Liebe Moderatorinnen, liebe Moderatoren, liebe Teilnehmende an Erzählcafés,

Wir sind überzeugt, dass das Erzählen und Zuhören gerade in diesen Zeiten an Wichtigkeit beibehält oder sogar gewinnt. Die Einschränkungen und Veränderungen lassen Raum für Kreativität und Alternativen. Gehen wir die Chancen und Herausforderungen gemeinsam an.

Unsere Vorschläge:

  • Führen Sie das Erzählcafé wenn immer möglich im Freien durch. Seit dem 1. März 2021 sind Treffen mit 15 Personen draussen wieder möglich. Die maximale Teilnehmerzahl bei privaten Treffen drinnen ist weiterhin auf 5 Personen beschränkt.
  • Halten Sie einen Sicherheitsabstand von 1.5 Metern ein und tragen Sie eine Maske.
  • Waschen Sie sich regelmässig und gründlich die Hände mit Wasser und Seife oder benutzen Sie Desinfektionsmittel.
  • Erfassen Sie die Kontaktdetails der Teilnehmenden (Contact Tracing) und bewahren Sie diese auf.

Weiterhin bitten wir Sie, sich bei der Durchführung von Erzählcafés an die Weisungen des BAG und der Kantone zu halten.

Als Experiment in digitalen Formen des Erzählens haben wir den Salon des histoires eingerichtet, in dem Lebensgeschichten geschrieben und gelesen werden können. Wir sind gespannt auf Ihre Geschichten und freuen uns auf Ihren Beitrag! Weiterhin fördern wir den Erfahrungsaustausch unter Moderatorinnen und Moderatoren und machen ihre Erfahrungen und Experimente auf der Webseite sichtbar. Tragen Sie zum Erfahrungsaustausch bei, indem auch Sie Ihre Erfahrungen zur Moderation in Zeiten von Corona teilen.

Herzlichen Dank,

Ihr Projektteam des Netzwerks Erzählcafé Schweiz (Stand 1. März 2021)

Das Herausgeberteam Johanna Kohn, Gert Dressel und Jessica Schnelle (siehe Hintergründe und Autor*innen) hat zu einem partizipativen Reflexions- und Feedbackworkshop eingeladen. Vom 12.- 13. Januar besprachen 20 Personen während 1.5 Tagen die ersten 15 Texte für die Publikation. Dabei wurden viel Lob, aber auch Wünsche und Anregungen an die Autorinnen und Autoren gerichtet.

Im nächsten Schritt wird die Struktur der sehr vielfältigen Publikation festgelegt. Eine zweite Runde zur Beurteilung von Texten findet am 31. Mai 2021 statt (Redaktionsschluss).

Marianne Wintzer führt schon seit längerem Erzählcafés im Alterszentrum Wengistein in Solothurn durch. Mit dabei waren jeweils stationäre Bewohnerinnen und Bewohner sowie Tagesgäste. Mit dem Lockdown kam alles anders.

Der Lockdown im Frühling 2020 war für Marianne Wintzer, stellvertretende Stationsleiterin, ein Schock: «Das Alterszentrum war vom 13. März bis 23. Juni 2020 komplett geschlossen. Wir mussten unsere sehr offene Institution mit Zentrumsfunktion, starkem Einbezug der Angehörigen, vielen freiwilligen Mitarbeitenden, internen und externen Anlässen, viel Besuch und einem florierenden Restaurant von einem Tag auf den anderen schliessen.»

Es stand in den Sternen, ob Menschen noch zusammen am Tisch sitzen dürfen. «Die Erzählcafés waren immer sehr beliebte und lebendige Veranstaltungen», erzählt Marianne Wintzer. Bei der Planung achtete stets auf die aktuelle Stimmung und Situation und wählte ein passendes Thema, zum Beispiel Wohlfühloasen oder Muttertag. «Der Austausch zwischen Menschen, die im Alterszentrum wohnen, und den Tagesgästen war immer sehr schön und hat für Abwechslung im Alltag gesorgt. Plötzlich sollte das nicht mehr möglich sein», erinnert sie sich.

