Seit mehreren Jahren leitet Renata Schneider Liengme in Freiburg Erzählcafés in französischer und deutscher Sprache. Wie viele andere auch, legte sie während der Corona-Pandemie diese Treffen auf Eis. Um die Verbindung, die in diesen Zeiten der physischen Distanz umso wertvoller ist, am Leben zu erhalten, schlug sie Anfang Februar 2021 ein Format in digitaler Form oder via Briefpost vor. Das Thema: «Überraschungen».

Renata Schneider Liengme, was hat Sie motiviert, das «Erzählcafé auf Distanz» zu initiieren?

Die Pandemie natürlich! Ich habe den Eindruck, dass eine solche Aktivität vielen Leuten fehlt: Sich treffen, den Erfahrungen anderer Menschen zuhören, sich austauschen. Und da nicht alle Interessenten sich mit digitalen Hilfsmitteln auskennen, habe ich als Ausdrucksmöglichkeit schriftliche Texte vorgeschlagen. Damit niemand ausgeschlossen wird, habe ich die Möglichkeit vorgesehen, dass man als «stumme» Leserin teilnehmen kann, und die anderen Teilnehmerinnen über ihre Anwesenheit informiert. In meiner Einladung habe ich zudem vorgeschlagen, per Telefon erzählte Geschichten zu transkribieren.

Wie sind Sie auf das Thema «Überraschungen» gekommen?

Ich wollte ein «einfaches» Thema wählen. Es scheint mir, dass eine Überraschung auch ohne die Anwesenheit anderer Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die unsere Geschichten inspirieren, mühelos erzählt werden kann.

Ist Ihre Einladung zu diesem schriftlichen Austausch auf Interesse gestossen?

Mit E-Mails und Briefen habe ich 115 Personen zur Teilnahme an diesem Erzählcafé auf Distanz eingeladen, die meisten von ihnen deutschsprachig. Am Ende konnte ich etwa 20 Personen begrüssen – alles Frauen, darunter zwölf Deutschsprachige.

Die meisten Personen, die geantwortet haben, waren bereits mit dem üblichen Erzählcafé-Format vertraut. Eine Reaktion bereitete mir besonders Freude: Eine Freundin, der ich meine Einladung geschickt hatte, antwortete mir, dass sie nicht wisse, was sie mir erzählen könne. Bei einem zufälligen Treffen erzählte sie mir dann aber doch eine Geschichte zur Überraschung, die sie erlebt hatte, als sie erfuhr, dass sie Grossmutter werden würde.

Sie haben auch Geschichten transkribiert.

Ja, ich habe die Geschichten von zwei Teilnehmerinnen transkribiert: Diejenige einer sehr alten Dame, die ich zu Hause besucht habe, um ihre Geschichte zu hören, und diejenige ihrer Nachbarin, die von der Dame selbst eingeladen war und mit der wir sozusagen ein kleines Live-Erzählcafé erlebt haben.

Können Sie uns von den Überraschungen erzählen, ohne dabei die Geheimnisse der Ihnen anvertrauten Geschichten zu verraten?

Die erzählten Geschichten waren nicht weniger überraschend als das Thema. Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke, schlechte und gute Überraschungen. Ich konnte sieben Geschichten sammeln – sowohl auf Französisch als auch auf Deutsch –, die ich den Teilnehmerinnen in Form von zwei Dossiers weitergeleitet habe. Eine Geschichte auf Deutsch traf leider mit einer Woche Verspätung ein. Doch sie war eine echte Überraschung für mich, denn sie kam von einer Dame, die weder mich, noch die Erzählcafés kannte!

Wie haben die Teilnehmerinnen auf die Geschichtensammlung reagiert?

Nachdem ich die gesammelten Geschichten verschickt hatte, erhielt ich von ein paar Leuten sehr zufriedene und auch überraschte Rückmeldungen. Zwei älteren Damen, die ich gut kenne und die die Erzählcafés vor Ort sehr geschätzt hatten, habe ich die Geschichten persönlich überbracht.

Was nehmen Sie aus dieser Erfahrung mit?

Ich bin mit dem Ergebnis recht zufrieden. Doch ich gebe zu, dass viel Arbeit dahinter steckt! Auch die Menschen, die an diesem schriftlichen Erzählcafé teilgenommen haben, waren sehr zufrieden, aber sie bevorzugen das Erzählcafé, bei dem man sich von Angesicht zu Angesicht trifft. Mir geht es auch so.

Ich habe einen Ort (gut gelegen im Herzen der Stadt Freiburg) und zwei Termine für ein deutsches und ein französisches Erzählcafé im Mai und Anfang Juni geplant. Nun hoffe ich natürlich, dass ich diese dann auch wirklich durchführen kann!

In einer explorativen Forschung versuchen wir herauszufinden was Erzählcafés, online sowie auch offline, aus Sicht der Teilnehmenden bewirken. Warum nehmen Personen an Erzählcafés teil? Was ist beim Erzählen und Zuhören besonders wichtig? Was bleibt in Erinnerung und fliesst in den Alltag ein?

