Prof. lic. phil. Johanna Kohn (im Bild) wird im Frühjahr 2024 eine inspirierende Weiterbildung für Moderierende anbieten. Johanna ist Professorin an der Fachhochschule Nordwestschweiz, Mitgründerin des Netzwerks Erzählcafé und eine Koryphäe im Bereich der biografischen Erzählformate. Die Weiterbildung in zwei Modulen und einer Praxisphase richtet sich an Moderierende, die künftig andere Moderierende in ihrer Region begleiten oder Erzählcafé-Einführungskurse anbieten möchten.

Johanna Kohn (Bild: FHNW)

Daten:

Wir starten mit dem ersten Modul am 12./13. Februar 2024 in Olten. Das zweite Modul findet am 24. Mai 2024 online statt. Danach begleitet die Kursleitung Sie für ca. ein Jahr.

Infos:

In diesem Flyer finden Sie alle Informationen zur neuen Weiterbildung.

Kursleitung:

Johanna Kohn mit Unterstützung von Rhea Braunwalder und Natalie Freitag.

Ihre Vorteile:

  • Sie bekommen das Rüstzeug, um eigene Erzählcafé-Einführungskurse in Ihrer Region anzubieten und Moderierende auszubilden.
  • Sie entwickeln Ihre eigene Projektidee und werden dabei von der Kursleitung und der Gruppe unterstützt.

Vergünstigter Preis von CHF 400.- für:

Anmeldung:

Wir freuen uns, wenn Sie mit dabei sind und sind überzeugt, dass diese Weiterbildung Sie auf Ihrem persönlichen Weg als Moderator*in weiterbringt.

Bald ist es soweit: Die ganze Schweiz trifft sich am Wochenende vom 17. bis 19. November 2023 zu den nationalen Erzählcafé-Tagen 2023. Merkt euch den Termin vor und besucht eines von 50 Erzählcafés!

Los geht’s mit den Erzählcafé-Tagen 2023 bereits am Donnerstag, 16. November 2023, 18.15 Uhr: Das Netzwerk Erzählcafé, Zuhören Schweiz, Pro Futuris und das Ortsmuseum Zollikon laden zu einem interaktiven Zuhörabend im Ortsmuseum Zollikon ein. Dort findet gleichzeitig die Sonderausstellung «A mile in my shoes – Zuhören als Akt der Empathie» statt. Die Ausstellung entstand mit dem Empathy Museum London, Empathie Stadt Zürich und dem Berner Generationenhaus und kann im Rahmen der kostenlosen Veranstaltung besichtigt werden (zum Flyer). Kommen Sie und gestalten Sie mit uns einen Moment des gegenseitigen Zuhörens!

Menschen hören sich an 50 Erzählcafés zu

Am Wochenende finden in der ganzen Schweiz rund 50 Erzählcafés  zum Thema «Zuhören» statt. Die Moderatorinnen und Moderatoren freuen sich auf zahlreiche Interessierte aller Generationen, die sich auf ein besonderes Erlebnis einlassen. Wer kurzfristig noch ein Erzählcafé anbieten möchte, findet hier Informationen und darf sich gern bei Natalie Freitag melden.

Am 15. September 2023 feierte die Schule in Poschiavo den Internationalen Tag der Demokratie. Alle neun Klassen, bestehend aus etwa 130 Schülerinnen und Schülern, versammelten sich zusammen mit ihren Klassenlehrpersonen und einigen Mitgliedern des Jugendparlaments zum Erzählcafé. Es drehte sich um die verschiedenen Facetten der Demokratie. Catia Curti, Leiterin der Sekundarstufe I der Schulen von Poschiavo, teilt ihre Eindrücke von diesem besonderen Tag.

