Liebe Moderatorinnen, liebe Moderatoren, liebe Teilnehmende an Erzählcafés,

Wir sind überzeugt, dass das Erzählen und Zuhören gerade in diesen Zeiten an Wichtigkeit beibehält oder sogar gewinnt. Die Einschränkungen und Veränderungen lassen Raum für Kreativität und Alternativen. Gehen wir die Chancen und Herausforderungen gemeinsam an.

Unsere Vorschläge:

  • Führen Sie das Erzählcafé wenn immer möglich im Freien durch. Seit dem 1. März 2021 sind Treffen mit 15 Personen draussen wieder möglich. Die maximale Teilnehmerzahl bei privaten Treffen drinnen ist weiterhin auf 5 Personen beschränkt.
  • Halten Sie einen Sicherheitsabstand von 1.5 Metern ein und tragen Sie eine Maske.
  • Waschen Sie sich regelmässig und gründlich die Hände mit Wasser und Seife oder benutzen Sie Desinfektionsmittel.
  • Erfassen Sie die Kontaktdetails der Teilnehmenden (Contact Tracing) und bewahren Sie diese auf.

Weiterhin bitten wir Sie, sich bei der Durchführung von Erzählcafés an die Weisungen des BAG und der Kantone zu halten.

Als Experiment in digitalen Formen des Erzählens haben wir den Salon des histoires eingerichtet, in dem Lebensgeschichten geschrieben und gelesen werden können. Wir sind gespannt auf Ihre Geschichten und freuen uns auf Ihren Beitrag! Weiterhin fördern wir den Erfahrungsaustausch unter Moderatorinnen und Moderatoren und machen ihre Erfahrungen und Experimente auf der Webseite sichtbar. Tragen Sie zum Erfahrungsaustausch bei, indem auch Sie Ihre Erfahrungen zur Moderation in Zeiten von Corona teilen.

Herzlichen Dank,

Ihr Projektteam des Netzwerks Erzählcafé Schweiz (Stand 1. März 2021)

Das Herausgeberteam Johanna Kohn, Gert Dressel und Jessica Schnelle (siehe Hintergründe und Autor*innen) hat zu einem partizipativen Reflexions- und Feedbackworkshop eingeladen. Vom 12.- 13. Januar besprachen 20 Personen während 1.5 Tagen die ersten 15 Texte für die Publikation. Dabei wurden viel Lob, aber auch Wünsche und Anregungen an die Autorinnen und Autoren gerichtet.

Im nächsten Schritt wird die Struktur der sehr vielfältigen Publikation festgelegt. Eine zweite Runde zur Beurteilung von Texten findet am 31. Mai 2021 statt (Redaktionsschluss).

Am Wochenende vom 11.-13. Juni 2021 lanciert das Netzwerk Erzählcafé die Erzählcafé-Tage 2021. In Schulen, Gemeindesälen, Beizen, Bibliotheken und Co-Working-Spaces in der ganzen Schweiz sollen die Wände beben und die Lachmuskeln zucken, wenn wild zusammengewürfelte Menschen einander aus dem Leben erzählen. Zum Thema haben garantiert alle etwas zu sagen: «Lebensereignisse».

Dabei verfolgt das Netzwerk langfristige Ziele: Die Sichtbarkeit der Methode Erzählcafé soll erhöht, seine Wirksamkeit erlebbar gemacht und der soziale Zusammenhalt gestärkt werden.

Mit den nationalen Erzählcafé-Tagen wollen wir eine Bewegung in Gang setzen und eine Gesellschaft fördern, in der:

  • Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten miteinander ins Gespräch kommen und neue Perspektiven kennenlernen.
  • Interessierte Personen die Möglichkeit haben, in der Rolle der Moderation (mit ein bisschen Übung und Unterstützung!) die Lebensgeschichten der Teilnehmenden miteinander zu verknüpfen.

Wollen Sie Teil des Organisationsteams werden und das Wochenende mitgestalten? Wir suchen Moderatorinnen und Moderatoren, die ein Erzählcafé durchführen, sowie Institutionen, die einen Raum zur Verfügung stellen. Bitte schreiben Sie an info@netzwerk-erzaehlcafe.ch, Stichwort «Erzählcafé-Tage».