Im Rahmen dieser Forschung werden Teilnehmende mit einem Schreibaufruf (Laufzeit bis Ende Februar 2021) aufgefordert schriftlich von ihren Erzählcafé-Erfahrungen zu berichten. Parallel dazu werden Teilnehmende in online Erzählcafés mittels der Methode “Thinking-Aloud” befragt. Die Forschungsergebnisse werden in Berichten und Blog-Beiträgen auf unserer Webseite im Juni 2021 vorgestellt.

Projektsteuerung: Jessica Schnelle (Migros-Kulturprozent), Johanna Kohn (FHNW), Gert Dressel (Doku Lebensgeschichte/Uni Wien und Verein Sorgenetz)

Weitere Mitwirkende: Edith Auer und Günter Müller (Doku Lebensgeschichte/Uni Wien), Rhea Braunwalder (Netzwerk Erzählcafé), Simone Girard (FHNW), Christina Knobel (FHNW), Daniela Rothe (Universität Duisburg Essen)

Projektlaufzeit: Oktober 2020 bis Juni 2021

Unter der Leitung von Gert Dressel erarbeiten Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Raum gemeinsam eine Publikation zum Thema «Das Erzählcafé auf dem Prüfstand. Erfahrungen und Gelingensbedingungen» (Arbeitstitel). Sie wird im 2021 erscheinen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Was wollen wir der Welt erzählen?

Seit den 1980er Jahren gibt es Erzählcafés, lebensgeschichtliche Gesprächskreise oder Biografiegruppen. In solchen Gruppen werden persönliche Erfahrungen und Geschichten von Menschen verschiedenen Alters und sozialer, kultureller und nationaler Herkunft ausgetauscht. Das besondere daran: Im moderierten Dialog wird nicht die «eine Wahrheit» gesucht. Vielmehr erhalten die verschiedenen Erfahrungen der Menschen ein Gehör.

Warum schreiben wir eine Publikation?

Jessica Schnelle, Gert Dressel und Johanna Kohn (v.l.n.r.), die die Publikation herausgeben werden, sprechen im Video über ihr partizipatives Publikationsprojekt und warum es wichtig ist, die Vielfalt der Erzählcafés sichtbar zu machen.

Wer schreibt an der Publikation mit?

Edith Auer, Wien

«Erzählen über das Eigene macht uns Menschen sichtbar, wir verbinden uns und erleben Verstehen. Beim Erzählen in Gruppen werden Fenster zu unterschiedlichsten Lebenssituationen aufgemacht, und diese Fenster gehen nicht nur für den Moment des Erzählens auf, sondern bleiben auch noch danach offen. Beim gemeinsamen Zurückschauen bekommen wir Bilder von fremden wie auch bekannten Lebenswelten, und so wird unser Mosaik der Erinnerungen immer bunter und reicher.»

Edith Auer, Wien

Rhea Braunwalder, St.Gallen

«Für mich ist der Austausch mit anderen ModeratorInnen über das 'was wir machen' wichtig, um meiner Tätigkeit als Moderatorin eine Richtung und einen Sinn zu geben. Um mich bewusst dieser Reflexion zu widmen, beteilige ich mich am Schreibprojekt.»

Rhea Braunwalder, Erzählcafé-Moderatorin, St.Gallen

Yvonne Brogle, Baden

«Meine Motivation, in der Arbeitsgruppe Interkulturelle Erzählcafés mitzuwirken, ist es, herauszufinden, wie dies noch besser gelingen kann und was genau passiert, wenn Menschen aus verschiedenen Kulturen in einem Erzählcafé im Austausch sind.»

Yvonne Brogle, Interkulturelle Projektleiterin, Stadtbibliothek Baden

Franco De Guglielmo und Daniela Hersch, Lausanne

«Wir möchten zeigen, dass man mit der Verknüpfung verschiedener beruflicher Kompetenzen die Methode des Erzählcafés an ein jugendliches Publikum anpassen kann.»

Franco De Guglielmo und Daniela Hersch, Zentrum für Sozial-und Kulturanimation Prélaz-Valency

Gert Dressel, Wien

«Wenn Menschen einmal nicht diskutieren, sondern einander über sich erzählen und zuhören, passiert oft Erstaunliches: Kontakt, Verstehen, Vertrauen, Akzeptanz von Unterschiedlichkeit – zwischen Jung und Alt, zwischen Menschen aus nah und fern. Das passiert seit vielen Jahren in Erzählcafés oder Gesprächskreisen. Und das ist durchaus voraussetzungsvoll. Das alles gehört sichtbar gemacht und gewürdigt – gerade in Zeiten, in denen Populisten spalten. Auch deshalb finde ich dieses Projekt wichtig.» 

Gert Dressel, Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen, Wien

Lisbeth Herger, Zürich

«Erzählen und Zuhören birgt die Möglichkeit, das Eigene mit Fremdem zu verbinden. Daraus wächst erzähltes Leben. Formt sich biografische Stärke. Zeigt sich kollektive Geschichte. Das Erzählcafé lässt Menschen aufeinander zugehen.»

Lisbeth Herger, Biografikerin, Autorin, Moderatorin von div. Erzählcafés, u.a. mit Betroffenen von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, oder zur Historie eines Dorfes. Ist in der Schweiz als Freelancerin unterwegs.