Die Atmosphäre an diesem Freitag, dem 15. September, war geprägt von «Stärke, Intensität und einem Gefühl der Befreiung». So beschrieben die Schülerinnen und Schüler der Mittelschule von Poschiavo das Erzählcafé zum Thema Demokratie. Über anderthalb Stunden lang führten sie lebhafte Gespräche, diskutierten leidenschaftlich, manchmal wurde es laut, und hin und wieder flossen auch Tränen. Die Mitglieder des Jugendparlaments, Drittklässlerinnen und Drittklässler, die sich seit dem letzten Jahr für die Belange der Jugendlichen im Tal einsetzen, wählten ein facettenreiches Thema aus dem Bereich der Demokratie und präsentierten es den einzelnen Klassen.

Was heisst eigentlich Demokratie?

Die Themen reichten vom Recht der freien Meinungsäusserung bis hin zu persönlichen Erfahrungen von Jugendlichen, die sich in ihren Familien, Schulen oder Freundeskreisen nicht immer frei fühlen, ihre Meinung zu sagen und sie selbst zu sein. Es wurde über weltweite und innere Konflikte debattiert, über die wahre Bedeutung von Gleichheit und wie weit wir von ihrer vollen Verwirklichung entfernt sind, sei es im globalen Multikulturalismus oder in unserer kleinen, lokalen Realität. Die Diskussionen reichten von der Bedeutung der Wahl von Vertretern bis hin zur Wahl der Mitglieder des Jugendparlaments in der Schule und sogar zu Vorschlägen zur Förderung kultureller Initiativen im Unterricht. Die jungen Menschen überlegten auch gemeinsam, was als öffentliches Gut betrachtet wird und welche Pflichten jede und jeder Einzelne hat, um das zu bewahren und zu respektieren, was allen gehört.

Jede Klasse, jede Gruppe und jede*r Schüler*in hatten die Möglichkeit, ihre Gedanken und Gefühle auszudrücken. Sie sprachen über Themen, die sehr relevant sind, aber wenig zur Sprache kommen. Die Schülerinnen und Schüler haben das Gespräch mit grosser Reife und Überzeugung geführt. Das Erzählcafé war ein grosser Erfolg, und viele haben bereits gefragt, wann das nächste stattfinden wird.

Oft neigen wir dazu zu denken, dass das Plaudern in der Hektik des Alltags Zeitverschwendung ist. In Wahrheit handelt es sich jedoch um eine eine nützliche und gesunde Praxis. Es liegt in der Natur des Menschen, sich auszutauschen, Meinungen zu teilen und zu diskutieren. Und was ist dazu besser geeignet als ein Erzählcafé? Es ist eine wunderbare Form, um über das zu sprechen, was die Menschen glücklich und frei macht: Demokratie!

Catia Curti, Leiterin der Sekundarstufe I der Schulen von Poschiavo

Natalie Freitag moderierte die Intervision #8 am 24. August 2023 in Basel. An der Tagung tauschten sich die Moderierenden unter anderem über die Frage der idealen Gruppengrösse bei einem Erzählcafé aus. Sie gibt einen Einblick in die Gedanken, die dabei entstanden.

An der Intervision 2023 in Basel nahmen 12 Moderierende des Netzwerks Erzählcafé teil. Sie trafen sich, um sich zum Thema «Erzählcafés in Grossgruppen» auszutauschen. Der rege Austausch begann schon vor dem Anlass mit Kaffee und Gipfeli. Dann startete die Gruppe mit einem Erzählcafé zum Thema «Sommer». Barfusslaufen als Inbegriff von Sommer, das Schreien der Kinder in der Badi, die Freiheit, einen anderen Tagesrhythmus zu leben, aber auch das Fehlen der Schulgspänli: die Erinnerungen aus der Kindheit ähnelten sich. Das Gespräch führte unweigerlich auch zu den vielen Glacé-Sorten in der Badi. Erstaunlicherweise hatten alle in der Gruppe ein anderes Lieblingseis!