Austausch auch im Lockdown

Die Moderatorin wollte den Kopf aber nicht in den Sand stecken und entschied sich, mit der nötigen Vorsicht weiterzumachen. Sie organisierte Erzählcafés unter strengen Hygienebedingungen und in kleinen Gruppen. «Ich konnte die positiven und negativen Stimmungen gut auffangen», erzählt Wintzer. Sie stimmte die Bewohnerinnen und Bewohner mit einer farbig gestalteten Pinwand auf die Erzählcafés ein und gestaltete die Erzählcafés nach dem gleichen Ablauf: auf den Rückblick folgte ein Ausblick. Von den 90 meist hochbetagten Bewohnenden lud sie 46 ein, 27 sind der Einladung schliesslich gefolgt.

Auf der Pinwand sind Fotos aus dem Lockdown zu sehen. Sie zeigen gemeinsame Erinnerungen und stimmen die Teilnehmenden aufs Erzählcafé ein.

Rechenschaftsbericht nimmt Erzählungen auf

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer seien laut Wintzer informiert gewesen, dass an den Erzählcafés auch der Lockdown zur Sprache komme und das Gesagte ausgewertet werde. «Die Stationsleitung wollte von den direkt Betroffenen hören, wie sie den Lockdown erleben und was wir kollektiv daraus lernen können», sagt Marianne Wintzer. «Das Wohl unserer Bewohnerinnen und Bewohner steht im Mittelpunkt.»

Die Erlebnisse und Wahrnehmungen, die sich die Menschen erzählten, wurden von der Zentrumsleitung ausgewertet und flossen in den Rechenschaftsbericht ein. Dieser erzählt von Traurigkeit, Dankbarkeit dem Personal gegenüber, Skepsis gegenüber der Gefährlichkeit der Situation, aber auch von der Freude an den Blumen oder dass «der Buchhalter endlich wieder herkommen kann, um wichtige Dinge zu erledigen.» Wintzer erzählt: «Ich war sehr beeindruckt ob der Fülle und Intensität der Aussagen. Alle Bewohnenden mussten während des Lockdowns eine unglaubliche Anpassungsleistung vollbringen. Diese wurde in den Erzählcafés wertgeschätzt, anerkannt und angesprochen.»

Mit dieser innovativen Idee hat Marianne Wintzer vom Netzwerk Erzählcafé einen Förderbeitrag von 500 Franken erhalten.

Über Marianne Wintzer

Seit 30 Jahren wirkt Marianne Wintzer im Sozial- und Gesundheitswesen mit und für Menschen. Sie ist stellvertretende Zentrumsleiterin im Alterszentrum Wengistein sowie Bereichsleiterin Tageszentrum und Ferienaufenthalt. Mit ihrer «Geschichtenwerkstätte» widmet sie sich zudem dem Erzählen, Zuhören und Bearbeiten von Lebensgeschichten. Beim Erzählcafé engagiert sie sich als aktive Moderatorin.

www.geschwe.com

 

 

Johanna Schlegel-Probst hat sich für ihre Erzählcafé-Reihe im Mai/Juni 2021 ein besonderes Thema überlegt: «Gender» (Geschlecht). Mit dem diesjährigen Jubiläum «50 Jahre Frauenstimmrecht in der Schweiz» ist das Thema aktueller denn je.

 

Die erfahrene Erzählcafé-Moderatorin Johanna Schlegel-Probst plant drei Erzählcafés zu diesen Themen:

  • Frauenberufe und Männerberufe – war das einmal?
  • Bücher und Spielsachen für Mädchen und Buben – früher und heute
  • Weibliche vs. männliche Körpersprache und Kleidung oder «wie fühle ich mich wohl in meiner Haut?»

«Zu diesen Themen hat jede und jeder etwas zu erzählen», sagt Johanna Schlegel-Probst. «Es ist wichtig, dass die Menschen ihre Sicht auf gesellschaftliche Themen wie ‘Geschlecht’ reflektieren und andere Perspektiven kennenlernen.» Schlegel-Probst ist überzeugt, dass die Menschen sich dadurch selber neu erfahren und lernen, dass jedes einzelne Individuum wichtig für eine bewusstere und lebenswerte Zukunft ist – unabhängig von Geschlecht, kulturellem Hintergrund, Ausbildung oder sozialem Status.