Johanna Kohn, Basel/Olten

«Der eigenen Lebensgeschichte erzählend eine Gestalt zu geben und dabei von anderen Menschen gehört, erkannt und akzeptiert zu werden, ist eine heilsame und Identität stiftende Erfahrung. Sie fördert den gesellschaftlichen Zusammenschluss und das tiefere Verstehen unserer Lebensgeschichte als Teil der Zeitgeschichte. Dies durch sorgsame Moderation zu ermöglichen, ist ein Ziel von Erzählcafés. Es ist wichtig, die Gelingensbedingungen und Hindernisse dieser Methode zu erkennen. Dazu soll das Buch einen Beitrag leisten.»

Johanna Kohn, Fachhochschule Nordwestschweiz, Soziale Arbeit, Institut für Partizipation und Integration

Katharina Novy, Wien

«An Erzählcafés und anderen Formaten der Biografiearbeit begeistert mich, Begegnung zwischen Menschen zu ermöglichen und gleichzeitig den Blick für die Gesellschaft zu stärken. Empathie fördern, Gemeinsamkeiten wahrnehmen, uns selbst und andere als gesellschaftliche Akteur*innen erkennen – all das sind zentrale Zugangsweisen für politische Bildung in Zeiten vielfältiger Krisen. Mich reizt der Austausch und die gegenseitige Stärkung in solchen Bemühungen.»

Katharina Novy ist Trainerin, Beraterin, Moderatorin.
www.perspektivenveraendern.at

Kerstin Rödiger, Binningen

Kerstin Rödiger

«Ich fühle mich selbst immer wieder beschenkt durch besondere Momente im gemeinsamen Erzählen, in denen sich einzelne Erzähl- und Lebensfäden zu einem kleinen Muster verbinden und Menschen sich darin verbunden, geschätzt und gesehen bzw. gehört fühlen.»

Kerstin Rödiger, Schweiz, probiert vieles mit dem Format Erzählcafé im kirchlichen Kontext aus, sowohl mit Asylsuchenden, in der Spitalseelsorge, mit Freiwilligen und als städtisches Bildungsangebot.

Daniela Rothe, Essen

«Erzählen ermöglicht, über generationale, soziale und politische Differenzen hinweg in Kontakt zu treten. Räume für das Erzählen zu eröffnen und eine von wechselseitiger Anerkennung geprägte Erzählkultur zu pflegen ist deshalb nicht nur für diejenigen ein Gewinn, die daran teilnehmen, sondern für die Gesellschaft insgesamt. Erzählen lebt von Differenz und Vielfalt unterschiedlicher Erfahrungsperspektiven. Und es trägt dazu bei, immer wieder überraschende Gemeinsamkeiten zu entdecken. In der empirischen Erforschung und der professionellen Reflexion unterschiedlicher Erzählsituationen und -arrangements sehe ich ein Potenzial für die Weiterentwicklung lokaler Erzählkulturen, die soziale Verbindungen in einer offenen und pluralen Gesellschaft ermöglichen. Dazu will ich im Rahmen des Projekts beitragen.

Daniela Rothe, Fakultät für Bildungswissenschaften, Universität Duisburg Essen

Stefanie Schmid-Altringer, Bonn

Foto: nahdran

«Erzählcafés haben ein enormes, noch nicht ausgeschöpftes Potential für unsere Gesundheit und Gesundheitsversorgung. Dieses möchte ich als Wissenschaftsjournalistin und Ärztin bekannt machen und weiterentwickeln. Erzählcafés zu 'Der Start ins Leben' sind als Live-Event digital vernetzt mit unserer Webseite und den sozialen Medien. Dadurch kann die private Erfahrung geschützt durch Anonymität politisch wirksam werden. Es sind deshalb keine klassischen Erzählcafés, sondern ein neues Erzählcafé-Format mit Ablegern für verschiedene Zielgruppen wie geflüchtete Frauen, Schulklassen, zur Schliessung von Geburtskliniken, für die Quartiersarbeit, etc.»

Stefanie Schmid-Altringer, Wissenschaftsjournalistin und Ärztin. Projektleitung der «Erzählcafé-Aktion - Offene Mitmachprojekte zur Verbesserung der Geburtskultur».

Annemarie Schweighofer-Brauer, Innsbruck

«In meinem Leben ist mir ein ganz besonderes Geschenk zuteil geworden: als mündlicher Geschichtsforscherin erzählten mir Menschen vertrauensvoll, ernsthaft, lustig aus ihren Erinnerungen; als Biographiearbeiterin in der Erwachsenenbildung nahmen/nehmen Menschen in Gruppen interessiert und engagiert die angebotenen Fragen und Methoden auf, um ihre Erinnerungslandschaft auf ungewohnten Wegen zu betreten; als Beraterin und psychologische Begleiterin von Geflüchteten eröffnet mir die bei alle dem ausgebildete biographische Sensibilität, facettenreich verständnisvoll mit den Menschen in Kontakt zu kommen.»

