sollen miteinander am Tisch sitzen und beim Geschichtenerzählen die belebende Vielfalt erfahren. «Es tut gut, das eigene Verhalten zu spiegeln und zu hinterfragen. Das gelingt ganz hervorragend, indem wir uns Lebensgeschichten erzählen, die vielleicht nicht immer so verlaufen sind wie geplant», so Schlegel-Probst.

Die Erzählcafés werden im Gewölbekeller an der Grabenstrasse 6 in Burgdorf stattfinden – sofern es die aktuelle Lage zulässt. Auch für die nächsten Jahre hat die Moderatorin Themen auf Lager, die an den monatlichen Erzählcafés zur Sprache kommen: Umwelt und Klimaerwärmung, Kindererziehung, Rassismus, Mobilität und Einkaufsverhalten. Themen, die uns alle etwas angehen. Mit dem besonderen Fokus auf ein gesellschaftlich relevantes Jahresthemen hat Johanna Schlegel-Probst vom Netzwerk Erzählcafé einen Impuls von 500 Franken für ihre Erzählcafés erhalten.

Über Johanna Schlegel-Probst

Johanna Schlegel-Probst aus Burgdorf BE hat viel Erfahrung mit Erzählcafés. Monatlich lädt sie in den Gewölbekeller an der Grabenstrasse 6 in Burgdorf ein. Informationen finden Sie auf der Facebook-Seite der Burgdorfer Erzählcafés.