Das Netzwerk Erzählcafé Schweiz wird zum Verein. Das bisherige Projektteam wird auch in Zukunft sorgsam moderierte Erzählcafés fördern.

Das Netzwerk Erzählcafé Schweiz wurde 2015 als Kooperationsprojekt zwischen dem Migros-Kulturprozent und der Fachhochschule Nordwestschweiz initiiert. In den letzten Jahren hat es sich zu einem nationalen Netzwerk von Personen entwickelt, die sich von der Methode des Erzählcafés inspirieren lassen.

Während seiner Pilot- und Aufbauphase wurde es eng durch das Migros-Kulturprozent begleitet. Es sieht im Netzwerk Erzählcafé einen wichtigen Akteur, um den sozialen Zusammenhalt in der Schweiz zu stärken.

Das Migros-Kulturprozent nimmt aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen auf und setzt befristete Impulse. Nun entwickelt sich das Netzwerk Erzählcafé mit einer neuen Trägerschaft zu einem eigenständigen Verein weiter. Es wird während den Jahren 2023 und 2024 weiterhin vom Migros-Kulturprozent finanziell gefördert.

Gerne informieren Rhea Braunwalder und Marcello Martinoni Sie persönlich über die Veränderungen:

Montag, 5. Dezember 2022, 12.30 bis 13.30 Uhr, über Zoom

Wir freuen uns, wenn Sie das Netzwerk in der neuen Form weiterhin unterstützen. Bei Fragen stehen Ihnen Marcello Martinoni (Italienisch), Anne-Marie Nicole (Französisch) und Rhea Braunwalder (Deutsch) zur Verfügung.

Endlich ist es soweit: Unser Buch «Erzählcafés. Einblicke in Praxis und Theorie.», an dem 34 Autorinnen und Autoren mitgeschrieben haben, wurde veröffentlicht. Sie können es über den Beltz-Verlag bestellen (26 Euro).

Das Buch richtet sich an freiwillig Engagierte sowie Fachpersonen aus Sozialer Arbeit, Bildungsarbeit, Alters- und Jugendarbeit, Pflege, Hospiz- und Palliativbereich, Gesundheitsförderung, Quartiersarbeit sowie Kulturarbeit und -vermittlung. Vor allem jene, die Erzählcafés bereits moderieren oder anbieten, erhalten Einblicke in Praxis und Theorie.

Die Herausgeber*innen Jessica Schnelle, Johanna Kohn und Gert Dressel haben dieses Publikationsprojekt seit 2019 sorgfältig geplant und umgesetzt.

Lokale Buchvernissagen

Haben Sie die Möglichkeit, eine kleine Vernissage oder Lesung in Ihrer Region zu organisieren? Wir unterstützen Sie dabei und sind dankbar für Ihre Initiative. Hier erfahren Sie mehr

Das Netzwerk Erzählcafé war im Juni 2022 zu Gast im Schlossgarten Riggisberg. Die Erzählcafé-Moderatorin Nisha Andres erzählt, wie sie über Erzählcafés die Bewohnenden und die Dorfbevölkerung zum ungezwungenen Austausch an einen Tisch bringt.

Interview: Anina Torrado Lara

Im idyllisch gelegenen Schlossgarten Riggisberg leben rund 270 Bewohnerinnen und Bewohner.

Welchen Bezug haben Sie zu Erzählcafés?

Nisha Andres: Beim Schlossgarten Riggisberg haben wir bereits vor der Pandemie erste Erfahrungen mit Erzählcafés gesammelt. Deshalb hat es uns besonders gefreut, dass das Werkstattgespräch vom 2. Juni 2022 bei uns zu Gast war! Ich moderiere selber Erzählcafés und finde die Methode sehr gut geeignet, um sich ungezwungen zu treffen und Barrieren in den Köpfen abzubauen.

Wie tun Sie das im Schlossgarten?

Inklusion ist unsere Kernkompetenz. Der Schlossgarten ist nur eine kurze Entfernung vom Dorf Riggisberg entfernt und bietet viele Anknüpfungspunkte, um in Kontakt zu kommen: Vom Eggladen über das Restaurant Brunne bis zu Veranstaltungen wie dem Ostermärit, dem Open Air Kino oder dem Sommerfest bieten wir ein grosses Angebot. Unser Konzept ist darauf ausgelegt, Barrieren abzubauen. So kommen Schülerinnen und Schüler ganz selbstverständlich zum Schwimmunterricht, einige Kinder aus dem Dorf besuchen unsere Kita und wir bieten selber hergestellte Produkte auf den Märkten an. Einige Dorfbewohner*innen haben leider immer noch Hemmungen, mit Menschen in Kontakt zu treten, die vermeintlich anders sind.