Annemarie Schweighofer-Brauer

Jessica Schnelle, Zürich

«Erzählcafés können einer  “Kultur des Sendens” eine “Kultur des Zuhörens” entgegensetzen. In unserer diversen Gesellschaft bereitet das Erzählen und Zuhören den Boden dafür, gemeinsam die Zukunft zu gestalten. Mit dieser Publikation möchten wir  Erzählcafés weiter auf die Agenda bringen.»

Jessica Schnelle, Projektleiterin Soziales, Direktion Kultur und Soziales, Migros-Genossenschafts-Bund

Claudia Sollberger, Solothurn

«Ich engagiere mich für diese Publikation, damit das Erzählcafé in all seiner Vielfalt und Qualität wahrgenommen wird. Insbesondere die Bedeutung einer mit Achtsamkeit und Sorgfalt durchgeführten Moderation als professionelle Methode in der Theorie und Praxis liegen mir am Herzen.»

Claudia Sollberger, Erzählcafé-Moderatorin

 

Wie läuft das Projekt ab?

Bis im April 2020 findet eine Verschriftlichung der Reflexionen und Analysen statt. An einem Workshop im Januar 2021 werden die Ergebnisse zusammengetragen und gesichtet. Das Ergebnis dieser Arbeit legt den Grundstein für die weitere zielgruppenspezifische Verarbeitung: vielleicht eine Publikation, ein Website-Beitrag oder Podcast? Für den Prozess der Erarbeitung ist uns wichtig, im ersten Schritt das Endprodukt noch offen zu lassen.

Für wen ist die Publikation?

Die Publikation soll Menschen, die Erzählcafés moderieren und organisieren, Unterstützung bieten. Die Ergebnisse werden im Jahr 2021 veröffentlicht.

Wer steht hinter dem Publikationsprojekt?

Das partizipativ und interdisziplinär angelegte Forschungs- und Publikationsprojekt ist eine Kooperation des Netzwerks Erzählcafé Schweiz (getragen vom Migros-Kulturprozent und dem Institut Integration und Partizipation an der Hochschule für Soziale Arbeit/FHNW) mit der Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen an der Universität Wien und dem Verein Sorgenetz (Wien).

Kontakt der Herausgebenden:

Gert Dressel, Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen an der Universität Wien sowie Verein Sorgenetz gert.dressel@univie.ac.at

Johanna Kohn, Fachhochschule Nordwestschweiz, Institut Integration und Partizipation
johanna.kohn@fhnw.ch

Jessica Schnelle, Migros-Kulturprozent, Bereich Soziales
jessica.schnelle@mgb.ch

Auch dieses Jahr fördert das Netzwerk Erzählcafé inspirierende Erzählcafés mit einem Beitrag von 500 CHF. Projektmitarbeiterin Rhea Braunwalder beantwortet Fragen zum diesjährigen Thema: «Erzählcafés für Morgen».

Warum hat das Projektteam sich für das Thema «Erzählcafés für Morgen» entschieden?

Rhea Braunwalder: Kürzlich nahm ich an einer Podiumsdiskussion zur nationalen Abstimmung über die Erweiterung der Anti-Rassismus-Strafnorm teil. Das Thema wurde rege diskutiert. Als der Moderator die Diskussion abschliessen wollte, meldete sich ein älterer Herr. Er erzählte, wie er als homosexuelle Person unter der Diskriminierung bei der Arbeit gelitten habe. Das Publikum war sichtlich gerührt und gleichzeitig nachdenklich. Dies brachte mich auf die Idee, Erzählcafés zu aktuellen gesellschaftlichen (Tabu-)Themen zu fördern. So könnten Vorurteile abgebaut werden und eine gemeinsame Baisis für Entwicklungen in der Zukunft geschaffen werden. In regulären Podiumsdiskussion haben biografische Geschichten nämlich wenig Platz.

Wo würden Sie persönlich gerne einmal ein «Erzählcafé für Morgen» veranstalten?

In einer Abstimmungskampagne, weil die Diskussion und der Meinungsaustausch dort ganz anders abläuft als in einem Erzählcafé. Die Themen an sich jedoch, sind wichtig und eignen sich sicher auch für ein Erzählcafé. Es ginge mir nicht darum, eine Position als «richtig» und die andere als «falsch» darzustellen, sondern darum den Austausch und die Begegnung zwischen BefürworterInnen und GegnerInnen zu ermöglichen und das Thema in all seinen Facetten sichtbar zu machen. Es würde mich reizen einen Resonanzraum zu schaffen, wo die Grundhaltung offen und wertfrei ist, obwohl das Thema sehr brisant sein kann. Eine Idee wäre es ein Erzählcafé zum Thema “Geburt” im Kontext der möglichen Abstimmung über die Einführung des Vaterschaftsurlaubs durchzuführen.

Was sind Herausforderungen bei kontroversen Zukunftsthemen?

Herausfordernd für die Moderation ist, dass man bei aktuellen Themen keine normative Haltung vertritt, sondern einfach Raum für den Austausch lässt. Es könnte schwierig sein, die Teilnehmenden zu animieren, bei ihren eigenen Geschichten und Erfahrungen zu bleiben, und nicht in die Diskussion zu verfallen. Erzählcafés zu einem aktuellen Thema, welches für die Zukunft wichtig ist, werden besonders dann eine gesellschaftliche Wirkung entfalten, wenn möglichst unterschiedliche Perspektiven zu einem Thema ans Licht kommen. Die Herausforderung ist hier, Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen zum gewählten Thema zu erreichen und zusammenzubringen.