Erfahrungen mit grösseren Gruppen

Johanna Kohn und Claudia Sollberger gaben im Anschluss Einblick in ihre Erfahrungen mit grossen Gruppen und warfen die Fragen in die Runde:

  • Was ist die ideale Gruppengrösse bei einem Erzählcafé?
  • Wieviele Personen müssen mindestens da sein, damit ein Gespräch entsteht?
  • Und ab wievielen Personen wird es schwierig, ein Erzählcafé allein zu moderieren?

Die Professorin und die erfahrene Moderatorin kennen es aus eigener Erfahrung, Gruppen von 50 oder 100 Personen zu moderieren. Die Teilnehmenden hatten viele Ideen, wie eine Moderation reagieren kann, wenn mehr Personen als geplant zum Erzählcafé kommen:

  • Um das Format auch bei grösseren Veranstaltungen einzusetzen, kann eine kleine Erzählcafé-Runde auf dem Podium gestartet werden. Das Publikum kann das Erzählcafé passiv mitverfolgen. Im Anschluss kann die kleine Runde für alle geöffnet werden.
  • Eine Moderation kann die grosse Gruppe auf mehrere Tische aufteilen. Idealerweise moderiert dann eine Person pro Tisch das Gespräch. Die Fragen, die an die vielen kleinen Gruppen an den Tischen gestellt werden, wird im Anschluss im Plenum aufgegriffen.
  • Die Moderation behält die grosse Gruppe bei, wird aber durch ein bis zwei Helfer*innen unterstützt. Diese können zum Beispiel mit dem Mikrofon zur Person gehen, die etwas beitragen möchten.

Auftraggebende gut briefen

Das Gespräch regte zu weiteren Geschichten über eigene Erfahrungen mit verschiedenen Gruppengrössen an und führte am Nachmittag zu einem sehr konzentrierten und interessierten Austausch über Bezahlung, An- und Abmeldung und das Fehlen dieser Möglichkeit. Ein wichtiger Gedanke, der aufkam, war, dass die Auftraggebenden gut informiert und gebrieft werden müssen, um keine falschen Erwartungen zu wecken. Sie kennen das Angebot oft nicht so genau und können eine andere Vorstellung entwickeln, was ein Erzählcafé zu leisten vermag.

Fazit der Diskussion ist, dass auch Erzählcafés in grösseren Gruppen möglich sind. Das Netzwerk Erzählcafé ermutigt alle Moderierenden, es einmal auszuprobieren und Erfahrungen damit zu sammeln. Diese können zum Beispiel am «Schwarzen Brett» geteilt werden.

Im Anschluss an die Tagung genossen die Teilnehmenden im kühlen Schatten des Gartens im Zwinglihaus ein feines Essen vom Restaurant du coeur. Sie waren sich einig, dass sie sehr von diesem Tag profitieren konnten – vom Austausch über das inspirierende Miteinander bis zu den vielen Inputs für die eigene Arbeit. Danke an alle, die mitgewirkt und unterstützt haben!

Übrigens: Unsere Online-Stammtische sind auch wunderbare Gefässe für einen kurzen Austausch ohne lange Anfahrtszeit! Zu finden in der Agenda.

 

Zur Autorin

Natalie Freitag ist Regionalkoordinatorin des Netzwerks in der Deutschschweiz. Die Ostschweizerin moderierte die Tagung und resümiert: «Ich ermutige euch, auch Erzählcafés, bei denen ein einzelner Stuhlkreis nicht mehr genügt, sorgfältig vorzubereiten.»

Das Migros-Kulturprozent, eine unserer Trägerorganisationen, bietet neue Förderangebote für Engagierte:

Wer eine Initiative oder ein Projekt startet und Know-how sucht, findet pragmatische Unterstützung und Ideen.

Dieses Angebot ist auch für Moderierende und Veranstaltende mit einem geplanten oder bereits gestarteten Erzählcafé-Projekt interessant.

Die Pedibus-Koordination des Kantons Waadt nutzt das Erzählcafé für den Generationen übergreifenden Austausch. Jüngere und ältere Menschen erzählen sich Anekdoten und Erfahrungen, die sie auf dem Schulweg machen oder an die sie sich erinnern. Das stärkt die Beziehungen im Quartier und den Zusammenhalt der Generationen. Die Pedibus-Koordinatorin Vanessa Merminod sagt, wie der Pedibus funktioniert und welche Themen am Erzählcafé aufkamen.