Wie gehen die Bewohnenden mit diesen Barrieren in den Köpfen um?

Eine unserer Bewohnerinnen sagte einmal: «Es braucht einfach einen ersten Satz, ein erstes Lächeln, um Barrieren abzubauen.» Wir arbeiten jeden Tag daran, den Austausch aktiv zu fördern. Das gelingt auch an den Erzählcafés gut, denn sie ermöglichen es, eine höfliche, respektvolle und offene Kommunikation zu pflegen.

Was haben Sie vom Werkstattgespräch mitgenommen?

Es war ein sehr schöner Tag, an dem Inklusion auf einem hohen Niveau gelebt wurde. Es kamen so viele interessante Menschen und wir freuten uns über Gastbeiträge von Johanna Kohn und Gert Dressel. Mit dabei waren auch taubstumme Menschen mit Dolmetscher*innen, Personen im Rollstuhl und Bewohner*innen des Schlossgartens mit psychischen Erkrankungen. Einer der Bewohner sagte: «Ich hätte nicht gedacht, dass man mit taubstummen Menschen so intensiv ins Gespräch kommen kann! Ich habe realisiert, dass es noch andere Menschen mit einer Beeinträchtigung gibt.»

Ihr persönlicher Tipp fürs Erzählcafé?

Keine Angst davor haben, etwas Falsches zu sagen! Auch mir geht es manchmal so, dass ich unsicher bin. Ich möchte andere ermuntern, zu ihrer Unsicherheit zu stehen und ehrliche Gedanken zu formulieren. Nicht viel überlegen, sondern einfach fragen: «Ich bin mir gerade unsicher, wie darf ich dich nennen?» oder «Soll ich die Dolmetscherin oder die Person anschauen, die gerade redet?». Als Moderatorin habe ich auch die Aufgabe, den Elefanten im Raum anzusprechen. Dann sage ich manchmal: «Ich nehme gerade eine Irritation wahr, geht’s euch auch so?».

Der Schlossgarten Riggisberg war Gastgeber für die Werkstatttagung des Netzwerks Erzählcafé (Foto: Rhea Braunwalder)

Schlossgarten Riggisberg

Im Schlossgarten Riggisberg leben rund 270 Bewohner*innen mit einer psychischen und/oder körperlichen Beeinträchtigung. 350 Mitarbeitende sind beschäftigt. Die Bewohnenden können an einem Beschäftigungsplatz in den Betrieben mitarbeiten: Im Werkhaus werden Versände vorbereitet, Wahl- und Stimmunterlagen eingepackt oder Produkte fabriziert. Eine Gärtnerei pflegt die Liegenschaft und zieht Kräuter. Auch die Mitarbeit in der Küche, im Restaurant oder im Glaswerk werden geschätzt. Kreativität kann in Ateliers, der Manufaktur und in der niederschwelligen Arbeitsintegration gelebt werden.

Zur Person

Nisha Andres (Foto: zVg)

Nisha Andres ist seit 2016 Teil des Schlossgartens Riggisberg. Als Fachverantwortliche Beratung und Integration ist sie Ansprechperson für Bewohnende und Mitarbeitende, die herausfordernde Situation erleben. Nach ihrer Ausbildung zur Detailhändlerin bildete sie sich berufsbegleitend zur Sozialpädagogin weiter. Seit 2002 ist sie in verschiedenen sozialen Institutionen tätig. Sie hat viel Erfahrung im Umgang mit Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, psychischen Erkrankungen und in palliativen Situationen.

Am 26. August 2022 trafen sich 20 Moderierende im Haus der offenen Jugendarbeit der Stadt Wil zum Austausch und zur Reflexion. Der Tag dreht sich rund um Rassismus und um Erzählcafés mit Jugendlichen. Ein Rückblick von Rhea Braunwalder, Moderatorin und Projektmitarbeiterin des Netzwerks Erzählcafé Schweiz.

Text: Rhea Braunwalder

Wie kam es zur Auswahl des Orts?

