Der Verein Netzwerk Erzählcafé blickt auf ein ereignisreiches Jahr 2023 zurück:

  • Es wurden ca. 315 Erzählcafés in der Agenda eingetragen.
  • Der Verein konnte 99 Mitglieder gewinnen.
  • Eine Stakeholderanalyse wurde durchgeführt und eine Liste möglicher Stiftungen und Organisationen für die weitere Finanzierung erstellt.
  • Von Januar bis März 2023 fanden in der Schweiz, Österreich und Deutschland mehr als 10 öffentliche Buchvernissagen des Buchs «Erzählcafés: Einblicke in Praxis und Theorie» statt.
  • Am Werkstattgespräch vom 20. März 2023 in Olten trafen sich ca. 30 Teilnehmende zum Austausch.
  • Vom 17.-19. November 2023 fanden in der ganzen Schweiz die Erzählcafé-Tage 2023 zum Thema «Zuhören» statt.

Erfahren Sie mehr über unser erstes Jahr als Verein im Jahresbericht 2023 (PDF).

Alle Jahresberichte finden Sie hier.

Das Netzwerk Erzählcafé und Migros-Engagement bieten im Rahmen der #Freundschaftsinitiative eine Reihe von Erzählcafés zum Thema «Freundschaft» an. Wir erzählen uns von Sandkastenfreund*innen, flüchtigen Begegnungen und verpassten Chancen. Sind Sie neugierig und freuen sich darauf, neue Menschen und ihre Perspektiven kennenzulernen? Besuchen Sie ein Erzählcafé in der Region:

Viele weitere Erzählcafés finden Sie in der Agenda. Moderierende und Veranstaltende finden hier den Leitfaden «Freundschaft».

Johanna Kohn, Professorin an der Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit, hat mit einem Forschungsteam die Empathie in Online-Erzählcafés untersucht. Sie wollte wissen, ob auch das Online-Setting einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten kann. Die theoretisch gestützte Annahme, dass Empathie ein Schlüsselfaktor für die Vielfalt ist und durch Erzählungen hergestellt werden kann, wurde in dieser Begleitstudie weitgehend bestätigt.

Die Ergebnisse der Begleitstudie zeigen, dass Empathie in den Erzählcafés sowohl verbal als auch nonverbal eine grosse Rolle spielt. Die an der Studie beteiligten Teilnehmenden berichteten von einem tiefen Verständnis, Respekt und dem Bedürfnis, mehr über andere Menschen zu erfahren. Auf individueller Ebene fühlten sich die meisten Teilnehmenden verstanden, gesehen, respektiert – und sie hatten das Bedürfnis, mehr von den anderen zu hören. Das Zuhören stellte sich als eine Grund-Dimension des Empathie-Erlebens heraus. Auf Gruppenebene entwickelte sich im Laufe der Erzählcafés ein Gefühl von Gemeinschaft und Zugehörigkeit.

Es können neue Kontakte entstehen

Die Studie hebt auch die Bedeutung der Moderation, der Rahmenbedingungen und eines sicheren Raums für das Online-Setting hervor. Eine klare Struktur, die respektvolle Gesprächsführung und das Einhalten von Regeln schaffen einen «geschützten Raum», in dem Menschen gerne von sich etwas preisgeben. Die Moderation spielt eine entscheidende Rolle, denn sie schafft eine Atmosphäre von Respekt und Wohlwollen und verknüpft die Geschichten der Teilnehmenden.

Manchmal suchten die Teilnehmenden untereinander auch im Nachhinein Kontakt. Dass man etwas füreinander und miteinander tun will, ist eine weitere Dimension von empathischem Verhalten. Das Forschungsteam konnte nicht untersuchen, wie lange die nachweisbare Empathie über die Erzählcafés hinaus wirkt.

Das Studienteam schlägt vor, dass kleinere Folgeprojekte und Begegnungen nach den Erzählcafés ein Indikator für die Nachhaltigkeit sein könnten. Ein Vergleich mit analogen Erzählcafés und die Untersuchung der Unterschiede zwischen Online- und Offline-Formaten wären interessante Ansätze für zukünftige Forschungsprojekte.