Leben, die anders als geplant verlaufen sind

Die Moderatorin aus Burgdorf BE spricht breite Teile der Bevölkerung an: per Mail, Postkarten, Flyer und Facebook. Jüngere und ältere Menschen, Frauen und Männer sollen miteinander am Tisch sitzen und beim Geschichtenerzählen die belebende Vielfalt erfahren. «Es tut gut, das eigene Verhalten zu spiegeln und zu hinterfragen. Das gelingt ganz hervorragend, indem wir uns Lebensgeschichten erzählen, die vielleicht nicht immer so verlaufen sind wie geplant», so Schlegel-Probst.

Die Erzählcafés werden im Gewölbekeller an der Grabenstrasse 6 in Burgdorf stattfinden – sofern es die aktuelle Lage zulässt. Auch für die nächsten Jahre hat die Moderatorin Themen auf Lager, die an den monatlichen Erzählcafés zur Sprache kommen: Umwelt und Klimaerwärmung, Kindererziehung, Rassismus, Mobilität und Einkaufsverhalten. Themen, die uns alle etwas angehen. Mit dem besonderen Fokus auf ein gesellschaftlich relevantes Jahresthemen hat Johanna Schlegel-Probst vom Netzwerk Erzählcafé einen Impuls von 500 Franken für ihre Erzählcafés erhalten.

Über Johanna Schlegel-Probst

Johanna Schlegel-Probst aus Burgdorf BE hat viel Erfahrung mit Erzählcafés. Monatlich lädt sie in den Gewölbekeller an der Grabenstrasse 6 in Burgdorf ein. Informationen finden Sie auf der Facebook-Seite der Burgdorfer Erzählcafés.

In der Kampagne #unbeschränkt erzählen Menschen mit einer Beeinträchtigung aus ihrem Leben. Die Idee, ungehörte Geschichten in die Öffentlichkeit zu tragen, stammt von Luca Lo Faso vom Schlossgarten Riggisberg. Wir fragen ihn, was die Kampagne in den Köpfen bewegt und wie er mit dem Netzwerk Erzählcafé zusammenspannt. 

Interview: Rhea Braunwalder / Anina Torrado Lara, Fotos: zVg

Was ist das Ziel der neuen Kampagne #unbeschränkt?

Luca Lo Faso: Wir möchten ungehörte Geschichten erzählen und damit Mut machen. Mut, Vorurteile gegenüber Menschen mit Beeinträchtigungen abzubauen oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Auch will die Kampagne Gleichgesinnte verbinden und eine Bewegung auslösen. Die gesellschaftliche Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigung – und überhaupt die gesellschaftliche Vielfalt – soll als Bereicherung und nicht als Bürde erlebt werden.

Wie haben Sie Menschen gefunden, die bereit sind, ihre Geschichte zu erzählen?

Unsere Erfahrung ist, dass Menschen grundsätzlich gerne ihre Geschichte erzählen. Insbesondere dann, wenn es ermutigende Erfolgsgeschichten sind. Allerdings ist es etwas anderes, eine Geschichte «nur» zu erzählen und sie zu veröffentlichen. Dieser Schritt braucht Mut, gerade in der undurchsichtigen und unberechenbaren Welt der sozialen Medien. Die ersten Geschichten stammten aus dem Schlossgarten. Danach haben wir andere Institutionen angefragt. Mit der Zeit haben sich dann auch Betroffene oder deren Angehörige an uns gewendet.

Warum setzen Sie auf «Storytelling»?

Fachverbände und Interessenvertretende schaffen eine grosse Sensibilität für die Themen «gesellschaftliche Inklusion» und «gleiche Rechte für Menschen mit Beeinträchtigungen». Wir sind aber überzeugt, dass es schwierig ist, andere als Fach- und Betroffenenkreise mit diesen Forderungen zu erreichen. Geschichten wirken viel stärker als ein Appell ans Pflichtgefühl. Inklusion und Teilhabe sollen wohltuende Bereicherungen und wertvolle Errungenschaften sein.

