Über ein Erzählcafé lässt sich zweifellos sagen, dass es intensiv, bewegend, berührend, heiter, fröhlich oder ernst war. Aber darf man auch urteilen, dass es erfolgreich oder – im Gegenteil – nicht erfolgreich war? Von einem Misserfolg zu sprechen, würde das nicht bedeuten, die Qualität der ausgetauschten Erzählungen in Frage zu stellen? Ein persönlicher Erfahrungsbericht.

 

Text: Anne-Marie Nicole, Koordinatorin Suisse romande

Anfang Dezember 2021 hat das Musée Ariana in Genf das partizipative und Wochenende «L’art pour tous, tous pour l’art» organisiert. Es stand ganz im Zeichen der Inklusion und der Vielfalt der Teilnehmenden. Das angebotene Kulturprogramm sollte die Pluralität der Sichtweisen fördern. In diesem Rahmen wurden zwei Erzählcafés angeboten. Bereits in der Vergangenheit fanden auf Initiative der Kulturvermittlerin Sabine Erzählcafés im Museum statt. Das Musée Ariana hat dem Publikum die Museumsräume und einen Rahmen für Gespräche zur Verfügung gestellt.

«Es stellte sich plötzlich Enttäuschung ein»

Dieses Mal ging es am Erzählcafé ums Thema «Plaisirs et déplaisirs». Es bot den Teilnehmenden die Möglichkeit, von kleinen Freuden zu erzählen, die für sie das Leben ausmachen und die sie wie Prousts Madeleine in die Gerüche und Gefühle ihrer Kindheit zurückversetzen. Und da dieses Wochenende dazu gedacht war, die Wahrnehmungsfähigkeiten zu trainieren, sollte das Thema auch dazu einladen, von sensorischen Erinnerungen und Erfahrungen zu erzählen: sinnliche Genüsse und Verdrüsse, Mögen und Nichtmögen, gute und schlechte Gerüche, Sehsinn und Hörsinn, die Freude bereiten können, manchen Menschen aber verwehrt sind.

Nach dem ersten Erzählcafé am Samstag, an dem etwa ein Dutzend Personen mit und ohne Beeinträchtigung teilgenommen hatten, stellte sich bei uns Moderatorinnen und Vermittlerinnen Enttäuschung ein. Wir hatten das Gefühl, dass die Veranstaltung etwas zusammenhanglos und bruchstückhaft war. Wir hatten noch die vorherigen, reichen und bewegenden Erzählcafés in Erinnerung, an denen die einzelnen Geschichten ganz natürlich ineinander übergingen und von den Teilnehmenden aufgegriffen wurden. In diesem Fall jedoch waren wir enttäuscht, und dies trotz einiger reicher Geschichten und der Übersetzung in Gebärdensprache. Was hat da nicht richtig funktioniert?

Was lief schief?

Wir haben dann zusammen versucht, die Ursachen zu identifizieren. Schnell waren wir uns einig, dass diese einerseits bei den externen Bedingungen und andererseits bei der Vorbereitung des Erzählcafés zu suchen sind. Hier die Erkenntnisse:

  • Das Umfeld. Bei der Organisation des Erzählcafés mussten wir die COVID-19-Schutzmassnahmen berücksichtigen. Aus diesem Grund wurde der grosse Raum gut gelüftet, weswegen es allerdings relativ kühl war und die Teilnehmenden ihre Mäntel nicht auszogen. Die Stühle wurden kreisförmig mit grossem Abstand angeordnet, wodurch sich keine vertraute, gemütliche Atmosphäre einstellen konnte. Durch das Tragen der Maske war es teilweise schwierig, die Erzählungen zu verstehen. Das Zuhören und die Aufmerksamkeit wurden durch Geräusche anderer Aktivitäten im Museum gestört, ebenso wie durch das Kommen und Gehen im Raum selbst; denn manche Personen kamen zu spät und wussten deshalb nicht über den Ablauf und die Verhaltensregeln eines Erzählcafés Bescheid. Aufgrund der Schutzmassnahmen mussten wir zudem auf den informellen «Café»-Teil verzichten, der jedoch für das Knüpfen von Beziehungen wichtig ist.
  • Die Vorbereitung. Nachdem ich darüber nachgedacht habe, muss ich gestehen, dass ich den Kontext, in dem die beiden Erzählcafés stattfanden, aus den Augen verloren habe. Anstatt den Fokus auf die sensorischen Erfahrungen zu legen, die die Teilnehmenden während des Tages im Museum gemacht hatten, und sie mit vergangenen Erinnerungen und Ereignissen in Verbindung zu bringen, habe ich das Thema «Plaisirs et déplaisirs» zu breit behandelt. Dies erklärt gewiss den mitunter zusammenhanglosen Ablauf und zweifellos auch den Frust mancher Personen darüber, dass sie ihre Entdeckungen und Eindrücke vom Tag selbst nicht teilen konnten.
  • Die Gruppe. Die Zielgruppe war sehr breit: Personen mit körperlicher oder psychischer Beeinträchtigung, ihre Angehörigen und Begleitpersonen. Rückblickend denke ich, dass ich bzw. wir stärker an der integrativen Dimension des Erzählcafés hätten arbeiten sollen, zum Beispiel durch das Einbeziehen einer Person mit Beeinträchtigung bei der Moderation des Erzählcafés.

Aus Fehlern gelernt

Für das zweite Erzählcafé haben wir Anpassungen – hauptsächlich logistischer Art – vorgenommen. So haben wir zum Beispiel die Tür zum Raum geschlossen, sobald wir begonnen haben. Später haben wir auch über die Vorbereitung des Themas und den Umgang mit der Vielfalt der Teilnehmenden nachgedacht. Die Moderatorinnen und Vermittlerinnen hatten sich bereits im Vorfeld ausgetauscht und sich Gedanken gemacht.

Diese Erfahrung hat mich gelehrt, dass jedes Erzählcafé einzigartig ist, seinen eigenen Rhythmus, seine eigene Dynamik und seine eigene Atmosphäre hat. Mir wurde klar, dass es nicht nur wichtig ist, einen gemütlichen, geselligen und sicheren Ort zu wählen, sondern auch, dass eine gute Vorbereitung essenziell ist: Man sollte sich die Zeit nehmen, über das gewählte Thema nachzudenken, zunächst in Bezug auf sich selbst, aber auch in Bezug auf das erwartete Publikum. So kommt das Gespräch besser in Gang und fliesst wie von alleine.