In Wil (SG) entstand vor rund einem Jahr eine sehr aktive Gruppe von Moderierenden, die sich auf Initiative der Fachstelle Integration der Stadt Wil gebildet hat. Im Rahmen der Aktionswochen gegen Rassismus (März 2022) fanden in Wil gleich mehrere Erzählcafés zum Thema «Dazu gehören» statt. Es ging um Geschichten rund um das Zugehörigkeitsgefühl – nicht nur zu einem Land, aber auch zu Gruppen von Freunden, Vereinen oder Familien. Da ich bei den Moderierenden sehr viel Energie und Motivation spürte, war für mich klar, dass die diesjährige Intervision hier stattfinden sollte. Ich fragte Jara Halef von der Jugendarbeit Wil, ob sie uns einen Raum zur Verfügung stellen könnte.

Wie gestaltete sich der Tag?

Wir begannen am Vormittag mit einem Podium mit unseren Gastgeberinnen Jara Halef (Jugendarbeiterin bei der Stadt Will) und Katarina Stigwall (Leiterin und Beraterin bei der HEKS Beratungsstelle gegen Rassismus und Diskriminierung). Die beiden Referentinnen gaben Einblicke in ihre Arbeitswelt. Sie sind sich einig, dass das Erzählen über Rassismus, egal in welchem Setting, ziemlich schwierig ist. «Bis die Menschen überhaupt den Mut fassen, zur Beratungsstelle zu kommen, braucht es ziemlich viel», so Katarina Stigwall. Hingegen sei man beim Erzählcafé in einem geschützten Rahmen. Im Erzählcafé von Jara Halef erzählten einige Jugendliche von ihren Erfahrungen, nicht dazuzugehören.

Nach dem Podium gingen wir gemeinsam zum Mittagessen, wo viel Zeit für individuelle Gespräche blieb. Die Moderierenden besprachen untereinander ihre nächsten Erzählcafés, holten sich Inputs für Themen und Fragenstellungen und teilten eigene Geschichten aus dem Leben.

Am Nachmittag haben wir im Intervisionsformat in Kleingruppen individuelle Fälle genauer besprochen. Fragen wie «Was macht man, wenn Personen negative Schlüsse aus ihren Erlebnissen ziehen?» und «Wie gehen wir mit Medienschaffenden und ihren Berichten über unsere Erzählcafés um?» wurden intensiv diskutiert.

Was habe ich mitgenommen?

Das Interesse der Moderierenden am Thema Jugendliche und Rassismus war gross. Ich nehme mit, dass eine gute Moderation nicht nur mit Moderationsfähigkeiten zusammenhängt: Je mehr wir für Diversitätsthemen sensibilisiert sind und je besser wir uns in die Gefühls- und Lebenswelten unserer Erzählenden hineinversetzen können, desto feinfühliger können wir in der Moderation sein. So ist es mir ein Anliegen, im Netzwerk die Diversität in Bezug auf Gender, Sexualität, Herkunft und psychische wie physische Fähigkeiten zu thematisieren.

 

Zu den Personen

Katarina Stigwall ist Leiterin der HEKS Beratungsstelle gegen Rassismus und Diskriminierung und entwickelte ein Kartenset, das zum Reflektieren über Rassismus im Alltag anregt. Auf der einen Seite stehen Sätze, die auf den ersten Blick ganz unbefangen erscheinen, auf der Rückseite werden die Sätze historisch und gesellschaftlich kontextualisiert und erhalten so eine grössere Bedeutung. Das Kartenset eignet sich als Gesprächsgrundlage für Workshops. Für mehr Informationen wenden Sie sich an die Beratungsstelle.


Jara Halef ist Jugendarbeiterin bei der Stadt Wil. Sie schätzt den ungezwungenen und lockeren Umgang mit Jugendlichen, ohne Erwartungen oder Leistungsdruck.

Am 2. Juni 2022 traf sich das Netzwerk Erzählcafé zum Werkstattgespräch #7 im Schlossgarten Riggisberg. Mit dabei waren Bewohner*innen des Schlossgartens, Vertreter*innen des Netzwerks Erzählcafé und Interessierte aus der Umgebung. Wir haben gemeinsam über Barrieren nachgedacht – physische und in den Köpfen. Hier einige Eindrücke:

«Ich habe gelernt, dass wir manchmal selbst Barrieren schaffen, ohne es zu wollen. Vielleicht wollen wir, dass sich die andere Person absolut komfortabel fühlt, und begrenzen/bearbeiten dazu bestimmte Teile unseres Erzählcafés. Es würde dagegen einfach genügen, die andere Person zu fragen: “Was brauchen Sie?”, um eine schnelle und einfache Lösung für alle zu finden. Inklusion bedeutet für mich genau das.»
Valentina Pallucca, Netzwerk Erzählcafé, Koordinatorin Tessin