Wie fördern Sie mit dieser Strategie die Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigungen?

Geschichten schaffen Emotionen und Verbindungen zwischen den Menschen. Sie machen betroffen, fördern den Gemeinschaftssinn und damit hoffentlich auch das gesellschaftliche Zusammenleben. Die Beispiele relativeren das Bild einer beeinträchtigten Person und zeigen, dass die Einschränkung nur ein Aspekt ist. Bei uns wohnt beispielsweise seit Jahren eine Konzertpianistin. Wenn man die kultivierte und belesene Frau in klaren Momenten erlebt und sie Klavier spielen hört, kann man sich gut vorstellen, wie sie einst auf der ganzen Welt die Bühne eroberte.

Welche Barrieren bestehen in den Köpfen?

Viele Ängste und Unwissenheit. Kürzlich sagte mir ein Mann, er wohne jetzt schon 40 Jahre in der Gegend, sei aber noch nie im Schlossgarten gewesen. Diejenigen, die «es wagen», sind in der Regel begeistert. Wir haben bei uns ein Bed & Breakfast, einen Eggladen mit Produkten aus unserem Betrieb, ein Restaurant und ein Seminarzentrum. Viele Touristen im B&B staunen, wo sie gelandet sind (lacht). Echte Inklusion ist erst dann möglich, wenn die Diversität als Bereicherung empfunden wird und Begegnungen entstehen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Wir wollen näher an die Arbeitswelt ran und das Potenzial von Menschen mit Beeinträchtigungen nutzen. Gerade die Mitarbeit im ersten Arbeitsmarkt stellt einen grossen Schritt in der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben dar. Betriebe, die auch Menschen mit Beeinträchtigungen beschäftigen, erfahren in der Regel, wie bereichernd dieses Engagement für alle Beteiligten ist.

Wie können Interessierte zur Kampagne beitragen?

Auf der Plattform www.unbeschänkt.ch publizieren wir Geschichten. Interessierte Personen und Institutionen helfen uns, wenn sie die Geschichten mit dem Hashtag #unbeschränkt auf ihren sozialen Medien teilen. Darüber hinaus freuen wir uns sehr, wenn sie eigene Beiträge verfassen. Wer dies wünscht, kann unser Partnerlabel «WIR SIND UNBESCHRÄNKT» als sichtbares Zeichen für das Engagement einsetzen.

Luca Lo Faso
Luca Lo Faso ist Mitglied der Geschäftsleitung des Schlossgarten Riggisberg. Er hat die Kampagne #unbeschränkt entwickelt.

Geschichten im Zentrum

Das Netzwerk Erzählcafé unterstützt die Kampagne #unbeschränkt. Der Schlossgarten Riggisberg wiederum ist Partner bei den Erzählcafé-Tagen 2021 vom 11.-13. Juni 2021. An beiden Tagen werden im Schlossgarten Erzählcafés stattfinden. Die beiden Institutionen sind dadurch verbunden, dass sie Lebensgeschichten in den Vordergrund stellen.

www.schlogari.ch

Am Wochenende vom 11.-13. Juni 2021 lanciert das Netzwerk Erzählcafé die Erzählcafé-Tage 2021. In Schulen, Gemeindesälen, Beizen, Bibliotheken und Co-Working-Spaces in der ganzen Schweiz sollen die Wände beben und die Lachmuskeln zucken, wenn wild zusammengewürfelte Menschen einander aus dem Leben erzählen. Zum Thema haben garantiert alle etwas zu sagen: «Lebensereignisse».

Dabei verfolgt das Netzwerk langfristige Ziele: Die Sichtbarkeit der Methode Erzählcafé soll erhöht, seine Wirksamkeit erlebbar gemacht und der soziale Zusammenhalt gestärkt werden.

Mit den nationalen Erzählcafé-Tagen wollen wir eine Bewegung in Gang setzen und eine Gesellschaft fördern, in der:

  • Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten miteinander ins Gespräch kommen und neue Perspektiven kennenlernen.
  • Interessierte Personen die Möglichkeit haben, in der Rolle der Moderation (mit ein bisschen Übung und Unterstützung!) die Lebensgeschichten der Teilnehmenden miteinander zu verknüpfen.