 

Zum erfolgreichen Erzählcafé

Erzählungen können nicht beurteilt oder bewertet werden. Sie sind weder gut noch schlecht, weder richtig noch falsch. Sie sind ganz einfach Erzählungen. Die Ursachen für ein «misslungenes» Erzählcafé liegen meist bei der Vorbereitung, der Vorkenntnis, dem Empfang der Teilnehmenden oder dem Umfeld. Der praktische Leitfaden des Netzwerks Erzählcafé unterstützt Moderator*innen und Veranstalter*innen bei der Vorbereitung und Durchführung von Erzählcafés.

Die Erzählcafé-Moderatorin Lilian Fankhauser liebt Geschichten aus dem Leben. Sie hat mit sechs Studienkolleginnen den Verein zur Förderung lebensgeschichtlichen Erzählens gegründet. Sie sagt, wie man schüchterne Menschen aus der Reserve lockt, und warum es glücklich macht, Erinnerungen zu teilen.

 

Interview: Anina Torrado Lara
Foto: zVg

Wie kamen Sie zum lebensgeschichtlichen Erzählen?

Lilian Fankhauser: Der CAS «Lebenserzählungen und Lebensgeschichten» an der Universität Fribourg hat mich auf diesen Weg geführt. In diesem fantastischen Lehrgang habe ich gelernt, wie man anderen Menschen Erzählraum zur Verfügung stellt und sie ermuntert, ihre Erinnerungen zu teilen. Sechs Alumnae und ich haben danach den Verein zur Förderung des lebensgeschichtlichen Erzählens gegründet, um uns zu vernetzen und im Austausch zu bleiben.

Wie ermuntern Sie schüchterne Menschen, ihre Erlebnisse zu teilen?

Es gibt Moderationstechniken. Wie im Journalismus kann man die Fragen etwas anders als gewohnt formulieren. Ich frage zum Beispiel nicht, welche Länder eine Person bereist hat, sondern: Wie hast du dich gefühlt, als du zum ersten Mal im Ausland warst? Wer war dabei? Es geht nicht um die Reiseroute, sondern um Gefühle, Erlebnisse, das Emotionale.

In unserer leistungsorientierten Gesellschaft sicher keine leichte Aufgabe.

Das stimmt. Eingefahrene Erzählmuster müssen durchbrochen werden. Viele sind sich gewohnt, ihren Karriere-Lebenslauf zu erzählen. Beim lebensgeschichtlichen Erzählen geht es aber um viel mehr: um Emotionen und Erfahrungen, die wir im Leben gesammelt haben. Wir brauchen das Erinnern, um Dinge einzuordnen, die wir hören, sehen oder tun.

In welcher Form kann lebensgeschichtliches Erzählen stattfinden?

Es gibt neben dem Erzählcafé sehr viele Variationen. Eine Theaterregisseurin hat beispielsweise mit der Brauerei Cardinal ein Stück inszeniert, als diese schliessen musste. Die Mitarbeitenden haben ihre Gefühle nachgespielt und so den Abschied verarbeitet. Christian Hanser hat einen alten Schäferwagen zu einer Schatzkiste voller Holzspielzeuge aus der Kindheit umgebaut. Wer will, kann zum Spielen kommen und in Erinnerungen schwelgen. Eine Filmerin arbeitet mit dementen Menschen im Altersheim. Das Playback-Theater Tumoristen in Berlin hilft Menschen, die an einem Tumor leiden, sich mit ihren Gefühlen auseinanderzusetzen. Alle diese Formen des Erzählens und Erinnerns sind sehr wohltuend.

Was löst das Erzählen im Innersten aus?

Das Erzählen stellt Nähe und Respekt zwischen Menschen her. Zum Beispiel am Erzählcafé: Die Teilnehmenden verbringen ihre Zeit mit anderen, können ihre Gedanken ordnen und es geniessen, wie aus einzelnen Erinnerungen ein Erzählstrang entsteht. Nach einem Erzählcafé bin ich zwei Tage lang glücklich, denn ich habe so schöne Geschichten von Leuten erfahren, die ich vorher nicht kannte.

Schreiben Sie Geschichten auch auf?

Ja, ich habe beispielsweise die Biografie meiner Schwiegermutter aufgeschrieben. Wir haben die gemeinsame Zeit des Erzählens und Zuhörens sehr genossen. Herausgekommen ist ein kleines Buch, das ich ihr geschenkt habe. Das mündliche Erzählen gefällt mir aber nach wie vor am besten, denn es hat eine gewisse Leichtigkeit. Man muss nicht immer alles schriftlich festhalten. Diese Leichtigkeit des Mündlichen zieht gerade Frauen stark an.

A propos: Warum kommen mehr Frauen an Erzählcafés als Männer?

Diese Beobachtung habe ich als Moderatorin auch gemacht. Ich denke, dass Frauen sich in einem Raum wohlfühlen, in dem es nicht darum geht, sich zu profilieren. Sie schätzen es, dass es beim Erzählcafé ums Gemeinsame, um ein Thema geht und nicht darum, welche Geschichte am interessantesten ist.

Was sind die Ziele des neu gegründeten Vereins zur Förderung lebensgeschichtlichen Erzählens?

Wir Gründungsmitglieder haben festgestellt, dass die Methode des lebensgeschichtlichen Erzählens in der Gesellschaft viel zu wenig bekannt ist – und dass der Wert des Zuhörens im Alltag sehr oft unterschätzt wird. Das möchten wir ändern – und möglichst viele lebensgeschichtliche Projekte unterstützen und sichtbar machen. Wir organisieren deshalb zahlreiche Veranstaltungen, so zum Beispiel ein Thementreffen am 19. März 2022 zur Erarbeitung einer Biografie im Zwiegespräch: Lebensgeschichten von «öffentlichen Personen».

Zur Person

Lilian Fankhauser ist Gleichstellungsbeauftragte an der Universität Bern. Sie engagiert sich nebenberuflich als Moderatorin im Netzwerk Erzählcafé Schweiz und leitet Workshops zu den theoretischen Grundlagen und Methoden lebensgeschichtlichen Erzählens.

Nach dem Nachdiplomstudium «Lebenserzählungen und Lebensgeschichten» an der Universität Fribourg hat sie zusammen mit anderen Alumnae den Verein zur Förderung lebensgeschichtlichen Erzählens gegründet. Auf der Webseite publizieren sie Veranstaltungen, geben Tipps und vernetzen die Mitglieder. Sie beraten und coachen andere Institutionen und dokumentieren auf Wunsch das Leben einer Person.

 

Lesetipp: Heilende Wirkung von Erzählcafés
Kerstin Rödiger, Seelsorgerin am Universitätsspital Basel und langjährige Erzählcafé-Moderatorin, schreibt in einem Artikel, wie sie die Methode des Erzählcafés im Spital einsetzt.