 

«Der Tag war sehr interessant. Was mich beeindruckt hat, die Menschen, welche nicht sprechen und hören konnten. Ich habe gelernt, dass ich mit diesen Menschen sehr gut kommunizieren kann. So eine Gebärdensprache zu lernen. Die Offenheit der Leute habe ich neu kennengelernt. Das war schön.»
Beat Zbinden, Landwirt, Riggisberg

 

«Es war interessant, einmal etwas anderes zu lernen. Einmal Menschen kennen zu lernen, die ein anderes Handicap haben als ich. Sie waren offen. Da komme ich mir verklemmt vor. Was ich gelernt habe: Dass wir alle gleich sind. Einmal mit Menschen mit anderen Handicap einen ganzen Tag verbringen zu dürfen war genial.»
Bruno Pärli, Chauffeur, Riggisberg

 

«Es war superschön, bekannte und neue Gesichter an einem so schönen Ort an einem sommerlichen Tag zu treffen. Das Gemeinschaftsgefühl unter den Teilnehmenden motiviert mich und gibt mir den Eindruck, an etwas Wesentlichem teil zu haben.»
Rhea Braunwalder, Netzwerk Erzählcafé, Projektmitarbeiterin

 

Inklusive Erzählcafés

Erzählcafés leisten einen wichtigen Beitrag zum Zusammenhalt in der Gesellschaft. Sie sollen für alle zugänglich sein. Aber sind sie das wirklich, ohne Wenn und Aber? Im 2022 legt das Netzwerk Erzählcafé Schweiz den Fokus auf inklusive Erzählcafés und sammelt Erfahrungen, wie diese barrierefrei stattfinden können. Inspirierende Erzählcafés werden im Blog portraitiert und mit 500 CHF belohnt. Wir haben bereits einiges erarbeitet:

Die Idee zum Projekt Con-tatto stammt von Lorenza Campana, einer Freiwilligen bei zwei Projekten des Migros-Kulturprozent: Netzwerk Erzählcafé und TiM – Tandem im Museum. Lorenza’s Idee war es, diese beiden Projekte zu verbinden und so einen inklusiven Nachmittag zu realisieren. Die Stiftung Lindenberg zeigte zu dieser Zeit eine Ausstellung von Skulpturen der Tessiner Künstlerin Veronica Branca Masa unter dem Titel «Frammento infinito».

Artikel: Valentina Pallucca Forte und Lorenza Campana

  • Wie kam es zum Erzählcafé?

Lorenza hatte folgende Idee: ein Nachmittag, an dem blinde/sehbehinderte Menschen und sehende Personen im Rahmen einer taktilen Besichtigung des Museums dieselben Empfindungen erleben können. Wir hatten das Privileg, die Skulpturen anfassen zu dürfen und die Bildhauerin dabeizuhaben, die mit Anekdoten und Geschichten über ihre Werke einen wichtigen Beitrag zu diesem Nachmittag leistete. Damit alle Teilnehmenden dieselbe Erfahrung machen konnten, erhielten die sehenden Personen verdunkelnde Augenmasken. Nach diesem taktilen Erlebnis wurde ein Erzählcafé zum Thema «Kontakt» durchgeführt.

An der Organisation der Veranstaltung waren diverse Akteur*innen beteiligt: das Netzwerk Erzählcafé, TiM, die Tagesstätte Casa Andreina und die Stiftung Lindenberg. «Das Ergebnis war ein unbekümmerter und bereichernder Nachmittag für alle, ein Erlebnis, das sich zu wiederholen holt», sagt Lorenza Campana.

  • Welches Thema habt ihr gewählt? 

Wir haben das Thema «Con-tatto» gewählt, weil das Wortspiel einerseits den Kontakt mit einer Oberfläche («contatto», zu Deutsch «Kontakt») und andererseits das Verwenden des Tastsinns («con il tatto», zu Deutsch «mit dem Tastsinn»), aber auch den respektvollen Umgang mit den Mitmenschen («con tatto», zu Deutsch «taktvoll») bedeutet. Wir wollten die Teilnehmenden dazu ermutigen, von ihren persönlichen Erfahrungen mit Berührungen und Kontakten zu erzählen. Wie haben sie sich im Laufe der Jahre und in Zeiten von COVID verändert? Wie haben sie dafür gesorgt, Kontakte auch während der Pandemie aufrechtzuerhalten? Welcher Kontakt ist ihnen besonders wichtig, und wie hat er ihr Leben verändert?