Zum Internationalen Tag der Freiwilligen am 5.12.2020 haben viele Organisationen und Menschen in der ganzen Schweiz Botschaften zur Freiwilligenarbeit geschrieben. So auch das Netzwerk Erzählcafé, das sich für das Miteinander und den Dialog in der Schweiz einsetzt. Hier finden Sie die Galerie mit allen Botschaften.

Wir danken allen Moderatorinnen und Moderatoren sowie allen, die beim Netzwerk Erzählcafé mitwirken, für ihr wertvolles Engagement!

Die Vielfalt an Veranstaltungsformaten, welche die Elemente «Biografie – Gruppe – Erzählen» enthalten, ist gross: Es gibt Gesprächskreise, Erzählcafés, Erzähl-Mahle, das Männerpalaver, Femmestische, Erzählbistros und vieles mehr.

 

In diesem «Dschungel» machen wir uns auf die Suche nach dem, was ein Erzählcafé ausmacht und was ein Erzählcafé von anderen Formaten differenziert. Diese Recherche ist Teil eines Publikationsprojekts in der Schweiz, Österreich und Deutschland. Mit Praktikerinnen, Praktikern und Partnern, wie zum Beispiel dem Verein Sorgenetz möchten wir Erfolgsfaktoren und Stolpersteine von Erzähl-Formaten identifizieren.

Um uns zu unterstützen haben wir Moderatorinnen und Moderatoren, Veranstaltende und Trägerschaften nach Ihrer Meinung und Ihren Erfahrungen gefragt. Darüber hinaus war es eine Gelegenheit, andere Erzählformate kennenzulernen und sich zu vernetzen. An dieser Stelle bedanken wir uns bei allen, die den Fragebogen ausgefüllt haben. Die Ergebnisse fliessen in das Publikationsprojekt des Netzwerks Erzählcafé ein.

Wir stellen uns vor

Edith Auer, Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen (Uni Wien): «Das Schöne am Erzählen in einer Gruppe ist, dass man ‘nur’ zuhören muss, dass es nicht um Meinungsbildung oder Wahrheitsfindung geht. Und alles, was erzählt wird, ist wichtig.»

Rhea Braunwalder, Netzwerk Erzählcafé: «Beim Erzählcafé gefallen mir die Momente, wo komplett Alltägliches zu Außergewöhnlichem wird.»

Gert Dressel, Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen (Uni Wien) & Verein Sorgenetz, er ist auch assoziiertes Mitglied beim Netzwerk Erzählcafé und findet: «Für ein gutes gesellschaftliches Zusammenleben zählt weniger, was gezählt, sondern es zählt, was erzählt werden kann.»

 

 

Auch dieses Jahr fördert das Netzwerk Erzählcafé inspirierende Erzählcafés mit einem Beitrag von 500 CHF. Projektmitarbeiterin Rhea Braunwalder beantwortet Fragen zum diesjährigen Thema: «Erzählcafés für Morgen».

Warum hat das Projektteam sich für das Thema «Erzählcafés für Morgen» entschieden?

Rhea Braunwalder: Kürzlich nahm ich an einer Podiumsdiskussion zur nationalen Abstimmung über die Erweiterung der Anti-Rassismus-Strafnorm teil. Das Thema wurde rege diskutiert. Als der Moderator die Diskussion abschliessen wollte, meldete sich ein älterer Herr. Er erzählte, wie er als homosexuelle Person unter der Diskriminierung bei der Arbeit gelitten habe. Das Publikum war sichtlich gerührt und gleichzeitig nachdenklich. Dies brachte mich auf die Idee, Erzählcafés zu aktuellen gesellschaftlichen (Tabu-)Themen zu fördern. So könnten Vorurteile abgebaut werden und eine gemeinsame Baisis für Entwicklungen in der Zukunft geschaffen werden. In regulären Podiumsdiskussion haben biografische Geschichten nämlich wenig Platz.

Wo würden Sie persönlich gerne einmal ein «Erzählcafé für Morgen» veranstalten?

In einer Abstimmungskampagne, weil die Diskussion und der Meinungsaustausch dort ganz anders abläuft als in einem Erzählcafé. Die Themen an sich jedoch, sind wichtig und eignen sich sicher auch für ein Erzählcafé. Es ginge mir nicht darum, eine Position als «richtig» und die andere als «falsch» darzustellen, sondern darum den Austausch und die Begegnung zwischen BefürworterInnen und GegnerInnen zu ermöglichen und das Thema in all seinen Facetten sichtbar zu machen. Es würde mich reizen einen Resonanzraum zu schaffen, wo die Grundhaltung offen und wertfrei ist, obwohl das Thema sehr brisant sein kann. Eine Idee wäre es ein Erzählcafé zum Thema “Geburt” im Kontext der möglichen Abstimmung über die Einführung des Vaterschaftsurlaubs durchzuführen.