Autorin: Rhea Braunwalder
Foto: Anna-Tina Eberhard

Die Migros rief mit der Weihnachtskampagne dazu auf, niemanden allein zu lassen. Ich wollte einen Beitrag leisten und in der Adventszeit ein Erzählcafé anbieten. Ich freute mich auf neue Gesichter am Tisch. Doch dann sass ich (ziemlich) allein da. Woran lag es? Und wie gehen Moderatorinnen und Moderatoren damit um, wenn nur wenige Menschen – oder niemand – kommt?

Rhea Braunwalder, Projektgestalterin und Moderatorin von Erzählcafés

Mit diesem Beitrag möchte ich ein wichtiges Thema ansprechen: die Partizipation am Erzählcafé. Aus meiner langjährigen Erfahrung als Moderatorin von Erzählcafés weiss ich, wie wichtig eine offene  Gesprächskultur unter Moderierenden ist. Gemeinsam zu reflektieren, bringt uns alle weiter.

Ich habe letzten Samstag ein Erzählcafé angeboten. Meine Schwester ist gekommen, die restlichen Stühle blieben leer. Wir haben dann zusammen einen Tee getrunken und Musik gehört. Natürlich habe ich mich gefragt, woran es lag, dass niemand kam, und was es bräuchte, damit mehr Personen an meine Erzählcafés kommen.

Allein auf weiter Flur – woran liegt es?

Wenn ich ein Erzählcafé organisiere und nur eine oder zwei Personen kommen, bin ich enttäuscht. Ich überlege mir: War mein Erzählcafé zu kurzfristig angekündet? Liegt es an mir als Person? Lag es am Wetter, an der Tageszeit, am Wochentag, am Thema, an der Pandemie? Unweigerlich befinde ich mich in einer Rechtfertigungshaltung. Ich fühle mich, als müsste ich auch noch Aussenstehenden versichern: «Auch zu zweit war es schön, und es wurden viele Geschichten ausgetauscht!»

Auch wenn mir andere Moderierende und die Gäste versichern, dass sie das Erlebnis auch in einer kleinen Runde geniessen, beschäftigt mich das. Ich finde es wichtig, dass wir öfter und offener darüber reden, wenn unsere Erzählcafés nicht so gut gelaufen sind. Wir sollten es nicht als Scheitern oder Misserfolg empfinden. Schliesslich geht es, besonders bei Erzählcafés, nicht um eine leistungsorientierte Tätigkeit – weder beim Teilnehmen noch beim Moderieren.

Partizipation fängt schon bei der Planung an

Ich vermute, dass das Rezept eines erfolgreichen Erzählcafés die Partizipation ist. Das Netzwerk Erzählcafé Schweiz ruft zu partizipativen Erzählcafés auf. Partizipation kann von Mitsprache über Mitentscheidung bis zu Beteiligung reichen. Partizipation ist nicht nur bei der Durchführung, sondern bereits bei der Planung eines Erzählcafés empfehlenswert. Oft bleiben wir in der Planung bei einer Vorstufe der Partizipation: der Informierung. Wir suchen ein Thema aus, einen Ort, eine Uhrzeit. Dann kommunizieren wir die Fakten. Vielleicht ist es nicht ganz so überraschend, dass wenige Personen kommen. Denn eine Person, die an einem Erzählcafé teilnimmt, muss zufällig gerade dann Zeit haben, mit dem Thema resonieren, an diesem Ort sein und noch die Information irgendwo gelesen haben.

Wenn wir potenzielle Teilnehmende nebst der Informierung auch noch nach ihrer Meinung oder nach ihren Erfahrungen fragen würden, wäre das ein weiterer Schritt in Richtung eines partizipativ gestalteten Erzählcafés. Richtig partizipativ wird es dann, wenn wir mit den Teilnehmenden gemeinsam das Erzählcafé planen, zum Beispiel in einer Planungsgruppe. Hier bestimmt die Gruppe gemeinsam den Tag, die Uhrzeit und das Thema. So freuen sich alle gemeinsam auf «ihr» Erzählcafé, das zum Gemeinschaftsprojekt geworden ist.

Eine persönliche Einladung ist entscheidend

Ich bin auch sicher, dass die Reise zu erfolgreicheren Erzählcafé mit einer persönlichen Einladung beginnt. Denn wir dürfen nicht vergessen: Viele Menschen haben eine hohe Hemmschwelle, etwas Neues auszuprobieren und sich gegenüber anderen zu öffnen.

Es würde mich interessieren, wie diese Einladung lauten könnte. Schreibt mir doch eine E-Mail mit euren Gedanken und Kommentaren oder teilt eure Erfahrungen im Schwarzen Brett. Ich freue mich, von euren Erfahrungen zu lesen: rhea.braunwalder@netzwerk-erzaehlcafe.ch.

Möchten Sie das interkulturelle Format (siehe Interview mit Johanna Kohn) einmal selbst ausprobieren? Hier finden Sie Empfehlungen für Gesprächssituation in Erzählcafés mit gehörlosen gebärdenden Personen und DSGS-Dolmetschenden. 

 

Vor dem Erzählcafé:

  • Auf gute Lichtverhältnisse achten. Gegenlicht soll vermieden werden.
  • Je nach Gruppenzusammensetzung muss auch auf Hintergrundgeräusche geachtet werden (Hörgeräte, Cochlea-Implantate).
  • Den gehörlosen Personen und den Dolmetschenden kurz Zeit und Raum geben, um die beste Sitzordnung zu finden.
  • Tische nur wenn notwendig aufstellen.
  • Abklären, ob es in der Gruppe wichtig ist, Hochdeutsch zu sprechen.
  • Um die Aufmerksamkeit einer Gruppe auf sich zu lenken (z.B. für den Start), kann man zum Beispiel den Lichtschalter mehrmals ein- und ausschalten. Wenn die Dolmetschenden bereits präsent oder im Einsatz sind, kann man auch normal «rufen». Die Dolmetschenden übernehmen dann mit einer geeigneten Methode.