Da das Erzählcafé nach der Museumsbesichtigung stattgefunden hat, haben die Teilnehmenden eher von ihren Empfindungen und Gefühlen im Zusammenhang mit der Besichtigung erzählt. Lorenza und Valentina hielten es für sinnvoll, ihnen Raum für diese Erzählungen zu lassen, auch weil – wie die Teilnehmenden erklärt haben – es nicht oft vorkommt, dass man eine solche Erfahrung in einem Museum machen darf.

  • Wer hat teilgenommen? 

Unser Ziel war es, die Gäste der Tagesstätte Casa Andreina – Unitas einzubeziehen, also blinde oder sehbehinderte Menschen und sehende Personen. Dieses Ziel haben wir erreicht. Sechs blinde/sehbehinderte Menschen und sechs sehende Personen haben an der Veranstaltung teilgenommen.

  • Welche Barrieren wurden berücksichtigt? Was waren die Herausforderungen – und wie seid ihr damit umgegangen? 

Lorenza Campana und Valentina Pallucca haben die Stiftung Lindenberg vorab besucht, um sich zu überlegen, wo die Stühle für das Erzählcafé aufgestellt werden könnten. Sie haben sich für ein Ecke im Erdgeschoss entschieden, ohne Treppen. Die Stühle haben sie bereits vor dem Eintreffen der Teilnehmenden kreisförmig aufgestellt.

  •  Erinnert ihr euch an einen besonders schönen Moment? 

Während des Erzählcafés erzählte ein von Geburt an blinder Teilnehmer, wie er Farben wahrnimmt: Er assoziiert jede Farbe mit einer Melodie (rot = fröhliche und lebhafte Melodien, blau = ruhige Melodien etc.). Das war ein besonderer und interessanter Moment, denn einige der sehenden Teilnehmenden hatten sich noch nie Gedanken über diesen Aspekt des Alltags einer blinden Person gemacht.

  • Welches Fazit zieht ihr aus dieser Veranstaltung? 

Das Fazit fällt ganz klar positiv aus. Das Erzählcafé verlief etwas anders als geplant, aber es erwies sich als ein hervorragendes Instrument für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und den Austausch. Die Macherinnen haben verstanden, dass es eine gewisse Flexibilität braucht und dass es manchmal notwendig ist, das ursprüngliche Projekt abzuändern. Sie können aus dieser Erfahrung lernen: Beim nächsten Mal werden sie zuerst das Erzählcafé durchführen und erst dann die Museumsbesichtigung machen. So steht diese beim Erzählen nicht übermässig im Fokus. Sie wollen aber auf jeden Fall auch in Zukunft wieder verschiedene soziale Projekte miteinander verbinden.

  • Was haltet ihr von der Herangehensweise des Erzählcafés? 

Erzählcafés sind eine hervorragende Gelegenheit, Gedanken und Erfahrungen mit Menschen zu teilen, die sich anfänglich möglicherweise gar nicht kennen.

Ziel ist es, gesellschaftlichen Zusammenhalt, Integration und gegenseitiges Verständnis zu schaffen, und dafür zu sorgen, dass sich alle wohlfühlen. Die Teilnehmenden sollen nicht nur die menschliche Wärme der anderen erfahren, sondern auch, wie Menschen im Grunde oft einen gemeinsamen Berührungspunkt haben und Leben miteinander verwoben sind – auch wenn die Menschen auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten.

Förderprogramm des Netzwerks Erzählcafé

Das Erzählcafé «Con-tatto» hat einen Förderbeitrag vom Netzwerk Erzählcafé erhalten. Auf der Website finden Sie nähere Informationen dazu, wie Sie sich mit Ihrem Erzählcafé bewerben können: Förderprogramm 2022

Über ein Erzählcafé lässt sich zweifellos sagen, dass es intensiv, bewegend, berührend, heiter, fröhlich oder ernst war. Aber darf man auch urteilen, dass es erfolgreich oder – im Gegenteil – nicht erfolgreich war? Von einem Misserfolg zu sprechen, würde das nicht bedeuten, die Qualität der ausgetauschten Erzählungen in Frage zu stellen? Ein persönlicher Erfahrungsbericht.