Wollen Sie Teil des Organisationsteams werden und das Wochenende mitgestalten? Wir suchen Moderatorinnen und Moderatoren, die ein Erzählcafé durchführen, sowie Institutionen, die einen Raum zur Verfügung stellen. Bitte schreiben Sie an info@netzwerk-erzaehlcafe.ch, Stichwort «Erzählcafé-Tage».

Zum Internationalen Tag der Freiwilligen am 5.12.2020 haben viele Organisationen und Menschen in der ganzen Schweiz Botschaften zur Freiwilligenarbeit geschrieben. So auch das Netzwerk Erzählcafé, das sich für das Miteinander und den Dialog in der Schweiz einsetzt. Hier finden Sie die Galerie mit allen Botschaften.

Wir danken allen Moderatorinnen und Moderatoren sowie allen, die beim Netzwerk Erzählcafé mitwirken, für ihr wertvolles Engagement!

Die Vielfalt an Veranstaltungsformaten, welche die Elemente «Biografie – Gruppe – Erzählen» enthalten, ist gross: Es gibt Gesprächskreise, Erzählcafés, Erzähl-Mahle, das Männerpalaver, Femmestische, Erzählbistros und vieles mehr.

 

In diesem «Dschungel» machen wir uns auf die Suche nach dem, was ein Erzählcafé ausmacht und was ein Erzählcafé von anderen Formaten differenziert. Diese Recherche ist Teil eines Publikationsprojekts in der Schweiz, Österreich und Deutschland. Mit Praktikerinnen, Praktikern und Partnern, wie zum Beispiel dem Verein Sorgenetz möchten wir Erfolgsfaktoren und Stolpersteine von Erzähl-Formaten identifizieren.

Um uns zu unterstützen haben wir Moderatorinnen und Moderatoren, Veranstaltende und Trägerschaften nach Ihrer Meinung und Ihren Erfahrungen gefragt. Darüber hinaus war es eine Gelegenheit, andere Erzählformate kennenzulernen und sich zu vernetzen. An dieser Stelle bedanken wir uns bei allen, die den Fragebogen ausgefüllt haben. Die Ergebnisse fliessen in das Publikationsprojekt des Netzwerks Erzählcafé ein.

Wir stellen uns vor

Edith Auer, Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen (Uni Wien): «Das Schöne am Erzählen in einer Gruppe ist, dass man ‘nur’ zuhören muss, dass es nicht um Meinungsbildung oder Wahrheitsfindung geht. Und alles, was erzählt wird, ist wichtig.»

Rhea Braunwalder, Netzwerk Erzählcafé: «Beim Erzählcafé gefallen mir die Momente, wo komplett Alltägliches zu Außergewöhnlichem wird.»

Gert Dressel, Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen (Uni Wien) & Verein Sorgenetz, er ist auch assoziiertes Mitglied beim Netzwerk Erzählcafé und findet: «Für ein gutes gesellschaftliches Zusammenleben zählt weniger, was gezählt, sondern es zählt, was erzählt werden kann.»

 

 

François Dubois, Geschäftsleiter von Pro Senectute Arc Jurassien, kämpft gegen die soziale Isolation, unter der viele Klienten und Klientinnen der Sozialberatung leiden. Er sucht den direkten Kontakt zu den Seniorinnen und Senioren.

Was hat Sie dazu bewogen, bei Pro Senectute Arc Jurassien Erzählcafés zu organisieren?
François Dubois: Vor fast 25 Jahren, als ich in Neuenburg Assistent und Doktorand an der Theologischen Fakultät war, habe ich philosophische Cafés ins Leben gerufen. Mir gefiel die Idee, auf diese Weise eine Möglichkeit zum Austausch bieten zu können. Später habe ich von meiner Partnerin, die für Pro Senectute Biel/Bienne-Seeland arbeitet, von Erzählcafés erfahren. Als Geschäftsleiter habe ich wenig direkten Kontakt zu meinen «Klienten». Deshalb wollte ich Erzählcafés durchführen. Dabei kann ich meine Liebe zum Gespräch, mein Interesse am Erlebten der Menschen und den Wunsch nach Abwechslung mit meiner beruflichen Aktivität in Einklang bringen.