Während des Erzählcafés:

  • Es sollen nicht speziell lange Pausen für die Dolmetschenden gemacht werden. Wenn es zu schnell geht, werden die Dolmetschenden das Gespräch unterbrechen und um Wiederholung bitten.
  • Während des Gesprächs unbedingt Blickkontakt mit den Adressierten halten, nicht mit den Dolmetschenden.
  • Die Gebärdensprach-Dolmetschenden werden nicht aktiv ins Gespräch miteinbezogen. Das heisst, es sollen ihnen keine Fragen gestellt werden (ausser sie haben direkt mit der Dolmetschsituation zu tun).
  • Durch das Dolmetschen haben die gebärdensprachlich kommunizierenden Personen eine kleine Verzögerung. Eine typische Situation in gemischten gedolmetschten Gruppen ist: Eine Frage wird lautsprachlich gestellt. Wenn diese Frage dem Ende zugeht, melden sich bereits erste hörende Teilnehmende mit einer Antwort. Zur selben Zeit ist aber die Frage in der Gebärdensprache noch nicht fertig übersetzt. Die gehörlosen Personen sind also im Nachteil und die hörenden Personen kommen ihnen zuvor. In gemischten Gruppen entsteht so das Risiko, dass gehörlose Personen nicht zu Wort kommen. Vergeben Sie das «Recht zu sprechen», damit alle zu Wort kommen. Bevor Antworten auf eine Frage kommen, muss die Frage in Gebärdensprache fertig übersetzt worden sein.
  • Die Gehörlosenkultur zeichnet sich dadurch aus, dass viele Personen gleichzeitig kommunizieren. Es wäre möglich, dass die Gehörlosen die Organisation des Erzählcafés im Sinne von aufeinanderfolgenden Erzählungen (Monologen) unpassend finden und eher Diskussion oder Rückmeldungen suchen. Es sollten vorab Strategien definiert werden, wie die Moderierenden damit umgehen.

Den ausführlichen Leitfaden finden Sie hier.

Johanna Kohn, Professorin für Alter, Biographiearbeit und Migration an der FHNW, lancierte zusammen mit Simone Girard-Groeber, Forscherin im Gehörlosenbereich an der FHNW, ein besonderes Projekt: Sie luden hörende und gehörlose Menschen zum Erzählcafé ein. Johanna Kohn erzählt über diese interkulturelle Begegnung.

 

Interview: Anina Torrado Lara

Wie kamen Sie auf die Idee, Erzählcafés zu veranstalten, bei denen das «Einander Zuhören» eine Herausforderung darstellt?

Johanna Kohn

Johanna Kohn: Die Idee kam von Simone Girard-Groeber. Sie wollte die interkulturelle Begegnung zwischen Hörenden und Gehörlosen ermöglichen und herausfinden, was da im Gespräch passiert. Zuhören und Erzählen konnten wir dank zwei Gebärdensprach-Dolmetscherinnen. Es war ähnlich anspruchsvoll, wie wenn Menschen mit unterschiedlicher Muttersprache und Kultur zusammenkommen.

Inwiefern war die Begegnung zwischen Gehörlosen und Hörenden «interkulturell»?

Die Begegnungen waren in mehrfachem Sinne interkulturell: In jeder Kultur teilen wir gemeinsame Sprachen, gewisse Gewohnheiten, Regeln, Verhalten, Rituale und Geschichten. Hörende und Gehörlose in der Schweiz leben in der gleichen Umgebung, unterscheiden sich aber in Sprache, Geschichte, Umgang, Bedürfnissen. Gehörlose Menschen sind zudem in sich «bi-kulturell»: Sie sind Teil der hörenden Kultur einerseits, nutzen aber andererseits auch ihre Gebärdensprache und fühlen sich der Gehörlosenkultur angehörig.

Was prägt die Kultur von gehörlosen Menschen in der Schweiz?

Ein Einblick in die Geschichte der Gehörlosen in der Schweiz macht das verständlich: Viele der älteren Gehörlosen wurden früh vom Elternhaus getrennt und wuchsen in den wenigen Internaten für Gehörlose in der Schweiz auf. Dort war die Gebärdensprache vielfach verboten und sie wurden für das Gebärden bestraft. Unter grosser Anstrengung mussten sie lernen, Laute zu artikulieren und von den Lippen zu lesen. Untereinander haben sie sich oft nur versteckt in Gebärdensprache austauschen können. Das prägt. Hörende in der Schweiz teilen diese Geschichte nicht, sie haben vielfältige andere Erfahrungen. Während für die Gehörlosen als Minderheit das bi-kulturelle Leben der Alltag ist, war es für die Hörenden am Erzählcafé eher neu, Minderheit in einer gehörlosen Kultur zu sein.

Besteht heutzutage mehr Chancengleichheit für Gehörlose?

Es wurde schon einiges getan. Zum Beispiel werden mehr Informationen in Gebärdensprache übersetzt. Aber gerade im Bildungsbereich bestehen noch enorme Ungleichheiten. Das zeigt sich dann auch in der Berufswahl. Am Erzählcafé haben wir über dieses Thema gesprochen. Viele Gehörlose sagen, dass sie sich in einem ständigen «Kampf ums Sichtbarwerden» befinden. Es fängt schon bei der Berufswahl an: da sind auf den ersten Blick ganz viele Tätigkeiten «unmöglich».

Sind Hörende hilflos im Umgang mit Gehörlosen?

«Hilflos» möchte ich nicht sagen, aber vielleicht erst einmal «sprachlos» und «fremd» in einer fremden Kultur. Kontakt entsteht vielleicht, aber nur sehr oberflächlich. Vertiefte Gespräche sind möglich, wenn Hörende sehr kompetent in Gebärdensprache sind, oder Dolmetschende dabei sind. Das hat uns auch das Erzählcafé gezeigt: Es brauchte eine gute Vorbereitung, damit der interkulturelle Austausch für alle möglich und ein bereicherndes Erlebnis ist.

Können Sie uns einen ersten Einblick in Ihre Erkenntnisse geben?

Ich möchte noch nicht viel vorwegnehmen, aber die Erzählcafés haben bei allen Beteiligten Lust auf mehr geweckt. Sie haben den Hörenden Mut gemacht, sich darauf einzulassen, erst einmal nichts zu verstehen – und dann aber ganz viel zu erleben. Und sie haben den Gehörlosen den Raum gegeben, ihre Erfahrungen und ihre Welt «laut» sichtbar zu machen. Die Ergebnisse und der Leitfaden zur Durchführung von «Erzählcafés Inklusiv» mit Hörenden und Gehörlosen ist hier online.

 

Die Erzählcafé-Reihe mit Gehörlosen und Hörenden

Die Erzählcafé-Reihe wurde 2020 vom Netzwerk Erzählcafé mit dem Schweizerischen Gehörlosenbund, der Max-Bircher-Stiftung und dem Verein Sichtbar Gehörlose in Zürich veranstaltet. Mit dabei waren neben Johanna Kohn und Simone Girard-Groeber auch zwei Dolmetscherinnen sowie hörende und gehörlose Gäste und Moderierende. Aus den Erkenntnissen der Erzählcafés und Interviews mit Beteiligten enstand 2021 ein Bericht über die Kommunikation in interkulturellen Erzählcafés und ein Leitfaden mit Tipps.