 

Text: Anne-Marie Nicole, Koordinatorin Suisse romande

Anfang Dezember 2021 hat das Musée Ariana in Genf das partizipative und Wochenende «L’art pour tous, tous pour l’art» organisiert. Es stand ganz im Zeichen der Inklusion und der Vielfalt der Teilnehmenden. Das angebotene Kulturprogramm sollte die Pluralität der Sichtweisen fördern. In diesem Rahmen wurden zwei Erzählcafés angeboten. Bereits in der Vergangenheit fanden auf Initiative der Kulturvermittlerin Sabine Erzählcafés im Museum statt. Das Musée Ariana hat dem Publikum die Museumsräume und einen Rahmen für Gespräche zur Verfügung gestellt.

«Es stellte sich plötzlich Enttäuschung ein»

Dieses Mal ging es am Erzählcafé ums Thema «Plaisirs et déplaisirs». Es bot den Teilnehmenden die Möglichkeit, von kleinen Freuden zu erzählen, die für sie das Leben ausmachen und die sie wie Prousts Madeleine in die Gerüche und Gefühle ihrer Kindheit zurückversetzen. Und da dieses Wochenende dazu gedacht war, die Wahrnehmungsfähigkeiten zu trainieren, sollte das Thema auch dazu einladen, von sensorischen Erinnerungen und Erfahrungen zu erzählen: sinnliche Genüsse und Verdrüsse, Mögen und Nichtmögen, gute und schlechte Gerüche, Sehsinn und Hörsinn, die Freude bereiten können, manchen Menschen aber verwehrt sind.

Nach dem ersten Erzählcafé am Samstag, an dem etwa ein Dutzend Personen mit und ohne Beeinträchtigung teilgenommen hatten, stellte sich bei uns Moderatorinnen und Vermittlerinnen Enttäuschung ein. Wir hatten das Gefühl, dass die Veranstaltung etwas zusammenhanglos und bruchstückhaft war. Wir hatten noch die vorherigen, reichen und bewegenden Erzählcafés in Erinnerung, an denen die einzelnen Geschichten ganz natürlich ineinander übergingen und von den Teilnehmenden aufgegriffen wurden. In diesem Fall jedoch waren wir enttäuscht, und dies trotz einiger reicher Geschichten und der Übersetzung in Gebärdensprache. Was hat da nicht richtig funktioniert?

Was lief schief?

Wir haben dann zusammen versucht, die Ursachen zu identifizieren. Schnell waren wir uns einig, dass diese einerseits bei den externen Bedingungen und andererseits bei der Vorbereitung des Erzählcafés zu suchen sind. Hier die Erkenntnisse:

  • Das Umfeld. Bei der Organisation des Erzählcafés mussten wir die COVID-19-Schutzmassnahmen berücksichtigen. Aus diesem Grund wurde der grosse Raum gut gelüftet, weswegen es allerdings relativ kühl war und die Teilnehmenden ihre Mäntel nicht auszogen. Die Stühle wurden kreisförmig mit grossem Abstand angeordnet, wodurch sich keine vertraute, gemütliche Atmosphäre einstellen konnte. Durch das Tragen der Maske war es teilweise schwierig, die Erzählungen zu verstehen. Das Zuhören und die Aufmerksamkeit wurden durch Geräusche anderer Aktivitäten im Museum gestört, ebenso wie durch das Kommen und Gehen im Raum selbst; denn manche Personen kamen zu spät und wussten deshalb nicht über den Ablauf und die Verhaltensregeln eines Erzählcafés Bescheid. Aufgrund der Schutzmassnahmen mussten wir zudem auf den informellen «Café»-Teil verzichten, der jedoch für das Knüpfen von Beziehungen wichtig ist.
  • Die Vorbereitung. Nachdem ich darüber nachgedacht habe, muss ich gestehen, dass ich den Kontext, in dem die beiden Erzählcafés stattfanden, aus den Augen verloren habe. Anstatt den Fokus auf die sensorischen Erfahrungen zu legen, die die Teilnehmenden während des Tages im Museum gemacht hatten, und sie mit vergangenen Erinnerungen und Ereignissen in Verbindung zu bringen, habe ich das Thema «Plaisirs et déplaisirs» zu breit behandelt. Dies erklärt gewiss den mitunter zusammenhanglosen Ablauf und zweifellos auch den Frust mancher Personen darüber, dass sie ihre Entdeckungen und Eindrücke vom Tag selbst nicht teilen konnten.
  • Die Gruppe. Die Zielgruppe war sehr breit: Personen mit körperlicher oder psychischer Beeinträchtigung, ihre Angehörigen und Begleitpersonen. Rückblickend denke ich, dass ich bzw. wir stärker an der integrativen Dimension des Erzählcafés hätten arbeiten sollen, zum Beispiel durch das Einbeziehen einer Person mit Beeinträchtigung bei der Moderation des Erzählcafés.