Wer kann einen Förderantrag stellen?

ModeratorInnen oder Veranstaltende können auf unserer Webseite unter «Förderprogramm» mehr über die Ausschreibung lesen und online den Antrag stellen. Wir wollen möglichst viele ModeratorInnen und Veranstaltende ermutigen, sich zu melden und freuen uns auf Ideen und Experimente. Bewerben Sie sich und inspirieren Sie uns!

Detaillierte Ausschreibung des Förderprogramms

 

Jessica Schnelle (JS) und Rhea Braunwalder (RB), Projektgestalterinnen des Netzwerks Erzählcafé Schweiz, über Partizipation im Netzwerk Erzählcafé

Was bedeutet Partizipation im Rahmen des Netzwerks Erzählcafé?

JS: Unser Netzwerk besteht aus Menschen, die über unterschiedliche Ressourcen wie Zeit, Erfahrungen, Netzwerk und Finanzen verfügen. Im Projektteam Erzählcafé pflegen wir die Haltung, dass alle ihre Ressourcen einbringen können, um zusammen etwas zu kreieren, was den gemeinsamen Zielen dient. Im Fall des Netzwerks Erzählcafé ist es unser Ziel, sorgsam moderierte Erzählcafés guter Qualität in der ganzen Schweiz zu fördern.

Warum ist Partizipation für das Netzwerk Erzählcafé so wichtig?

JS: Wenn Akteurinnen und Akteure ihre eigenen Fragestellungen formulieren und voranbringen können, entstehen Vernetzungen und Angebote, die erwünscht sind und einen Mehrwert bieten. Ausserdem ist Partizipation ein Grundgedanke und Leitprinzip für die Arbeit im Bereich Soziales des Migros-Kulturprozent und des Instituts für Integration und Partizipation der FHNW, welche Träger des Netzwerks sind.

Wie und wo wird im Netzwerk Erzählcafé partizipativ gearbeitet?

JS: Grundsätzlich sind wir offen für partizipative Arbeitsweisen und freuen uns, wenn sich Personen bei uns melden, die aktiv mitwirken wollen. Trotzdem werden nicht alle Aktivitäten des Netzwerks Erzählcafés partizipativ angegangen. So kümmert sich das Projektteam um die strategische Ausrichtung des Netzwerks, administrative Aufgaben, die Kommunikation, Fundraising und den Förderimpuls. Bei anderen Aufgaben, wie zum Beispiel der Erstellung der Charta und des Leitfadens, werden Moderatorinnen und Moderatoren bei der Ausarbeitung oder für eine Vernehmlassung mit einbezogen. Bei der Konzeption der Intervision 2019 haben wir mit Claudia Sollberger gearbeitet, einer Moderatorin, die sich sehr für das Netzwerk einsetzt. In unserem neusten Format, dem Fokustreffen laden wir gezielt alle Moderatorinnen und Moderatoren ein, gemeinsam das Netzwerk zu gestalten.

Wann war das letzte Fokustreffen und was ist dort passiert?

RB: Das letzte Fokustreffen fand am 14. Januar 2020 im Coworking und Kaffeebar Effinger in Bern statt. Zusammen mit neun Moderatorinnen und Moderatoren haben wir Themen sondiert und besprochen, die die Anwesenden interessieren und beschäftigen. Der Kontakt zwischen Veranstaltenden und Moderierenden war einer der Punkte, die intensiv besprochen wurden. Ebenfalls machten sich einige Gedanken über die Positionierung der Methode «Erzählcafé» inmitten der vielen anderen Erzählformate die es heutzutage gibt. Andere Themen waren Erzählcafés mit speziellen Zielgruppen wie psychisch oder physisch beeinträchtigten Menschen, Erzählcafés im Quartier und Erzählcafés in interkulturellen Settings.

Was nehmen die Teilnehmenden eines Fokustreffens mit in den Alltag?

RB: Im Grunde genommen geben wir am Fokustreffen Interessierten den Raum und die Möglichkeit zum Austausch. Die Ergebnisse des Fokustreffens sind offen, ob es nun Themenvorschläge und Stossrichtungen für das Projektteam sind, oder ob Themengruppen entstehen, die sich selbständig mit einem Thema befassen. Wir hoffen, dass dadurch sehr spezifische Fragestellungen oder lokale Aktivitäten, die durch das Projektteam des Netzwerk Erzählcafé nicht leistbar sind, aufgenommen werden und wieder ins Netzwerk zurückkommen.

Wie sieht die Arbeitsorganisation in der Zukunft idealerweise aus?