In der Kampagne #unbeschränkt erzählen Menschen mit einer Beeinträchtigung aus ihrem Leben. Die Idee, ungehörte Geschichten in die Öffentlichkeit zu tragen, stammt von Luca Lo Faso vom Schlossgarten Riggisberg. Wir fragen ihn, was die Kampagne in den Köpfen bewegt und wie er mit dem Netzwerk Erzählcafé zusammenspannt. 

Interview: Rhea Braunwalder / Anina Torrado Lara, Fotos: zVg

Was ist das Ziel der neuen Kampagne #unbeschränkt?

Luca Lo Faso: Wir möchten ungehörte Geschichten erzählen und damit Mut machen. Mut, Vorurteile gegenüber Menschen mit Beeinträchtigungen abzubauen oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Auch will die Kampagne Gleichgesinnte verbinden und eine Bewegung auslösen. Die gesellschaftliche Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigung – und überhaupt die gesellschaftliche Vielfalt – soll als Bereicherung und nicht als Bürde erlebt werden.

Wie haben Sie Menschen gefunden, die bereit sind, ihre Geschichte zu erzählen?

Unsere Erfahrung ist, dass Menschen grundsätzlich gerne ihre Geschichte erzählen. Insbesondere dann, wenn es ermutigende Erfolgsgeschichten sind. Allerdings ist es etwas anderes, eine Geschichte «nur» zu erzählen und sie zu veröffentlichen. Dieser Schritt braucht Mut, gerade in der undurchsichtigen und unberechenbaren Welt der sozialen Medien. Die ersten Geschichten stammten aus dem Schlossgarten. Danach haben wir andere Institutionen angefragt. Mit der Zeit haben sich dann auch Betroffene oder deren Angehörige an uns gewendet.

Warum setzen Sie auf «Storytelling»?

Fachverbände und Interessenvertretende schaffen eine grosse Sensibilität für die Themen «gesellschaftliche Inklusion» und «gleiche Rechte für Menschen mit Beeinträchtigungen». Wir sind aber überzeugt, dass es schwierig ist, andere als Fach- und Betroffenenkreise mit diesen Forderungen zu erreichen. Geschichten wirken viel stärker als ein Appell ans Pflichtgefühl. Inklusion und Teilhabe sollen wohltuende Bereicherungen und wertvolle Errungenschaften sein.

Wie fördern Sie mit dieser Strategie die Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigungen?

Geschichten schaffen Emotionen und Verbindungen zwischen den Menschen. Sie machen betroffen, fördern den Gemeinschaftssinn und damit hoffentlich auch das gesellschaftliche Zusammenleben. Die Beispiele relativeren das Bild einer beeinträchtigten Person und zeigen, dass die Einschränkung nur ein Aspekt ist. Bei uns wohnt beispielsweise seit Jahren eine Konzertpianistin. Wenn man die kultivierte und belesene Frau in klaren Momenten erlebt und sie Klavier spielen hört, kann man sich gut vorstellen, wie sie einst auf der ganzen Welt die Bühne eroberte.

Welche Barrieren bestehen in den Köpfen?

Viele Ängste und Unwissenheit. Kürzlich sagte mir ein Mann, er wohne jetzt schon 40 Jahre in der Gegend, sei aber noch nie im Schlossgarten gewesen. Diejenigen, die «es wagen», sind in der Regel begeistert. Wir haben bei uns ein Bed & Breakfast, einen Eggladen mit Produkten aus unserem Betrieb, ein Restaurant und ein Seminarzentrum. Viele Touristen im B&B staunen, wo sie gelandet sind (lacht). Echte Inklusion ist erst dann möglich, wenn die Diversität als Bereicherung empfunden wird und Begegnungen entstehen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Wir wollen näher an die Arbeitswelt ran und das Potenzial von Menschen mit Beeinträchtigungen nutzen. Gerade die Mitarbeit im ersten Arbeitsmarkt stellt einen grossen Schritt in der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben dar. Betriebe, die auch Menschen mit Beeinträchtigungen beschäftigen, erfahren in der Regel, wie bereichernd dieses Engagement für alle Beteiligten ist.

Wie können Interessierte zur Kampagne beitragen?

Auf der Plattform www.unbeschänkt.ch publizieren wir Geschichten. Interessierte Personen und Institutionen helfen uns, wenn sie die Geschichten mit dem Hashtag #unbeschränkt auf ihren sozialen Medien teilen. Darüber hinaus freuen wir uns sehr, wenn sie eigene Beiträge verfassen. Wer dies wünscht, kann unser Partnerlabel «WIR SIND UNBESCHRÄNKT» als sichtbares Zeichen für das Engagement einsetzen.

Luca Lo Faso
Luca Lo Faso ist Mitglied der Geschäftsleitung des Schlossgarten Riggisberg. Er hat die Kampagne #unbeschränkt entwickelt.

Geschichten im Zentrum

Das Netzwerk Erzählcafé unterstützt die Kampagne #unbeschränkt. Der Schlossgarten Riggisberg wiederum ist Partner bei den Erzählcafé-Tagen 2021 vom 11.-13. Juni 2021. An beiden Tagen werden im Schlossgarten Erzählcafés stattfinden. Die beiden Institutionen sind dadurch verbunden, dass sie Lebensgeschichten in den Vordergrund stellen.

www.schlogari.ch

Unter der Leitung von Gert Dressel erarbeiten Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Raum gemeinsam eine Publikation zum Thema «Das Erzählcafé auf dem Prüfstand. Erfahrungen und Gelingensbedingungen» (Arbeitstitel). Sie wird im 2021 erscheinen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Was wollen wir der Welt erzählen?

Seit den 1980er Jahren gibt es Erzählcafés, lebensgeschichtliche Gesprächskreise oder Biografiegruppen. In solchen Gruppen werden persönliche Erfahrungen und Geschichten von Menschen verschiedenen Alters und sozialer, kultureller und nationaler Herkunft ausgetauscht. Das besondere daran: Im moderierten Dialog wird nicht die «eine Wahrheit» gesucht. Vielmehr erhalten die verschiedenen Erfahrungen der Menschen ein Gehör.

Warum schreiben wir eine Publikation?

Jessica Schnelle, Gert Dressel und Johanna Kohn (v.l.n.r.), die die Publikation herausgeben werden, sprechen im Video über ihr partizipatives Publikationsprojekt und warum es wichtig ist, die Vielfalt der Erzählcafés sichtbar zu machen.

Wer schreibt an der Publikation mit?

Edith Auer, Wien

«Erzählen über das Eigene macht uns Menschen sichtbar, wir verbinden uns und erleben Verstehen. Beim Erzählen in Gruppen werden Fenster zu unterschiedlichsten Lebenssituationen aufgemacht, und diese Fenster gehen nicht nur für den Moment des Erzählens auf, sondern bleiben auch noch danach offen. Beim gemeinsamen Zurückschauen bekommen wir Bilder von fremden wie auch bekannten Lebenswelten, und so wird unser Mosaik der Erinnerungen immer bunter und reicher.»