Was sind Herausforderungen bei kontroversen Zukunftsthemen?

Herausfordernd für die Moderation ist, dass man bei aktuellen Themen keine normative Haltung vertritt, sondern einfach Raum für den Austausch lässt. Es könnte schwierig sein, die Teilnehmenden zu animieren, bei ihren eigenen Geschichten und Erfahrungen zu bleiben, und nicht in die Diskussion zu verfallen. Erzählcafés zu einem aktuellen Thema, welches für die Zukunft wichtig ist, werden besonders dann eine gesellschaftliche Wirkung entfalten, wenn möglichst unterschiedliche Perspektiven zu einem Thema ans Licht kommen. Die Herausforderung ist hier, Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen zum gewählten Thema zu erreichen und zusammenzubringen.

Wer kann einen Förderantrag stellen?

ModeratorInnen oder Veranstaltende können auf unserer Webseite unter «Förderprogramm» mehr über die Ausschreibung lesen und online den Antrag stellen. Wir wollen möglichst viele ModeratorInnen und Veranstaltende ermutigen, sich zu melden und freuen uns auf Ideen und Experimente. Bewerben Sie sich und inspirieren Sie uns!

Detaillierte Ausschreibung des Förderprogramms

 

Jessica Schnelle (JS) und Rhea Braunwalder (RB), Projektgestalterinnen des Netzwerks Erzählcafé Schweiz, über Partizipation im Netzwerk Erzählcafé

Was bedeutet Partizipation im Rahmen des Netzwerks Erzählcafé?

JS: Unser Netzwerk besteht aus Menschen, die über unterschiedliche Ressourcen wie Zeit, Erfahrungen, Netzwerk und Finanzen verfügen. Im Projektteam Erzählcafé pflegen wir die Haltung, dass alle ihre Ressourcen einbringen können, um zusammen etwas zu kreieren, was den gemeinsamen Zielen dient. Im Fall des Netzwerks Erzählcafé ist es unser Ziel, sorgsam moderierte Erzählcafés guter Qualität in der ganzen Schweiz zu fördern.

Warum ist Partizipation für das Netzwerk Erzählcafé so wichtig?

JS: Wenn Akteurinnen und Akteure ihre eigenen Fragestellungen formulieren und voranbringen können, entstehen Vernetzungen und Angebote, die erwünscht sind und einen Mehrwert bieten. Ausserdem ist Partizipation ein Grundgedanke und Leitprinzip für die Arbeit im Bereich Soziales des Migros-Kulturprozent und des Instituts für Integration und Partizipation der FHNW, welche Träger des Netzwerks sind.

Wie und wo wird im Netzwerk Erzählcafé partizipativ gearbeitet?

JS: Grundsätzlich sind wir offen für partizipative Arbeitsweisen und freuen uns, wenn sich Personen bei uns melden, die aktiv mitwirken wollen. Trotzdem werden nicht alle Aktivitäten des Netzwerks Erzählcafés partizipativ angegangen. So kümmert sich das Projektteam um die strategische Ausrichtung des Netzwerks, administrative Aufgaben, die Kommunikation, Fundraising und den Förderimpuls. Bei anderen Aufgaben, wie zum Beispiel der Erstellung der Charta und des Leitfadens, werden Moderatorinnen und Moderatoren bei der Ausarbeitung oder für eine Vernehmlassung mit einbezogen. Bei der Konzeption der Intervision 2019 haben wir mit Claudia Sollberger gearbeitet, einer Moderatorin, die sich sehr für das Netzwerk einsetzt. In unserem neusten Format, dem Fokustreffen laden wir gezielt alle Moderatorinnen und Moderatoren ein, gemeinsam das Netzwerk zu gestalten.

Wann war das letzte Fokustreffen und was ist dort passiert?