 

Interview: Anne-Marie Nicole

Frau Merminod, was ist ein «Pedibus»?

Vanessa Merminod: Der Pedibus ist ein System zur Begleitung von Kindern zwischen 4 und 8 Jahren. Eine erwachsene Person begleitet die Kinder zu Fuss zur Schule. In der Regel sind es die Eltern, die ihre Kinder abwechselnd auf der Pedibus-Route begleiten. Mit einem Generationen übergreifenden Pedibus wollen wir nun auch die Seniorinnen und Senioren ermuntern, als Begleitpersonen mitzumachen. Das fördert die körperliche Mobilität, hält fit und schafft Zusammenhalt.

Sie haben für den Generationen übergreifenden Dialog das Erzählcafé gewählt. Warum?

Unser Ziel war es, die Beziehungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu stärken. Es sind Menschen unterschiedlicher Generationen, die sich nicht unbedingt kennen, aber im selben Quartier wohnen. Das Erzählcafé ist eine gute Möglichkeit, ältere Menschen und Kinder zusammenzubringen. So haben sie die Gelegenheit, sich auszutauschen und ihre Erfahrungen und Geschichten zu einem Thema zu teilen, das für alle relevant ist – oder früher war: der Schulweg.

Wie liefen diese speziellen Erzählcafés ab?

Anfang Februar 2023 haben wir zwei Erzählcafés im Seniorentreffpunkt «Centre du Panorama» in Vevey organisiert. Die Seniorinnen und Senioren haben die Kinder und deren Eltern «zu sich» eingeladen, sprich an einen ihnen vertrauten Ort. Das Angebot kam so gut an, dass wir zwei Erzählcafés mit jeweils zwanzig Personen auf die Beine stellten! Sie wurden von Daniela Hersch und Evelyne Mertens moderiert. Im Rahmen einer ausserschulischen Aktivität haben wir noch ein drittes Erzählcafé in Morges veranstaltet. Dabei haben die Kinder die Seniorinnen und Senioren «auf ihrem Gebiet» empfangen. Um das Gespräch in Gang zu bringen, haben die Moderatorinnen Bilder zum Thema «Schulweg» mitgebracht. Am Ende des Erzählcafés haben alle eine Znüni-Box geschenkt bekommen – ein Erinnerungsstück, über das sich alle Generationen freuen!

Wie waren die Reaktionen aufs Erzählcafé?

Die Erzählcafés haben grossen Anklang gefunden und wir haben überaus positive Rückmeldungen bekommen. Die Seniorinnen und Senioren haben sich gefreut, bei einer Generationen übergreifenden Aktivität mitzumachen. Und den Kindern hat es Spass gemacht, mal etwas Ungewohntes zu erleben. Alle haben ihre Geschichten zum Schulweg mit Begeisterung erzählt. Der Schulweg ist einfach ein Thema, das sich perfekt für alle Generationen eignet. Die zu Beginn des Erzählcafés aufgestellten Regeln sind gut angekommen, vor allem jene, dass man zuhören, aber nicht sprechen muss. Selbst die zurückhaltendsten Teilnehmenden haben durch das Anhören der Geschichten der anderen Vertrauen gefasst und selbst erzählt. Und es war erstaunlich: Sogar die Allerjüngsten waren volle 45 Minuten lang aufmerksam!

Gibt es einen Moment, an den Sie sich besonders erinnern?