Welche Schritte haben Sie unternommen, nachdem Sie diesen Beschluss gefasst haben?
Zunächst habe ich an einem Werkstattgespräch des Netzwerks Erzählcafé teilgenommen, um mehr über Erzählcafés zu erfahren. Dann habe ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Ort gemacht, und zum Schluss habe ich mir überlegt, welche Themen ältere Menschen interessieren könnten. Ich habe versucht, bei der Themenwahl auch die Jahreszeit mit zu berücksichtigen:  So haben wir uns am 1. November zum Beispiel über das Thema «Meine lieben Verstorbenen» ausgetauscht und am 14. Februar von unserer ersten Liebe erzählt.

Wie machen Sie das Angebot bekannt?
In unserem Freizeitprogramm, aber auch über mein Partnernetzwerk und die lokalen Medien, die in der Regel gerne über neue, originelle Aktivitäten berichten. Ausserdem lade ich Nachbarinnen und Nachbarn der Lokalität ein und verteile im Quartier gedruckte Flyer.

Die Erzählcafés finden seit September 2019 jeden ersten Freitag im Monat statt: Weitere Informationen hier. Im Video erzählt François Dubois mehr dazu.

François Dubois
François Dubois liebt das Gespräch und den Meinungsaustausch. Er hat früher philosophische Cafés moderiert und gehört dem Freiwilligenverein «Lecture et Compagnie» an, dessen Mitglieder ältere Menschen besuchen und ihnen vorlesen. Als Leiter von Pro Senectute Arc Jurassien ist er immer auf der Suche nach Aktivitäten, die Begegnung und Austausch fördern. So wird er am 12. September auch das «Rendez-vous am Bielersee» mitmoderieren. Das Format ist eine Veranstaltung, die Seniorinnen und Senioren die Gelegenheit bieten soll, über die Sprachgrenzen hinaus neue Bekanntschaften zu machen.

Interview: Anne-Marie Nicole
Foto: Anna-Tina Eberhard

In Zeiten, wo Menschen sich nicht mehr zum Austausch treffen können, sind andere Formate gefragt. Wagen wir einen Blick in die Geschichte: Erzählcafés entstanden in den 1990er-Jahren in Berlin mit der Wende. Menschen aus Ost und West, die sich während 30 Jahren nicht treffen konnten, erzählten sich wie sie die letzten Jahre erlebten. Die Annäherung übers Geschichtenerzählen war so erfolgreich, dass sich das Format bis heute gehalten hat.

Mit der Entwicklung von digitalen Kommunikationskanälen ist eine physische Trennung keine Ausrede mehr für das Still sein. Das Netzwerk Erzählcafé hat einen Salon eingerichtet,  wo Ihre Geschichten empfangen werden! Schauen Sie in unserem Salon des histoires vorbei.

Hier noch andere digitale Erzählmöglichkeiten:

Das ZDF hat mit «Meine Wende – Unsere Einheit?» einen Podcast zum Mitmachen lanciert. So funktioniert es:

  • Auf meinewende.zdf.de kann man seine persönliche Geschichte zur Wende und der deutschen Einheit erzählen. Einfach aufnehmen und hochladen.
  • Das Langzeit-Projekt läuft bis zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2020. Eine Auswahl einzelner Geschichten soll in dieser Zeit filmisch umgesetzt werden.
  • Auf meinewende.zdf.de gibt es bereits 23 Folgen zum Hören.

Auch das Mühlerama sammelt für seine neue Sonderausstellung Lebensgeschichten. Das Thema lautet «Hunger und Verzicht». In unserer heutigen Gesellschaft kennen wir vor lauter Überfluss den Hunger nicht mehr – oder doch? Wer eine persönliche Erfahrung zum Thema teilen möchte, kann seine Geschichte hier einreichen.

Alle digitalen Erzählveranstaltungen publizieren wir in der Agenda.