RB: Das letzte Fokustreffen fand am 14. Januar 2020 im Coworking und Kaffeebar Effinger in Bern statt. Zusammen mit neun Moderatorinnen und Moderatoren haben wir Themen sondiert und besprochen, die die Anwesenden interessieren und beschäftigen. Der Kontakt zwischen Veranstaltenden und Moderierenden war einer der Punkte, die intensiv besprochen wurden. Ebenfalls machten sich einige Gedanken über die Positionierung der Methode «Erzählcafé» inmitten der vielen anderen Erzählformate die es heutzutage gibt. Andere Themen waren Erzählcafés mit speziellen Zielgruppen wie psychisch oder physisch beeinträchtigten Menschen, Erzählcafés im Quartier und Erzählcafés in interkulturellen Settings.

Was nehmen die Teilnehmenden eines Fokustreffens mit in den Alltag?

RB: Im Grunde genommen geben wir am Fokustreffen Interessierten den Raum und die Möglichkeit zum Austausch. Die Ergebnisse des Fokustreffens sind offen, ob es nun Themenvorschläge und Stossrichtungen für das Projektteam sind, oder ob Themengruppen entstehen, die sich selbständig mit einem Thema befassen. Wir hoffen, dass dadurch sehr spezifische Fragestellungen oder lokale Aktivitäten, die durch das Projektteam des Netzwerk Erzählcafé nicht leistbar sind, aufgenommen werden und wieder ins Netzwerk zurückkommen.

Wie sieht die Arbeitsorganisation in der Zukunft idealerweise aus?

RB und JS: Wir hoffen, dass der Dialog zwischen dem Projektteam und den Moderatorinnen und Moderatoren darüber, welche Schwerpunkte das Netzwerk setzen soll, noch stärker in Gang kommt. Es sollen möglichst viele Menschen das Netzwerk prägen. Dieses soll sich durch Ko-Konstruktion* und Partizipation in eine Richtung entwickeln, die für die Akteurinnen und Akteure sinnvoll und förderlich ist. Ideal wäre natürlich, wenn die Beteiligten mit ihrem Einsatz und ihren Ideen ermöglichen, das Projekt in eine verstetigte Struktur zu überführen und so das Wirken des Projekts langfristig und nachhaltig zu sichern.

*Mit Ko-Konstruktion ist ein gemeinsames Schaffen auf Augenhöhe verschiedener Menschen gemeint.

Bild: Ideensammlung am Fokustreffen in Bern, Januar 2020

 

2021 wird unser Publikationsbeitrag «Das Erzählcafé auf dem Prüfstand. Erfahrungen und Gelingensbedingungen» (Arbeitstitel) erscheinen. Die Herausgeberschaft unter der Umsetzungsleitung von Gert Dressel hat einen Schreibaufruf lanciert, auf den Beiträge aus der Schweiz, Österreich und Deutschland eingegangen sind.

Seit den 1980er Jahren gibt es Erzählcafés, lebensgeschichtliche Gesprächskreise oder Biografiegruppen. In solchen Gruppen werden persönliche Erfahrungen und Geschichten von Menschen verschiedenen Alters und sozialer, kultureller und nationaler Herkunft ausgetauscht. Das besondere daran: Im moderierten Dialog wird nicht die «eine Wahrheit» gesucht. Vielmehr erhalten die verschiedenen Erfahrungen der Menschen ein Gehör.

Warum eine Publikation?

Jessica Schnelle, Gert Dressel und Johanna Kohn (v.l.n.r.) sprechen im Video über ihr partizipatives Publikationsprojekt und warum es wichtig ist, die Vielfalt der Erzählcafés sichtbar zu machen.

Wer macht mit? 

Personen, die Erzählcafés initiieren und moderieren, erarbeiten Reflexionen über ihr Tun. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen analysieren (Wirk-)Zusammenhänge:

  • Sie machen sichtbar, welche Spielarten von Erzählcafés und ähnlichen Formaten es in der Schweiz, Österreich und Deutschland gibt.
  • Sie zeigen auf, welche Erfahrungen die Beteiligten, insbesondere die Teilnehmer*innen und Moderator*innen von solchen Erzählrunden, gemacht haben.
  • Sie analysieren, welche (Aus-)Wirkungen Erzählcafés haben. Die Autor*innen leiten aus den Beispielen Erfolgsfaktoren, aber auch Stolpersteine ab.

Wie läuft das Projekt ab?