Edith Auer, Wien

Rhea Braunwalder, St.Gallen

«Für mich ist der Austausch mit anderen ModeratorInnen über das 'was wir machen' wichtig, um meiner Tätigkeit als Moderatorin eine Richtung und einen Sinn zu geben. Um mich bewusst dieser Reflexion zu widmen, beteilige ich mich am Schreibprojekt.»

Rhea Braunwalder, Erzählcafé-Moderatorin, St.Gallen

Yvonne Brogle, Baden

«Meine Motivation, in der Arbeitsgruppe Interkulturelle Erzählcafés mitzuwirken, ist es, herauszufinden, wie dies noch besser gelingen kann und was genau passiert, wenn Menschen aus verschiedenen Kulturen in einem Erzählcafé im Austausch sind.»

Yvonne Brogle, Interkulturelle Projektleiterin, Stadtbibliothek Baden

Franco De Guglielmo und Daniela Hersch, Lausanne

«Wir möchten zeigen, dass man mit der Verknüpfung verschiedener beruflicher Kompetenzen die Methode des Erzählcafés an ein jugendliches Publikum anpassen kann.»

Franco De Guglielmo und Daniela Hersch, Zentrum für Sozial-und Kulturanimation Prélaz-Valency

Gert Dressel, Wien

«Wenn Menschen einmal nicht diskutieren, sondern einander über sich erzählen und zuhören, passiert oft Erstaunliches: Kontakt, Verstehen, Vertrauen, Akzeptanz von Unterschiedlichkeit – zwischen Jung und Alt, zwischen Menschen aus nah und fern. Das passiert seit vielen Jahren in Erzählcafés oder Gesprächskreisen. Und das ist durchaus voraussetzungsvoll. Das alles gehört sichtbar gemacht und gewürdigt – gerade in Zeiten, in denen Populisten spalten. Auch deshalb finde ich dieses Projekt wichtig.» 

Gert Dressel, Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen, Wien

Lisbeth Herger, Zürich

«Erzählen und Zuhören birgt die Möglichkeit, das Eigene mit Fremdem zu verbinden. Daraus wächst erzähltes Leben. Formt sich biografische Stärke. Zeigt sich kollektive Geschichte. Das Erzählcafé lässt Menschen aufeinander zugehen.»

Lisbeth Herger, Biografikerin, Autorin, Moderatorin von div. Erzählcafés, u.a. mit Betroffenen von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, oder zur Historie eines Dorfes. Ist in der Schweiz als Freelancerin unterwegs.

Johanna Kohn, Basel/Olten

«Der eigenen Lebensgeschichte erzählend eine Gestalt zu geben und dabei von anderen Menschen gehört, erkannt und akzeptiert zu werden, ist eine heilsame und Identität stiftende Erfahrung. Sie fördert den gesellschaftlichen Zusammenschluss und das tiefere Verstehen unserer Lebensgeschichte als Teil der Zeitgeschichte. Dies durch sorgsame Moderation zu ermöglichen, ist ein Ziel von Erzählcafés. Es ist wichtig, die Gelingensbedingungen und Hindernisse dieser Methode zu erkennen. Dazu soll das Buch einen Beitrag leisten.»

Johanna Kohn, Fachhochschule Nordwestschweiz, Soziale Arbeit, Institut für Partizipation und Integration

Katharina Novy, Wien

«An Erzählcafés und anderen Formaten der Biografiearbeit begeistert mich, Begegnung zwischen Menschen zu ermöglichen und gleichzeitig den Blick für die Gesellschaft zu stärken. Empathie fördern, Gemeinsamkeiten wahrnehmen, uns selbst und andere als gesellschaftliche Akteur*innen erkennen – all das sind zentrale Zugangsweisen für politische Bildung in Zeiten vielfältiger Krisen. Mich reizt der Austausch und die gegenseitige Stärkung in solchen Bemühungen.»

Katharina Novy ist Trainerin, Beraterin, Moderatorin.
www.perspektivenveraendern.at

Kerstin Rödiger, Binningen

Kerstin Rödiger

«Ich fühle mich selbst immer wieder beschenkt durch besondere Momente im gemeinsamen Erzählen, in denen sich einzelne Erzähl- und Lebensfäden zu einem kleinen Muster verbinden und Menschen sich darin verbunden, geschätzt und gesehen bzw. gehört fühlen.»

Kerstin Rödiger, Schweiz, probiert vieles mit dem Format Erzählcafé im kirchlichen Kontext aus, sowohl mit Asylsuchenden, in der Spitalseelsorge, mit Freiwilligen und als städtisches Bildungsangebot.

Daniela Rothe, Essen

«Erzählen ermöglicht, über generationale, soziale und politische Differenzen hinweg in Kontakt zu treten. Räume für das Erzählen zu eröffnen und eine von wechselseitiger Anerkennung geprägte Erzählkultur zu pflegen ist deshalb nicht nur für diejenigen ein Gewinn, die daran teilnehmen, sondern für die Gesellschaft insgesamt. Erzählen lebt von Differenz und Vielfalt unterschiedlicher Erfahrungsperspektiven. Und es trägt dazu bei, immer wieder überraschende Gemeinsamkeiten zu entdecken. In der empirischen Erforschung und der professionellen Reflexion unterschiedlicher Erzählsituationen und -arrangements sehe ich ein Potenzial für die Weiterentwicklung lokaler Erzählkulturen, die soziale Verbindungen in einer offenen und pluralen Gesellschaft ermöglichen. Dazu will ich im Rahmen des Projekts beitragen.

Daniela Rothe, Fakultät für Bildungswissenschaften, Universität Duisburg Essen

Stefanie Schmid-Altringer, Bonn

Foto: nahdran

«Erzählcafés haben ein enormes, noch nicht ausgeschöpftes Potential für unsere Gesundheit und Gesundheitsversorgung. Dieses möchte ich als Wissenschaftsjournalistin und Ärztin bekannt machen und weiterentwickeln. Erzählcafés zu 'Der Start ins Leben' sind als Live-Event digital vernetzt mit unserer Webseite und den sozialen Medien. Dadurch kann die private Erfahrung geschützt durch Anonymität politisch wirksam werden. Es sind deshalb keine klassischen Erzählcafés, sondern ein neues Erzählcafé-Format mit Ablegern für verschiedene Zielgruppen wie geflüchtete Frauen, Schulklassen, zur Schliessung von Geburtskliniken, für die Quartiersarbeit, etc.»