Aus Fehlern gelernt

Für das zweite Erzählcafé haben wir Anpassungen – hauptsächlich logistischer Art – vorgenommen. So haben wir zum Beispiel die Tür zum Raum geschlossen, sobald wir begonnen haben. Später haben wir auch über die Vorbereitung des Themas und den Umgang mit der Vielfalt der Teilnehmenden nachgedacht. Die Moderatorinnen und Vermittlerinnen hatten sich bereits im Vorfeld ausgetauscht und sich Gedanken gemacht.

Diese Erfahrung hat mich gelehrt, dass jedes Erzählcafé einzigartig ist, seinen eigenen Rhythmus, seine eigene Dynamik und seine eigene Atmosphäre hat. Mir wurde klar, dass es nicht nur wichtig ist, einen gemütlichen, geselligen und sicheren Ort zu wählen, sondern auch, dass eine gute Vorbereitung essenziell ist: Man sollte sich die Zeit nehmen, über das gewählte Thema nachzudenken, zunächst in Bezug auf sich selbst, aber auch in Bezug auf das erwartete Publikum. So kommt das Gespräch besser in Gang und fliesst wie von alleine.

 

Zum erfolgreichen Erzählcafé

Erzählungen können nicht beurteilt oder bewertet werden. Sie sind weder gut noch schlecht, weder richtig noch falsch. Sie sind ganz einfach Erzählungen. Die Ursachen für ein «misslungenes» Erzählcafé liegen meist bei der Vorbereitung, der Vorkenntnis, dem Empfang der Teilnehmenden oder dem Umfeld. Der praktische Leitfaden des Netzwerks Erzählcafé unterstützt Moderator*innen und Veranstalter*innen bei der Vorbereitung und Durchführung von Erzählcafés.

Marianne Wintzer ist Gründerin der Geschichtenwerkstätte, Mediatorin, Coach und Moderatorin von Erzählcafés. Sie ist überzeugt, dass sich gewaltfreie Kommunikation nirgends besser trainieren lässt als am Erzählcafé.  

 

Marianne, hat Gewalt in der Kommunikation zugenommen?

Marianne Wintzer: Konflikte gehören zum Alltag. Das war früher so, ist heute so und wird auch in Zukunft so sein. «Hatespeech» oder «Cancel Culture» sind aber leider Phänomene, die unsere Zeit prägen. Es macht mich traurig zu sehen, wie viele Menschen verlernt haben, sich zuzuhören. Man muss nicht immer auf alles eine Antwort haben oder jemanden von der eigenen Meinung überzeugen. Für mich ist das Erzählcafé eine sehr gute Trainingsmethode für mehr Verständnis und Toleranz.

Wie «trainieren» die Teilnehmenden am Erzählcafé?

In diesem vertrauensvollen Raum wird Wertschätzung, gegenseitiges Verständnis und Respekt eingefordert. Zuhören, sich in andere Menschen hineinversetzen und sich an eigene Geschichten erinnern ist intensive emotionale Arbeit an sich selbst. In Vergessenheit geratene Erlebnisse können plötzlich wieder an die Oberfläche kommen, wollen in Worte gefasst werden. Und sie können auch einen neuen Bedeutungsrahmen erhalten («so sah ich das noch nie»).

Gehen Menschen nach dem Erzählcafé verändert raus?

Das Erzählcafé hilft, eigene Denk- und Kommunikationsmuster im Dialog mit anderen Menschen zu überprüfen und zu verbessern. Es geht um: «Erzähl mal, ich höre dir zu und verstehe deine Beweggründe. Dann erzähle ich und du hörst mir zu. Wir müssen uns nicht einig sein, aber ausreden lassen und versuchen, zu verstehen.» Am Schluss im informellen Teil höre ich oft den Satz: «So sah ich das noch nie.» Nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selbst!

Das klingt auch nach einer Methode, um Konflikte zu bewältigen.

Ja, ein positives Gespräch ist immer friedensstiftend. Das Erzählcafé hat Parallelen zur Mediation. Bei einer Mediation sitzen sich zerstrittene Parteien gegenüber. Die Moderation stellt bei der Konflikterhellung sicher, dass es keine Diskussionen, sondern nur Rückfragen gibt. Die Parteien müssen zuhören und ihre Perspektive wechseln. Nur so können sie ihre Positionen aufweichen, eine Lösung finden, die einvernehmlich ist und diese gemeinsam erarbeitete Lösung dann mittragen.