Ja! Egal zu welcher Zeit, der Schulweg scheint immer ein besonderer Moment für Freundschaften gewesen zu sein. Die Erzählung einer Sozialarbeiterin um die zwanzig, die die Kinder begleitete, knüpfte an die Erzählung einer Seniorin an, die erzählte, dass sie den Schulweg immer mit ihrer besten Freundin zurückgelegt hat. Die beiden sind ihr Leben lang beste Freundinnen geblieben. Auch ich erinnere mich an diesen Moment, wo man sich alles erzählt hat. Ein Kind wiederum erzählte, dass sein Freund weggezogen sei und es traurig ist, den Schulweg nicht mehr gemeinsam mit ihm zurücklegen und ihm nicht mehr seine Geschichten erzählen zu können.

Fanden Sie es auch herausfordernd?

Wir spüren immer noch die Nachwirkungen der Covid-19-Pandemie. Bestimmte Aktivitäten müssen erst wieder anlaufen. Sowohl in Vevey als auch in Morges ist uns bewusst geworden, wie wichtig der Ort ist, an dem die Aktivität stattfindet; vor allem, weil es sich um eine neue Aktivität handelt. Die familiäre Umgebung half sowohl den Seniorinnen und Senioren, als auch den Kindern, Vertrauen zu fassen. Auch wenn die Kinder mitunter schüchterner sind, wenn es darum geht, das Wort zu ergreifen! Dann war da noch die Frage der Parität der Teilnehmenden. Aufgrund der Orte, die wir für die Erzählcafés gewählt haben, haben in Vevey mehr Seniorinnen und Senioren teilgenommen und in Morges mehr Kinder. Das Organisatorische hatte auch einen Einfluss auf den Ablauf der Erzählcafés. In Morges mussten wir zum Beispiel den Imbiss vor dem Austausch einplanen. Dadurch sind die Teilnehmenden aber gleich einmal in Kontakt gekommen, was es ihnen danach erleichtert hat, das Wort zu ergreifen.

Wie geht es weiter?

Wir wollen auf jeden Fall weitere Erzählcafés und parallel dazu künstlerische Aktivitäten und Spaziergänge in der Natur anbieten. All diese Dinge stehen mit den Werten des Pedibus im Einklang: gesellschaftlicher Zusammenhalt, Gemeinschaftsgefühl, Sicherheit und Generationen übergreifende Beziehungen.

Vanessa Merminod

Vanessa Merminod ist die Koordinatorin von Pedibus Waadt. Ihre Aufgabe ist es, den Pedibus im Kanton mit verschiedenen Aktionen bekannter zu machen. Sie arbeitet auch mit den Gemeinden, Schulen und der Polizei zusammen. Weiter  sensibilisiert sie die Eltern und begleitet diese bei der Lancierung von Pedibus-Routen.

 

Die Moderatorin Birgit Libiszewski erzählt von ihrem Erzählcafé. Die Informationsspezialistin arbeitet in der Bibliothek Münstergasse in Bern. Sie interessiert sich für Menschen und deren Geschichten. Sie hat am Erzählcafé in die Runde gefragt, welche Erinnerungen die Teilnehmenden zum Thema «Reparieren» haben. Schauen Sie rein!

Hören Sie auch die Tonaufnahme zum Thema «Reparieren»(Teil 1) und (Teil 2) an und lassen Sie sich inspirieren, selber einmal an einem Erzählcafé teilzunehmen.

Video: Daniel Bodenmann im Auftrag von Gesundheitsförderung Schweiz

Am 20. März 2023 fand das jährliche Werkstattgespräch in Olten statt. Nach dem Treffen haben wir das neu erschienene Buch «Erzählcafés: Einblicke in Praxis und Theorie» zusammen gefeiert.  Das Erzählcafé-Team aus allen Landesteilen reiste an, um mit den Teilnehmenden die Frage zu diskutieren, ob das biografische Erzählen zur Friedensstiftung beitragen kann.

Die Hauptreferentinnen des Tages waren die Friedensaktivistin Lea Suter und die Soziologin Kristin Thorshaug.