RB und JS: Wir hoffen, dass der Dialog zwischen dem Projektteam und den Moderatorinnen und Moderatoren darüber, welche Schwerpunkte das Netzwerk setzen soll, noch stärker in Gang kommt. Es sollen möglichst viele Menschen das Netzwerk prägen. Dieses soll sich durch Ko-Konstruktion* und Partizipation in eine Richtung entwickeln, die für die Akteurinnen und Akteure sinnvoll und förderlich ist. Ideal wäre natürlich, wenn die Beteiligten mit ihrem Einsatz und ihren Ideen ermöglichen, das Projekt in eine verstetigte Struktur zu überführen und so das Wirken des Projekts langfristig und nachhaltig zu sichern.

*Mit Ko-Konstruktion ist ein gemeinsames Schaffen auf Augenhöhe verschiedener Menschen gemeint.

Bild: Ideensammlung am Fokustreffen in Bern, Januar 2020

 

In einem vertrauten Rahmen unter Frauen erzählen, Erfahrungen austauschen und Kontakte festigen: Im Erzählcafé der Aida Sprachschule für fremdsprachige Frauen wird das englische Sprichwort «to let your hair down» (aus sich herausgehen, sich gehen lassen) im wortwörtlichen Sinn gelebt. Natalie Freitag erzählt, wie das vonstatten geht.

Frau Freitag, welche Art von Erzählcafé bieten Sie an?

Natalie Freitag: An der Aida St.Gallen findet jeden Freitagnachmittag ein Erzählcafé statt. An diesem «Freitagscafé» verwandelt sich die Cafeteria unserer Schule zum offenen Treffpunkt für Kursteilnehmerinnen, deren Freundinnen und Kinder. Ausserdem findet hier einmal pro Monat das Erzählcafé «Aida erzählt» statt, wo auch Bekannte und interessierte Frauen deutscher Muttersprache eingeladen sind. Das Erzählcafé wird im Rahmen unseres Kursangebots beworben, von Mitarbeiterinnen der Sprachschule moderiert und intern finanziert. Die Teilnahme ist für die Frauen kostenlos.

Was hat Sie motiviert, ein Erzählcafé anzubieten?

Wir haben gemerkt, dass sich die Kursteilnehmerinnen auch ausserhalb des strukturierten Rahmens ihrer Sprachkurse austauschen wollen. Deshalb haben wir an einen offenen Treffpunkt gedacht, der auch für ehemalige Teilnehmerinnen oder für Frauen, für die keine unserer Kurse wirklich passen, offen ist. Um die soziale Integration der Frauen zu unterstützen, öffnen wir das Erzählcafé auch für Frauen mit deutscher Muttersprache.

Wie gehen Sie mit den unterschiedlichen Sprachen um?

Wir sprechen im Erzählcafé Hochdeutsch. Das dient der Sprachförderung und dem Gemeinschaftssinn. Die teilnehmenden Frauen sollten mindestens gute Grundkenntnisse haben. Einzelne Erzählcafés werden nur für höhere Sprachniveaus ausgeschrieben. Damit möchten wir erreichen, dass sich Frauen treffen, die in etwa denselben Sprachstand haben.

In der Einleitung zum Artikel steht, dass das englische Sprichwort «to let your hair down» im wortwörtlichen Sinn gelebt wird. Können Sie unseren LeserInnen verraten, worauf wir uns beziehen? 

Es gibt bei «Aida erzählt» immer wieder sehr berührende Momente. Einmal hat eine Frau sich der Gruppe so geöffnet, dass sie ihr Kopftuch abnahm und ihre schönen langen Haare zeigte. Darauf bezieht sich der Hinweis in der Einleitung. Ansonsten geht es bei uns eher gelassen und gelöst zu und her. Nach dem moderierten Teil wird viel gelacht, geplaudert und gegessen.

Interview: Rhea Braunwalder
Foto: Unsplash

Die Sprachschule Aida

Der Verein Aida St.Gallen fördert die Bildung und Integration fremdsprachiger Frauen und Kinder. Ein Angebot an kulturellen Workshops, ein Lernstudio mit Bibliothek, Sprachkurse und das Freitagscafé sind Teil des vielfältigen Angebots. Die Sprachkursleiterin Natalie Freitag organisiert und moderiert zusammen mit Madlon Krüsi das Freitagscafé, das sich jeweils um Alltagsthemen aus dem Familienleben dreht. Das Freitagscafé ist für alle Frauen offen, Kinder dürfen mitkommen und selbständig im Raum spielen. Die nächsten Daten finden Sie hier.

 

Am 30. Oktober 2019 trafen sich 30 Personen zum ersten gemeinsamen Anlasses des Netzwerks Erzählcafé Schweiz und Generationen im Museum (GiM). Im Landvogteischloss des Historischen Museums Baden gingen die Teilnehmenden auf Spurensuche und kamen über die Objekte ins Erzählen.

Was passiert, wenn man zwei unterschiedliche Erzählformate zu einer neuen Form verbindet? «Eine geballte Ladung an Kreativität und Inspiration», sagt Rhea Braunwalder vom Netzwerk Erzählcafé. Die Projektmitarbeiterin des Netzwerks lud gemeinsam mit Franziska Dürr von Generationen im Museum am 30. Oktober 2019 die Communities der beiden vom Migros-Kulturprozent konzipierten und realisierten Projekte Generationen im Museum (GiM) und Netzwerk Erzählcafé zum Museumsbesuch der besonderen Art ein.