Interview: Anina Torrado Lara

Zur Person

Marianne Wintzer aus Solothurn moderiert regelmässig Erzählcafé. Sie ist fasziniert von Lebensgeschichten und überzeugt, dass es nie zu spät ist für ein gutes Leben. Mit der Geschichtenwerkstätte coacht sie Menschen, die ihrem Leben eine neue Richtung geben wollen. Marianne Wintzer erzählt auch leidenschaftlich gerne Natur-Ton-Geschichten: auf dem Alphorn und dem Büchel.

Am 20. März 2022 ist internationaler Weltgeschichtentag (auch: World Storytelling Day) zum Thema «Lost and Found». Mit dem Aktionstag soll die Kunst des mündlichen Erzählens gefeiert werden. Klar, möchte auch das Netzwerk Erzählcafé diesen Tag nutzen, um Geschichten auszutauschen! Am 20. März 2022 sind bereits Erzählcafés geplant:

Möchten Sie selber an diesem Tag ein Erzählcafé moderieren? Tragen Sie Ihre Veranstaltung jetzt ein!

Katharina Woog ist Beraterin an der Psychologischen Beratungsstelle der Universität St.Gallen (PBS). Jeden Tag klopfen Studierende, Doktorierende und Mitarbeitende an ihre Tür. Sie benötigen Unterstützung, sei es wegen Prüfungsangst, Stress oder Mobbing. Mit dem Erzählcafé hat Woog das Gespräch über das eigene Verhältnis zu Leistung angeregt.

Text: Anina Torrado Lara
Foto: zVg

Die Psychologin Katharina Woog weiss, dass Gesundheit ganzheitlich ist und man Körper und Psyche gleichermassen Sorge tragen muss. Sie arbeitet eng mit dem Unisport zusammen. Dieser bietet mit einem breiten Sportangebot einen Ausgleich zur kopflastigen Arbeit.

Im Oktober 2021 boten die PBS und Unisport anlässlich der HSG Gesundheitstage 2021 Einblicke in neue Sportarten, Entspannungstechniken und Methoden zur Gesundheitsprävention. Neben Meditationstechniken oder gesunder Ernährung gab es die traditionelle Thai-Yoga-Massage oder ein Eisbad auszuprobieren.

Das Ziel der HSG Gesundheitstage 2021 war es, Leistung neu zu denken («Rethinking performance»). Es geht laut Woog nicht darum, wer besser oder schneller ist, sondern, dass man sich Sorge trage und sich nicht überfordere. «Wir erklären das so: Das Berufsleben ist kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf. Wer mit zu viel Tempo startet, wird auf halber Strecke schlapp machen.»

Erzählcafé als neue Erfahrung

Katharina Woog suchte auch nach Methoden, um den Dialog über die eigene Gesundheit anzuregen und zu reflektieren. Sie stiess auf das Erzählcafé und wusste gleich, dass sie es mit Studierenden und Mitarbeitenden ausprobieren wollte. Sie fand einen passenden Raum, schrieb Interessierte an und engagierte Rhea Braunwalder vom Netzwerk Erzählcafé Schweiz als Moderatorin. Diese erzählt: «Das Erzählcafé hat die Teilnehmenden überzeugt. Es brauchte jedoch auch Zeit, um das Vertrauen für ein offenes Gespräch unter Fremden zu etablieren. Der Sprung über den eigenen Schatten und die Öffnung haben das Erzählcafé zu einem besonderen Erlebnis gemacht.»

Alternative zur Selbstoptimierung

«Unsere Gesellschaft verleitet uns dazu, sich selbst und die eigenen Leistungen stets zu optimieren. Mit dem Streben nach schneller, weiter und höher können körperliche und psychische Ermüdungserscheinungen einhergehen. Das hindert uns an einer nachhaltigen und gesunden Leistungsfähigkeit», erklärt Katharina Woog. Die Gespräche am Erzählcafé hätten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer angeregt, ihr persönliches Leistungskonzept zu überdenken und dafür zu sorgen, einen Ausgleich zwischen Arbeit, Studium und Freizeit zu schaffen.

Zur Person

Katharina Woog ist psychologische Beraterin an der Psychologischen Beratungsstelle der Universität St.Gallen (PBS). Nach dem Studium der Psychologie und der Sozialwissenschaften in Giessen bildete sie sich zur Systemischen Therapeutin aus. Sie begleitet Menschen, sich beruflich zu orientieren und bietet Unterstützung in beruflichen oder privaten Belastungssituationen.