Bild: zVg

Lea Suter gab Denkanstösse zum Dialog über Krieg und Frieden und auch zur Auswirkung von Worten auf unsere Art, die Welt zu sehen. Sie arbeitet seit 2011 im Bereich internationale Beziehungen, zuerst für die Vereinten Nationen in Genf, später für den aussenpolitischen Think Tank foraus und die Gesellschaft Schweiz-UNO. 2017 lancierte sie den Blog PeacePrints, auf dem sie Friedensreportagen aus Kriegsgebieten publiziert. Lea Suter ist Friedensmediatorin und arbeitet seit 2023 als Programmleiterin für den Bereich Pluralismus beim jungen Think+Do Tank Pro Futuris, für den sie Dialog-Formate zur Hemmung der Polarisierung in der Schweizer Gesellschaft entwickelt.

 

 

Bild: Interface

Kristin Thorshaug evaluierte im Auftrag von Gesundheitsförderung Schweiz das Format und das Netzwerk Erzählcafé. Dabei kam sie zum Ergebnis, dass die Teilnahme an Erzählcafés die soziale Teilhabe sowie auch wichtige Lebenskompetenzen im Alter stärkt. Sie studierte in Norwegen Soziologie und verfügt über einen CAS in Diversity- und Gleichstellungskompetenz. Bei Interface Politikstudien Forschung und Beratung führt sie Evaluationen und Analysen von Massnahmen zur Förderung von Chancengleichheit, Integration und gesellschaftlicher Teilhabe durch.

 

Im Anschluss hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit, an Schnupper-Erzählcafés in drei Sprachen und an interaktiven Gruppenarbeiten mitzumachen.

Erfolgreiches Buch

Nach der Tagung stiessen wir gemeinsam auf den neu erschienenen Sammelband «Erzählcafés: Einblicke und Theorie und Praxis» an. Die drei Herausgeber*innen Gert Dressel, Johanna Kohn und Jessica Schnelle freuten sich, das zweijährige Projekt mit vielen Beteiligten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit einem schönen Resultat zu Ende zu bringen. Das Buch kann zu einem Spezialpreis von 25 CHF bei Johanna Kohn bezogen werden.

Einige Stimmen

«Es hat mich gefreut, bekannte und auch neue Gesichter zu sehen. Das Netzwerk bringt Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zusammen, die sich gemeinsam auf den Weg begeben, Erzählcafés sorgfältig und mit viel Herzblut zu organisieren. Wenn so viele motivierte Menschen am Werkstattgespräch zusammenkommen, gehen alle inspiriert und frisch wieder an die Aufgabe heran, Erzählcafés in ihrer Region ins Leben zu rufen. »
Rhea Braunwalder, Co-Geschäftsleiterin des Vereins Netzwerk Erzählcafé

(more…)

Oriana Togni ist Sozialarbeiterin bei ProSenectute. Neben ihrer Tätigkeit bei “Cine…ma” in Gordola organisiert und moderiert sie auch die Erzählcafés und versucht dabei, den Interessen und Wünschen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gerecht zu werden.

Text: Valentina Pallucca

Warum haben Sie beschlossen, Ihren Gästen die Erzählcafés vorzuschlagen?

Oriana Togni: Die Idee, Erzählcafés anzubieten, entstand, nachdem wir vom Netzwerk Erzählcafé (Migros-Kulturprozent) erfahren hatten. Wir hielten diese Art von Projekt für geeignet, um es im Rahmen des sozialen Treffpunkts des Quartiers anzubieten. Wir haben hier einem Ort, an dem wir versuchen, Treffen, Begegnungen und sozialen Zusammenhalt zu schaffen.

Wer nimmt an Ihren Erzählcafés teil?

Jede und jeder kann an unseren Erzählcafés teilnehmen! Die meisten Teilnehmenden sind Pensionäre, da die Erzählcafés in der Regel nachmittags stattfinden. Für ältere Menschen ist es sehr bereichernd, an einer solchen Zeit des Austauschs und des Dialogs teilzunehmen, denn so können sie Menschen treffen, Kontakte knüpfen und die soziale Isolation durchbrechen. Sie setzen sich gleichzeitig mit verschiedenen Themen auseinander und bleiben am Puls.