Die Idee: Zwei sich noch unbekannte Menschen flanieren durch die Ausstellung im Historischen Museum Baden, suchen sich ein Museumsobjekt aus und erfinden dazu gemeinsam eine Geschichte. «Die rund 15 Tandems erfanden extrem fantasievolle Geschichten», erzählt Rhea Braunwalder. Ein Beispiel: Vor einer Sänfte stehend habe sich die Gruppe eine Anekdote über die Ursprünge des Joggens angehört. Die Museumsdirektorin Heidi Pechlaner habe die fesselnde Geschichte dann mit historischen Fakten ergänzt.

Reflexive und persönliche Erzählform
Dinge und Geschichten können Aufhänger und Inspirationsquelle für biografische Erzählungen sein. Wer schon einmal an einem Erzählcafé teilgenommen hat, kennt die besondere Dynamik, die das Geschichtenerzählen auslöst. Rhea Braunwalder erzählt ein weiteres Beispiel: «Als wir in einer Ausstellung zur Haute Couture vor einer Schublade in einer Vitrine standen, nahm die Gruppe den Faden auf und erzählte über persönliche Ordnung und Unordnung, über private Schubladen, mentale Schubladen und auch Erinnerungen zu Schubladen der Kindheit.»

Neue Perspektiven
Rhea Braunwalder fasst den neuartigen Anlass zusammen: «Wir wollten ausprobieren, wie sich mehrere Erzählformate kombinieren lassen. So können wir neue Bevölkerungsgruppen ansprechen und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft stärken. Auch die Teilnehmenden empfanden den Anlass als wertvoll. Eine Teilnehmerin meinte, es brauche Selbstsicherheit und Vertrauen, um freimütig aus dem eigenen Leben, oder auch erfundene Geschichten zu erzählen. Doch es lohne sich, denn der kreative Austausch und das Erfahren von neuen Lebenswelten und Perspektiven mache einfach Spass.

Möchten Sie selber einen Anlass organisieren?
Wenn Sie einen GiM-Anlass, ein Erzählcafé oder eine Kombination der beiden Formate in Ihrer Region umsetzen möchten, unterstützen wir Sie gerne. Melden Sie sich bei rhea.braunwalder@netzwerk-erzaehlcafe.ch oder duerr@generationen-im-museum.ch.

Das historische Museum Baden: Ein Ort zum Erzählen
Das Historische Museum Baden legt den Fokus in seinen Ausstellungen und Veranstaltungen auf den Austausch unter den Menschen in der Bäder-, Industrie- und Tagsatzungsgeschichte. Im altehrwürdigen Landvogteischloss finden sich sorgfältig möblierte Schlossräume, die dazu einladen, in Lebenswelten vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert einzutauchen. In zwei Sonderausstellungen pro Jahr stehen gesellschaftlich relevante Themen mit starkem Gegenwartsbezug im Vordergrund: lokal verankert – von globaler Bedeutung.

Erzählcafés sind in der Deutschschweiz gut etabliert. Jetzt ist es Zeit, über die Sprachgrenzen hinauszuschauen und zu entdecken, was es in der Romandie alles schon gibt. Welche Variationen finden wir? Wie können wir mit schon existierenden Initiativen zusammenarbeiten, um sorgsam moderierte Erzählcafés in der Romandie zu unterstützen?

 

Was waren erste Eindrücke vom Treffen?
Das Treffen hat klar gemacht, dass viele Veranstaltungsformate rund um Lebensgeschichten in der Romandie bereits existieren und in unterschiedlicher Form stattfinden. Die Zusammenarbeit mit bestehenden Strukturen und Gruppen wie der Association de recueilleuses et recueilleurs de récits de vie, und dem Collectif D.I.R.E, die wir mit Freude entdeckt haben, wird sehr wichtig sein.

Was ist Ihnen in Bezug auf die Teilnehmenden des ersten Treffens aufgefallen?
Auffällig war, dass am ersten Treffen viele selbständig schaffende Personen dabei waren. Deshalb war die Frage der Finanzierung und des Herantretens an Institutionen sehr wichtig. Auch ist deutlich geworden, dass wir die französische Version der Webseite noch stärker pushen müssen!

Waren denn gar keine VetreterInnen von Institutionen oder Trägerschaften anwesend?
Im Gegenteil! VertreterInnen von Pro Senectute Fribourg und Pro Senectute Arc Jurassien waren anwesend und das Treffen konnten wir in Räumen der Pro Senectute Lausanne abhalten. Besonders erfreulich ist, dass François Dubois von Pro Senectute Arc Jurassien gleich im September mit einer Reihe von 10 Erzählcafés in Neuenburg starten wird. Eine Vertreterin der Universität Fribourg war ebenfalls anwesend, was im Hinblick auf Weiterbildungen sehr wertvoll ist.

Welche nächsten Schritte sind geplant?
Basierend auf den Rückmeldungen vom ersten Treffen haben wir einiges geplant. Im Frühjahr 2020 soll eine französischsprachige Intervision stattfinden. Die Fokustreffen, die bisher auf Deutsch stattfanden, sollen bilingual abgehalten werden. Natürlich wollen wir auch so schnell wie möglich das Logo auf Französisch übersetzen.