Bis im April 2020 findet eine Verschriftlichung der Reflexionen und Analysen statt. An einem Workshop im Mai 2020 werden die Ergebnisse zusammengetragen und gesichtet. Das Ergebnis dieser Arbeit legt den Grundstein für die weitere zielgruppenspezifische Verarbeitung: vielleicht eine Publikation, ein Website-Beitrag oder Podcast? Für den Prozess der Erarbeitung ist uns wichtig, im ersten Schritt das Endprodukt noch offen zu lassen.

Für wen ist die Publikation?

Die Publikation soll Menschen, die Erzählcafés moderieren und organisieren, Unterstützung bieten. Die Ergebnisse werden im Jahr 2021 veröffentlicht.

Wer steht hinter dem Publikationsprojekt?

Das partizipativ und interdisziplinär angelegte Forschungs- und Publikationsprojekt ist eine Kooperation des Netzwerks Erzählcafé Schweiz (getragen vom Migros-Kulturprozent und dem Institut Integration und Partizipation an der Hochschule für Soziale Arbeit/FHNW) mit der Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen an der Universität Wien und dem Verein Sorgenetz (Wien).

Mitforschende (Stand: Ende 2019) sind: Anderegg, Brigitte; Auer, Edith; Aydt, Sabine; Binder, Beatrice; Boothe, Brigitte; Braunwalder, Rhea; Brogle, Yvonne; Dausien, Bettina; Dressel, Gert; Eigelsreiter-Jashari, Gertrude; Freitag, Natalie; Garstenauer, Rita; Girard, Simone; de Guglielmo, Franco; Herger, Lisbeth; Hersch, Daniela; Hirt, Rainer; Knobel, Christina; Kohn, Johanna; Kouba-Bonsels, Birgit; Müller, Günter; Novy, Katharina; Reiner, Johanna; Roediger, Kerstin; Rothe, Daniela; Schnelle, Jessica; Sempach, Robert; Sollberger, Claudia; Strutz, Andrea; Tarnutzer, Silvan; Wolf, Lars.

Kontakt der Herausgebenden:

Gert Dressel, Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen an der Universität Wien sowie Verein Sorgenetz gert.dressel@univie.ac.at

Johanna Kohn, Fachhochschule Nordwestschweiz, Institut Integration und Partizipation
johanna.kohn@fhnw.ch

Jessica Schnelle, Migros-Kulturprozent, Bereich Soziales
jessica.schnelle@mgb.ch

Am 30. Oktober 2019 trafen sich 30 Personen zum ersten gemeinsamen Anlasses des Netzwerks Erzählcafé Schweiz und Generationen im Museum (GiM). Im Landvogteischloss des Historischen Museums Baden gingen die Teilnehmenden auf Spurensuche und kamen über die Objekte ins Erzählen.

Was passiert, wenn man zwei unterschiedliche Erzählformate zu einer neuen Form verbindet? «Eine geballte Ladung an Kreativität und Inspiration», sagt Rhea Braunwalder vom Netzwerk Erzählcafé. Die Projektmitarbeiterin des Netzwerks lud gemeinsam mit Franziska Dürr von Generationen im Museum am 30. Oktober 2019 die Communities der beiden vom Migros-Kulturprozent konzipierten und realisierten Projekte Generationen im Museum (GiM) und Netzwerk Erzählcafé zum Museumsbesuch der besonderen Art ein.

Die Idee: Zwei sich noch unbekannte Menschen flanieren durch die Ausstellung im Historischen Museum Baden, suchen sich ein Museumsobjekt aus und erfinden dazu gemeinsam eine Geschichte. «Die rund 15 Tandems erfanden extrem fantasievolle Geschichten», erzählt Rhea Braunwalder. Ein Beispiel: Vor einer Sänfte stehend habe sich die Gruppe eine Anekdote über die Ursprünge des Joggens angehört. Die Museumsdirektorin Heidi Pechlaner habe die fesselnde Geschichte dann mit historischen Fakten ergänzt.

Reflexive und persönliche Erzählform
Dinge und Geschichten können Aufhänger und Inspirationsquelle für biografische Erzählungen sein. Wer schon einmal an einem Erzählcafé teilgenommen hat, kennt die besondere Dynamik, die das Geschichtenerzählen auslöst. Rhea Braunwalder erzählt ein weiteres Beispiel: «Als wir in einer Ausstellung zur Haute Couture vor einer Schublade in einer Vitrine standen, nahm die Gruppe den Faden auf und erzählte über persönliche Ordnung und Unordnung, über private Schubladen, mentale Schubladen und auch Erinnerungen zu Schubladen der Kindheit.»