Welche Themen sind am beliebtesten?

Im Jahr 2022 haben wir sieben Erzählcafés im Torhaus des Cine..ma in Gordola veranstaltet. Die Themen reichten von sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und ökologischen Themen bis hin zu informellen Momenten, die mit Geschichten aus vergangenen Zeiten verbunden waren.

Ein Erzählcafé, das grossen Anklang fand, war dasjenige zum Thema “Schulweg”, das in Zusammenarbeit mit dem Verein Pedibus stattfand. Bei dieser Gelegenheit haben die Teilnehmenden in ihren Erinnerungen geschwelgt und von Erfahrungen aus ihrer Kindheit erzählt. Alles, was mit der Vergangenheit zu tun hat, ist bei den Menschen sehr beliebt. Es ist einfach schön, Erinnerungen, Emotionen und Momente aufleben zu lassen!

Gibt es einen Moment, an den Sie sich besonders erinnern?

Ein Erzählcafé, das mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, hatte mit dem Thema Migration zu tun. Ich war angenehm überrascht, wie sensibel die Teilnehmenden mit dem Thema umgingen. Jede und jeder in der Gruppe war in der Lage, Sensibilität, Empathie und Offenheit gegenüber anderen zu zeigen, unabhängig von der kulturellen Herkunft, sozialen Schicht, dem Geschlecht oder der ethnischen Zugehörigkeit. Es ist wirklich wahr, dass man in solchen Momenten nie aufhören kann, von anderen zu lernen.

Was würden Sie jemandem raten, der die Moderation eines Erzählcafés ausprobieren möchte?

Ich würde sehr empfehlen, sich darauf einzulassen. Man wird angenehm überrascht von den verschiedenen Standpunkten, die während der Erzählungen auftauchen und die manchmal Blickwinkel ans Licht bringen, die man vorher nicht bedacht hat. Hinzu kommt, dass die Diskussion die Menschen einbezieht und indirekt verbindet, wodurch eine Art sozialer Zusammenhalt entsteht. Ein Aspekt, den wir im Rahmen unserer Arbeit jeden Tag zu stärken versuchen.

CINE…ma in Gordola

Der Nachbarschafts-Concierge CINE…ma di Gordola ist ein Projekt von ProSenectute. Es handelt sich um einen offenen Ort, der den Menschen in der Umgebung zur Verfügung steht. Er bietet nicht nur die typischen Dienstleistungen eines Quartier-Concierge an, sondern soll auch ein Ort des Zuhörens, der Begegnung und des Austauschs sein. Mit dem Projekt wird die Intergenerationalität und die soziale Integration gefördert.

Nino Züllig wanderte in jungen Jahren von Georgien nach Deutschland aus. Seit 2014 lebt sie in Basel und arbeitet als Dolmetscherin. Die Erzählcafé-Moderatorin führte mit HEKS beider Basel interkulturelle Erzählcafés durch. Menschen aus der Ukraine und Georgien haben über ihre Heimat und das Leben in der Schweiz gesprochen.

 

Erinnerst du dich an dein erstes Erzählcafé?

Nino Züllig: Ja klar! HEKS beider Basel wollte im Rahmen des Projekts AltuM – Alter und Migration älteren, zugewanderten Menschen Erzählcafés anbieten. Da ich schon länger für HEKS dolmetsche, wussten sie, dass ich Russisch spreche. Im Frühling 2022 war mein erstes Erzählcafé. Es kamen Geflüchtete aus der Ukraine und ein georgisches Ehepaar aus meinem Bekanntenkreis.

Warum habt ihr das Erzählcafé auf Russisch angeboten?

Viele Menschen in der Ukraine sind zweisprachig und sprechen neben der ukrainischen Muttersprache auch Russisch. In Georgien können sich meist die älteren Leute noch auf Russisch verständigen. Russisch bot sich als unsere gemeinsame Sprache an.

Wie fühlt sich ein Erzählcafé auf Russisch für eine Ukrainerin an?

