Marianne Wintzer ist Gründerin der Geschichtenwerkstätte, Mediatorin, Coach und Moderatorin von Erzählcafés. Sie ist überzeugt, dass sich gewaltfreie Kommunikation nirgends besser trainieren lässt als am Erzählcafé.  

 

Marianne, hat Gewalt in der Kommunikation zugenommen?

Marianne Wintzer: Konflikte gehören zum Alltag. Das war früher so, ist heute so und wird auch in Zukunft so sein. «Hatespeech» oder «Cancel Culture» sind aber leider Phänomene, die unsere Zeit prägen. Es macht mich traurig zu sehen, wie viele Menschen verlernt haben, sich zuzuhören. Man muss nicht immer auf alles eine Antwort haben oder jemanden von der eigenen Meinung überzeugen. Für mich ist das Erzählcafé eine sehr gute Trainingsmethode für mehr Verständnis und Toleranz.

Wie «trainieren» die Teilnehmenden am Erzählcafé?

In diesem vertrauensvollen Raum wird Wertschätzung, gegenseitiges Verständnis und Respekt eingefordert. Zuhören, sich in andere Menschen hineinversetzen und sich an eigene Geschichten erinnern ist intensive emotionale Arbeit an sich selbst. In Vergessenheit geratene Erlebnisse können plötzlich wieder an die Oberfläche kommen, wollen in Worte gefasst werden. Und sie können auch einen neuen Bedeutungsrahmen erhalten («so sah ich das noch nie»).

Gehen Menschen nach dem Erzählcafé verändert raus?

Das Erzählcafé hilft, eigene Denk- und Kommunikationsmuster im Dialog mit anderen Menschen zu überprüfen und zu verbessern. Es geht um: «Erzähl mal, ich höre dir zu und verstehe deine Beweggründe. Dann erzähle ich und du hörst mir zu. Wir müssen uns nicht einig sein, aber ausreden lassen und versuchen, zu verstehen.» Am Schluss im informellen Teil höre ich oft den Satz: «So sah ich das noch nie.» Nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selbst!

Das klingt auch nach einer Methode, um Konflikte zu bewältigen.

Ja, ein positives Gespräch ist immer friedensstiftend. Das Erzählcafé hat Parallelen zur Mediation. Bei einer Mediation sitzen sich zerstrittene Parteien gegenüber. Die Moderation stellt bei der Konflikterhellung sicher, dass es keine Diskussionen, sondern nur Rückfragen gibt. Die Parteien müssen zuhören und ihre Perspektive wechseln. Nur so können sie ihre Positionen aufweichen, eine Lösung finden, die einvernehmlich ist und diese gemeinsam erarbeitete Lösung dann mittragen.

Interview: Anina Torrado Lara

Zur Person

Marianne Wintzer aus Solothurn moderiert regelmässig Erzählcafé. Sie ist fasziniert von Lebensgeschichten und überzeugt, dass es nie zu spät ist für ein gutes Leben. Mit der Geschichtenwerkstätte coacht sie Menschen, die ihrem Leben eine neue Richtung geben wollen. Marianne Wintzer erzählt auch leidenschaftlich gerne Natur-Ton-Geschichten: auf dem Alphorn und dem Büchel.