Neue Perspektiven
Rhea Braunwalder fasst den neuartigen Anlass zusammen: «Wir wollten ausprobieren, wie sich mehrere Erzählformate kombinieren lassen. So können wir neue Bevölkerungsgruppen ansprechen und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft stärken. Auch die Teilnehmenden empfanden den Anlass als wertvoll. Eine Teilnehmerin meinte, es brauche Selbstsicherheit und Vertrauen, um freimütig aus dem eigenen Leben, oder auch erfundene Geschichten zu erzählen. Doch es lohne sich, denn der kreative Austausch und das Erfahren von neuen Lebenswelten und Perspektiven mache einfach Spass.

Möchten Sie selber einen Anlass organisieren?
Wenn Sie einen GiM-Anlass, ein Erzählcafé oder eine Kombination der beiden Formate in Ihrer Region umsetzen möchten, unterstützen wir Sie gerne. Melden Sie sich bei rhea.braunwalder@netzwerk-erzaehlcafe.ch oder duerr@generationen-im-museum.ch.

Das historische Museum Baden: Ein Ort zum Erzählen
Das Historische Museum Baden legt den Fokus in seinen Ausstellungen und Veranstaltungen auf den Austausch unter den Menschen in der Bäder-, Industrie- und Tagsatzungsgeschichte. Im altehrwürdigen Landvogteischloss finden sich sorgfältig möblierte Schlossräume, die dazu einladen, in Lebenswelten vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert einzutauchen. In zwei Sonderausstellungen pro Jahr stehen gesellschaftlich relevante Themen mit starkem Gegenwartsbezug im Vordergrund: lokal verankert – von globaler Bedeutung.

Erzählcafés sind in der Deutschschweiz gut etabliert. Jetzt ist es Zeit, über die Sprachgrenzen hinauszuschauen und zu entdecken, was es in der Romandie alles schon gibt. Welche Variationen finden wir? Wie können wir mit schon existierenden Initiativen zusammenarbeiten, um sorgsam moderierte Erzählcafés in der Romandie zu unterstützen?

 

Was waren erste Eindrücke vom Treffen?
Das Treffen hat klar gemacht, dass viele Veranstaltungsformate rund um Lebensgeschichten in der Romandie bereits existieren und in unterschiedlicher Form stattfinden. Die Zusammenarbeit mit bestehenden Strukturen und Gruppen wie der Association de recueilleuses et recueilleurs de récits de vie, und dem Collectif D.I.R.E, die wir mit Freude entdeckt haben, wird sehr wichtig sein.

Was ist Ihnen in Bezug auf die Teilnehmenden des ersten Treffens aufgefallen?
Auffällig war, dass am ersten Treffen viele selbständig schaffende Personen dabei waren. Deshalb war die Frage der Finanzierung und des Herantretens an Institutionen sehr wichtig. Auch ist deutlich geworden, dass wir die französische Version der Webseite noch stärker pushen müssen!

Waren denn gar keine VetreterInnen von Institutionen oder Trägerschaften anwesend?
Im Gegenteil! VertreterInnen von Pro Senectute Fribourg und Pro Senectute Arc Jurassien waren anwesend und das Treffen konnten wir in Räumen der Pro Senectute Lausanne abhalten. Besonders erfreulich ist, dass François Dubois von Pro Senectute Arc Jurassien gleich im September mit einer Reihe von 10 Erzählcafés in Neuenburg starten wird. Eine Vertreterin der Universität Fribourg war ebenfalls anwesend, was im Hinblick auf Weiterbildungen sehr wertvoll ist.

Welche nächsten Schritte sind geplant?
Basierend auf den Rückmeldungen vom ersten Treffen haben wir einiges geplant. Im Frühjahr 2020 soll eine französischsprachige Intervision stattfinden. Die Fokustreffen, die bisher auf Deutsch stattfanden, sollen bilingual abgehalten werden. Natürlich wollen wir auch so schnell wie möglich das Logo auf Französisch übersetzen.


Zur Person
Rhea Braunwalder ist seit 2017 Teil des Projektteams des Netzwerk Erzählcafé und moderiert in St.Gallen Erzählcafés. Das Erzählcafé lernte sie in Göttingen während ihres Studiums der Ethnologie kennen.