Ich war mir bewusst, dass ich sehr vorsichtig sein muss, wenn ich ein interkulturelles Erzählcafé auf Russisch anbiete. Man kann die Politik nicht ignorieren. Normalerweise ist ein Erzählcafé etwas Entspanntes und Angenehmes. Bei meinem Setting schwingt der Krieg immer mit. Als Moderatorin muss ich viel Fingerspitzengefühl haben, damit das Gespräch im ruhigen, friedlichen Rahmen bleibt und die Leute sich wohlfühlen. Und zwar diejenigen, die gerne Russisch sprechen, als auch diejenigen, die die Sprache nicht mögen. Ich glaube, ich erfahre viel Akzeptanz, weil ich aus Georgien stamme und beide Seiten verstehe.

Was ist dein Tipp?

Oft kommt es vor, dass eine Ukrainerin während des Erzählcafés eine Nachricht von ihrem Mann im Krieg bekommt und abgelenkt ist. Ich verstehe, dass sie dann darüber reden will. Als Moderatorin muss ich darauf eingehen und es annehmen, aber dann doch zurück zum eigentlichen Thema finden. Das Erzählcafé soll ein Ort der Entspannung sein, wo man über etwas anderes reden kann. Mein Tipp an Moderierende: Das Thema langsam und vorsichtig wechseln.

Deine Lieblingsthemen?

Mein erstes Thema war «Ich in der Schweiz». Die Gruppe hat darüber sinniert, wie sie sich hier fühlen, wie es früher war und mit welchen Schwierigkeiten sie kämpfen. Ich habe dann ein anders Thema identifiziert: «Gut und günstig leben in der Schweiz». Da kam ein sehr ideenreicher Erfahrungsaustausch zustande. Als ich in den normalen Rhythmus kam, wählte ich auch fröhliche Themen wie «Schön und modisch».

An dein Erzählcafé kommen vor allem Menschen 55+. Was beschäftigt sie?

Die deutsche Sprache ist das Hauptthema. Ältere Menschen lernen nicht mehr so leicht. Je älter man wird, desto schwieriger ist Migration. Man kommt an einen Ort, wo man die Sprache nicht spricht, die Kultur nicht kennt, ins Ungewisse geht. Ich mache diese Erzählcafés von Herzen, weil ich die Sorgen der Menschen gut nachvollziehen kann.

Was hat dich am meisten überrascht?

Es gibt immer wieder Aha-Erlebnisse. Egal, wo die Menschen aufgewachsen sind, einige Dinge sind überall gleich. Wir haben einmal ein Erzählcafé mit Menschen aus der Schweiz, der Ukraine und Georgien durchgeführt. Dabei haben wir gemerkt, dass sie alle als Kind ähnliche Sachen gespielt haben und sogar ähnliche Lieblingsessen hatten. Mein Fazit: Die Welt ist klein, wir sind gar nicht so unterschiedlich.

Bild: Nino Züllig hat am Erzählcafé das Guetzlibacken zum Thema gemacht.

Zur Person

Nino Züllig studierte in Georgien Deutsch und zog schon jung nach Deutschland. 2014 folgte sie ihrem Mann nach Basel. Sie arbeitet als interkulturelle Dolmetscherin und veranstaltet regelmässig Erzählcafés. In ihrer Freizeit ist sie am liebsten mit ihrer Familie in der wilden Natur unterwegs.

Interkulturelle Erzählcafés

Seit 2022 bietet die HEKS Geschäftsstelle beider Basel im Rahmen des Projekts AltuM – Alter und Migration Erzählcafés an. Sechs interkulturelle Vermittelnde bildeten sich bei Johanna Kohn weiter und bieten seitdem Erzählcafés in verschiedenen Sprachen an. Im 2023 werden die Erzählcafés fortgeführt. Sie sind thematisch verknüpft mit anderen Angeboten von AltuM beider Basel.

 

Interview: Anina Torrado Lara