Zur Person
Rhea Braunwalder ist seit 2017 Teil des Projektteams des Netzwerk Erzählcafé und moderiert in St.Gallen Erzählcafés. Das Erzählcafé lernte sie in Göttingen während ihres Studiums der Ethnologie kennen.

«Mit dem Fokustreffen wollen wir Bedürfnisse und Ideen von Moderator*innen, Trägerschaften und anderen Erzählcafé-Beteiligten abholen, um das Netzwerk partizipativ und nutzerorientiert auszurichten.»

Rhea Braunwalder, Koordinatorin Netzwerk Erzählcafé
Mitwirkende des Fokustreffen bei der Arbeit

Am ersten Fokustreffen im Mai 2019 in Bern trafen sich 14 engagierte Mitwirkende des Netzwerks Erzählcafé Schweiz. Neben dem Austausch stand die Bildung von selbstorganisierten Arbeitsgruppen im Vordergrund. An Ideen hat es nicht gemangelt. Die Teilnehmenden diskutierten Erzählcafés für Jugendliche oder Alleinstehende, Erzählcafés als Teambuilding im Arbeitsumfeld oder auch Fragen bezüglich der Werbung und Öffentlichkeitsarbeit.

Regelmässiger Austausch

Die Teilnehmenden planen zudem regelmässig stattfindende Austauschtreffen für Moderatoren und Moderatorinnen, Erzählcafés in interkulturellen Settings, Erzählcafés für Menschen mit psychischer/physischer Beeinträchtigung. Moderatorinnen und Moderatoren wie auch Trägerschaften wollen noch stärker zusammenarbeiten.

Wir freuen uns, dass am ersten Fokustreffen diverse Arbeitsgruppen entstanden sind und bedanken uns ganz herzlich für die Mitarbeit!

Möchten Sie in einer Arbeitsgruppe mitwirken, oder auf dem Laufenden gehalten werden? Hier finden Sie eine Liste aller Arbeitsgruppen inklusive Kontaktpersonen, die Sie jederzeit anschreiben können.

Ich hörte über Bekannte vom «Männer-Palaver», einem Erzählformat, bei dem Männer unter sich, sich über das Leben austauschen. Dann fand ich in St.Gallen ein GenderPalaver, bei dem beide Geschlechter zu Wort kommen – und entschied mich, es auszuprobieren. 

Autorin: Rhea Braunwalder
Foto: Denkbar St.Gallen

Der Hüter des Palavers eröffnete den Dialog schlicht mit den Worten: «Mein Beziehungsbouquet…». Danach folgten zwei Stunden, in denen die 12 anwesenden Personen ihre Geschichten über Nähe und Distanz, Freundschaften, Beziehungen zu Familie, Partnern und Freunden teilten.

Das «Männer-Palaver» wurde in den 90er Jahren in Zürich als «Forum für aktuelle Männerfragen» entwickelt. Es bietet einen Raum für den Austausch zu relevanten Themen unter Männern. Rund zwei Stunden sitzt «Mann» im Kreis. Das Thema und die Gesprächsregeln sind vorgegeben, während ein sogenannter «Hüter» darauf achtet, dass der Raum offen bleibt für persönliche und themenbezogene Äusserungen.

Format für beide Geschlechter

Ich habe ein «GenderPalaver» in St.Gallen besucht, um zu schauen, wie das Palaver funktioniert. Es wird organisiert vom ForumMann, einer Männerinitiative in der Ostschweiz, und der Denkbar, einem kulturellen Begegnungsort in St.Gallen. Hier dürfen beide Geschlechter mitreden. Die Themen stellen den Menschen und seine Beziehungen in den Mittelpunkt, wie zum Beispiel «Ich und meine Arbeit» oder «Mein Beziehungsbouquet».

Das GenderPalaver hat mich ans Erzählcafé erinnert. Die beiden Formate sind sich ähnlich, denn sie prägt die gleiche Gesprächskultur: Zuhören und sich Einlassen ohne Werten und Nachfragen, Erzählen von eigenen Erfahrungen und Vertraulichkeit. Jedoch ist ein Unterschied nicht zu übersehen: Der Hüter des Palavers achtet vor allem auf den Rahmen und die Gesprächskultur. Nach der Einleitung wird das Gespräch nicht gesteuert, sondern läuft selbstorganisiert bis zur Schlussrunde weiter.

Das Format hat mich zu folgenden Fragen inspiriert: Erzählen Männer und Frauen unterschiedlich? Welche anderen Zugänge erlauben geschlechtergetrennte Runden zu einem Thema? Was bewirkt eine Moderation, wenn es offensichtlich auch ohne geht?

Ich freue mich auf Ihre Meinung dazu: info@netzwerk-erzaehlcafe.ch

Selber teilnehmen

Weitere GenderPalaver in St.Gallen sind Ende 2019 geplant. Bitte kontaktieren Sie die Organisatoren direkt auf maennerpalaver@forummann.ch. Informationen zu Männer-Palavern in der ganzen Schweiz finden Sie auf www.maennerpalaver.ch/themen/links.