Stefanie Schmid-Altringer, Wissenschaftsjournalistin und Ärztin. Projektleitung der «Erzählcafé-Aktion - Offene Mitmachprojekte zur Verbesserung der Geburtskultur».

Annemarie Schweighofer-Brauer, Innsbruck

«In meinem Leben ist mir ein ganz besonderes Geschenk zuteil geworden: als mündlicher Geschichtsforscherin erzählten mir Menschen vertrauensvoll, ernsthaft, lustig aus ihren Erinnerungen; als Biographiearbeiterin in der Erwachsenenbildung nahmen/nehmen Menschen in Gruppen interessiert und engagiert die angebotenen Fragen und Methoden auf, um ihre Erinnerungslandschaft auf ungewohnten Wegen zu betreten; als Beraterin und psychologische Begleiterin von Geflüchteten eröffnet mir die bei alle dem ausgebildete biographische Sensibilität, facettenreich verständnisvoll mit den Menschen in Kontakt zu kommen.»

Annemarie Schweighofer-Brauer

Jessica Schnelle, Zürich

«Erzählcafés können einer  “Kultur des Sendens” eine “Kultur des Zuhörens” entgegensetzen. In unserer diversen Gesellschaft bereitet das Erzählen und Zuhören den Boden dafür, gemeinsam die Zukunft zu gestalten. Mit dieser Publikation möchten wir  Erzählcafés weiter auf die Agenda bringen.»

Jessica Schnelle, Projektleiterin Soziales, Direktion Kultur und Soziales, Migros-Genossenschafts-Bund

Claudia Sollberger, Solothurn

«Ich engagiere mich für diese Publikation, damit das Erzählcafé in all seiner Vielfalt und Qualität wahrgenommen wird. Insbesondere die Bedeutung einer mit Achtsamkeit und Sorgfalt durchgeführten Moderation als professionelle Methode in der Theorie und Praxis liegen mir am Herzen.»

Claudia Sollberger, Erzählcafé-Moderatorin

 

Wie läuft das Projekt ab?

Bis im April 2020 findet eine Verschriftlichung der Reflexionen und Analysen statt. An einem Workshop im Januar 2021 werden die Ergebnisse zusammengetragen und gesichtet. Das Ergebnis dieser Arbeit legt den Grundstein für die weitere zielgruppenspezifische Verarbeitung: vielleicht eine Publikation, ein Website-Beitrag oder Podcast? Für den Prozess der Erarbeitung ist uns wichtig, im ersten Schritt das Endprodukt noch offen zu lassen.

Für wen ist die Publikation?

Die Publikation soll Menschen, die Erzählcafés moderieren und organisieren, Unterstützung bieten. Die Ergebnisse werden im Jahr 2021 veröffentlicht.

Wer steht hinter dem Publikationsprojekt?

Das partizipativ und interdisziplinär angelegte Forschungs- und Publikationsprojekt ist eine Kooperation des Netzwerks Erzählcafé Schweiz (getragen vom Migros-Kulturprozent und dem Institut Integration und Partizipation an der Hochschule für Soziale Arbeit/FHNW) mit der Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen an der Universität Wien und dem Verein Sorgenetz (Wien).

Kontakt der Herausgebenden:

Gert Dressel, Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen an der Universität Wien sowie Verein Sorgenetz gert.dressel@univie.ac.at

Johanna Kohn, Fachhochschule Nordwestschweiz, Institut Integration und Partizipation
johanna.kohn@fhnw.ch

Jessica Schnelle, Migros-Kulturprozent, Bereich Soziales
jessica.schnelle@mgb.ch

François Dubois, Geschäftsleiter von Pro Senectute Arc Jurassien, kämpft gegen die soziale Isolation, unter der viele Klienten und Klientinnen der Sozialberatung leiden. Er sucht den direkten Kontakt zu den Seniorinnen und Senioren.

Was hat Sie dazu bewogen, bei Pro Senectute Arc Jurassien Erzählcafés zu organisieren?
François Dubois: Vor fast 25 Jahren, als ich in Neuenburg Assistent und Doktorand an der Theologischen Fakultät war, habe ich philosophische Cafés ins Leben gerufen. Mir gefiel die Idee, auf diese Weise eine Möglichkeit zum Austausch bieten zu können. Später habe ich von meiner Partnerin, die für Pro Senectute Biel/Bienne-Seeland arbeitet, von Erzählcafés erfahren. Als Geschäftsleiter habe ich wenig direkten Kontakt zu meinen «Klienten». Deshalb wollte ich Erzählcafés durchführen. Dabei kann ich meine Liebe zum Gespräch, mein Interesse am Erlebten der Menschen und den Wunsch nach Abwechslung mit meiner beruflichen Aktivität in Einklang bringen.

Welche Schritte haben Sie unternommen, nachdem Sie diesen Beschluss gefasst haben?
Zunächst habe ich an einem Werkstattgespräch des Netzwerks Erzählcafé teilgenommen, um mehr über Erzählcafés zu erfahren. Dann habe ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Ort gemacht, und zum Schluss habe ich mir überlegt, welche Themen ältere Menschen interessieren könnten. Ich habe versucht, bei der Themenwahl auch die Jahreszeit mit zu berücksichtigen:  So haben wir uns am 1. November zum Beispiel über das Thema «Meine lieben Verstorbenen» ausgetauscht und am 14. Februar von unserer ersten Liebe erzählt.

Wie machen Sie das Angebot bekannt?
In unserem Freizeitprogramm, aber auch über mein Partnernetzwerk und die lokalen Medien, die in der Regel gerne über neue, originelle Aktivitäten berichten. Ausserdem lade ich Nachbarinnen und Nachbarn der Lokalität ein und verteile im Quartier gedruckte Flyer.

Die Erzählcafés finden seit September 2019 jeden ersten Freitag im Monat statt: Weitere Informationen hier. Im Video erzählt François Dubois mehr dazu.

François Dubois
François Dubois liebt das Gespräch und den Meinungsaustausch. Er hat früher philosophische Cafés moderiert und gehört dem Freiwilligenverein «Lecture et Compagnie» an, dessen Mitglieder ältere Menschen besuchen und ihnen vorlesen. Als Leiter von Pro Senectute Arc Jurassien ist er immer auf der Suche nach Aktivitäten, die Begegnung und Austausch fördern. So wird er am 12. September auch das «Rendez-vous am Bielersee» mitmoderieren. Das Format ist eine Veranstaltung, die Seniorinnen und Senioren die Gelegenheit bieten soll, über die Sprachgrenzen hinaus neue Bekanntschaften zu machen.

Interview: Anne-Marie Nicole
Foto: Anna-Tina Eberhard

In Zeiten, wo Menschen sich nicht mehr zum Austausch treffen können, sind andere Formate gefragt. Wagen wir einen Blick in die Geschichte: Erzählcafés entstanden in den 1990er-Jahren in Berlin mit der Wende. Menschen aus Ost und West, die sich während 30 Jahren nicht treffen konnten, erzählten sich wie sie die letzten Jahre erlebten. Die Annäherung übers Geschichtenerzählen war so erfolgreich, dass sich das Format bis heute gehalten hat.

Mit der Entwicklung von digitalen Kommunikationskanälen ist eine physische Trennung keine Ausrede mehr für das Still sein. Das Netzwerk Erzählcafé hat einen Salon eingerichtet,  wo Ihre Geschichten empfangen werden! Schauen Sie in unserem Salon des histoires vorbei.

Hier noch andere digitale Erzählmöglichkeiten:

Das ZDF hat mit «Meine Wende – Unsere Einheit?» einen Podcast zum Mitmachen lanciert. So funktioniert es:

  • Auf meinewende.zdf.de kann man seine persönliche Geschichte zur Wende und der deutschen Einheit erzählen. Einfach aufnehmen und hochladen.
  • Das Langzeit-Projekt läuft bis zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2020. Eine Auswahl einzelner Geschichten soll in dieser Zeit filmisch umgesetzt werden.
  • Auf meinewende.zdf.de gibt es bereits 23 Folgen zum Hören.

Auch das Mühlerama sammelt für seine neue Sonderausstellung Lebensgeschichten. Das Thema lautet «Hunger und Verzicht». In unserer heutigen Gesellschaft kennen wir vor lauter Überfluss den Hunger nicht mehr – oder doch? Wer eine persönliche Erfahrung zum Thema teilen möchte, kann seine Geschichte hier einreichen.

Alle digitalen Erzählveranstaltungen publizieren wir in der Agenda.

Jessica Schnelle (JS) und Rhea Braunwalder (RB), Projektgestalterinnen des Netzwerks Erzählcafé Schweiz, über Partizipation im Netzwerk Erzählcafé

Was bedeutet Partizipation im Rahmen des Netzwerks Erzählcafé?

JS: Unser Netzwerk besteht aus Menschen, die über unterschiedliche Ressourcen wie Zeit, Erfahrungen, Netzwerk und Finanzen verfügen. Im Projektteam Erzählcafé pflegen wir die Haltung, dass alle ihre Ressourcen einbringen können, um zusammen etwas zu kreieren, was den gemeinsamen Zielen dient. Im Fall des Netzwerks Erzählcafé ist es unser Ziel, sorgsam moderierte Erzählcafés guter Qualität in der ganzen Schweiz zu fördern.

Warum ist Partizipation für das Netzwerk Erzählcafé so wichtig?

JS: Wenn Akteurinnen und Akteure ihre eigenen Fragestellungen formulieren und voranbringen können, entstehen Vernetzungen und Angebote, die erwünscht sind und einen Mehrwert bieten. Ausserdem ist Partizipation ein Grundgedanke und Leitprinzip für die Arbeit im Bereich Soziales des Migros-Kulturprozent und des Instituts für Integration und Partizipation der FHNW, welche Träger des Netzwerks sind.

Wie und wo wird im Netzwerk Erzählcafé partizipativ gearbeitet?

JS: Grundsätzlich sind wir offen für partizipative Arbeitsweisen und freuen uns, wenn sich Personen bei uns melden, die aktiv mitwirken wollen. Trotzdem werden nicht alle Aktivitäten des Netzwerks Erzählcafés partizipativ angegangen. So kümmert sich das Projektteam um die strategische Ausrichtung des Netzwerks, administrative Aufgaben, die Kommunikation, Fundraising und den Förderimpuls. Bei anderen Aufgaben, wie zum Beispiel der Erstellung der Charta und des Leitfadens, werden Moderatorinnen und Moderatoren bei der Ausarbeitung oder für eine Vernehmlassung mit einbezogen. Bei der Konzeption der Intervision 2019 haben wir mit Claudia Sollberger gearbeitet, einer Moderatorin, die sich sehr für das Netzwerk einsetzt. In unserem neusten Format, dem Fokustreffen laden wir gezielt alle Moderatorinnen und Moderatoren ein, gemeinsam das Netzwerk zu gestalten.

Wann war das letzte Fokustreffen und was ist dort passiert?

RB: Das letzte Fokustreffen fand am 14. Januar 2020 im Coworking und Kaffeebar Effinger in Bern statt. Zusammen mit neun Moderatorinnen und Moderatoren haben wir Themen sondiert und besprochen, die die Anwesenden interessieren und beschäftigen. Der Kontakt zwischen Veranstaltenden und Moderierenden war einer der Punkte, die intensiv besprochen wurden. Ebenfalls machten sich einige Gedanken über die Positionierung der Methode «Erzählcafé» inmitten der vielen anderen Erzählformate die es heutzutage gibt. Andere Themen waren Erzählcafés mit speziellen Zielgruppen wie psychisch oder physisch beeinträchtigten Menschen, Erzählcafés im Quartier und Erzählcafés in interkulturellen Settings.

Was nehmen die Teilnehmenden eines Fokustreffens mit in den Alltag?

RB: Im Grunde genommen geben wir am Fokustreffen Interessierten den Raum und die Möglichkeit zum Austausch. Die Ergebnisse des Fokustreffens sind offen, ob es nun Themenvorschläge und Stossrichtungen für das Projektteam sind, oder ob Themengruppen entstehen, die sich selbständig mit einem Thema befassen. Wir hoffen, dass dadurch sehr spezifische Fragestellungen oder lokale Aktivitäten, die durch das Projektteam des Netzwerk Erzählcafé nicht leistbar sind, aufgenommen werden und wieder ins Netzwerk zurückkommen.

Wie sieht die Arbeitsorganisation in der Zukunft idealerweise aus?

RB und JS: Wir hoffen, dass der Dialog zwischen dem Projektteam und den Moderatorinnen und Moderatoren darüber, welche Schwerpunkte das Netzwerk setzen soll, noch stärker in Gang kommt. Es sollen möglichst viele Menschen das Netzwerk prägen. Dieses soll sich durch Ko-Konstruktion* und Partizipation in eine Richtung entwickeln, die für die Akteurinnen und Akteure sinnvoll und förderlich ist. Ideal wäre natürlich, wenn die Beteiligten mit ihrem Einsatz und ihren Ideen ermöglichen, das Projekt in eine verstetigte Struktur zu überführen und so das Wirken des Projekts langfristig und nachhaltig zu sichern.

*Mit Ko-Konstruktion ist ein gemeinsames Schaffen auf Augenhöhe verschiedener Menschen gemeint.

Bild: Ideensammlung am Fokustreffen in Bern, Januar 2020