Wichtige Erkenntnisse für Online-Erzählcafés

Dem Forschungsteam, das Erfahrung mit analogen und digitalen Erzählcafés hat, fiel auf:

  • Im Online-Erzählcafé wurde der Café-Teil nicht zum unkomplizierten Austausch und Weitererzählen genutzt; vielmehr nahmen sich die Teilnehmenden eine Pause vom Bildschirm, um sich zu bewegen, auf die Toilette zu gehen oder sich mit Essen und Trinken zu versorgen. Dagegen nimmt der Café-Teil in analogen Erzählcafés einen persönlich und methodisch wichtigen Stellenwert ein. Andererseits wurde die Möglichkeit zum themengerichteten Austausch in den moderierten Reflexionsrunden gleich im Anschluss an die Pause rege genutzt.
  • Zum Teil waren die Erzählungen im Online-Café persönlicher, intimer und hatten eine grössere Erlebnistiefe, als das in analogen Erzählcafés beobachtet wurde. Es wäre interessant, die Annahme zu prüfen, dass die Teilnahme aus dem eigenen sicheren persönlichen Raum heraus und die Möglichkeit, sich aus der online-Situation jederzeit zurückziehen zu können, gleichzeitig auch mehr Sicherheit und Vertrauen schafft.

Die gesamte Begleitstudie können Sie hier lesen.

Wie definiert die Studie «Empathie»?

Empathie bezeichnet die Fähigkeit, die Gedanken und Gefühle anderer zu erkennen und darauf zu reagieren, insbesondere in Bezug auf deren Leiden. Es gibt zwei Hauptformen von Empathie: affektive Empathie, bei der eine emotionale Reaktion in uns ausgelöst wird, und kognitive Empathie, die die Perspektive und den emotionalen Zustand anderer erfasst, ohne diese Gefühle mit den eigenen zu vermischen. Die Kombination beider Formen führt zu Mitgefühl, das als Reaktion auf das Leiden anderer verstanden wird. Empathie ist eine Schnittstelle zwischen Rationalität und Emotionalität, die es ermöglicht, nicht nur intellektuell, sondern auch emotional die Perspektive anderer zu verstehen.

Über die Studie

Die Begleitstudie wurde von der Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit, und vom Migros-Kulturprozent finanziert.  Johanna Kohn führte die Untersuchung mit Noemi Balsiger, Daniele Bigoni und Simone Girard-Gröber im Zeitraum Juni 2021 bis November 2022 in der Schweiz durch. Die Studie beschäftigt sich mit der Frage, ob und wie sich in Online-Erzählcafés Empathie zeigt und wie diese gefördert werden kann. An der Studie haben neun Personen mitgemacht. Sie wurden an drei Erzählcafés beobachtet.

Am 17. Oktober 2023 fand an der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbildung (EHB) in Lugano das Thementreffen des Netzwerks Erzählcafé für die italienische Schweiz statt. Für diese Veranstaltung haben wir ein ebenso wichtiges wie komplexes Thema gewählt: den Umgang mit der Privatsphäre, wenn autobiografische Geschichten miteinander geteilt werden. An der Veranstaltung nahmen Marilù Zanella (Auto aiuto Ticino), Noè Albergati (EHB), Ludmila Crippa (Moderatorin des Netzwerks Erzählcafé) und Michelle Colombo (Verfasserin einer Diplomarbeit über formelle und informelle Hilfe) teil.

Von Valentina Pallucca Forte

Das gewählte Thema ermöglichte es uns, verschiedene Methoden des Austauschs zu vergleichen, die manchmal verwechselt werden. Wir befassten uns insbesondere mit Selbsthilfegruppen und der Human Library. Zwar kann man davon ausgehen, dass die an Erzählcafés teilnehmenden Personen einen kleinen (oder grossen) Teil ihrer Erfahrungen preisgeben möchten, es kann aber passieren, dass sie zu viel von sich erzählen. Manchmal kommt es vor, dass man sich in dieser ungezwungenen und freundlichen Atmosphäre gehen lässt und den anderen mehr offenbart, als man eigentlich möchte oder geplant hatte.

In Selbsthilfegruppen ist die Situation möglicherweise noch heikler, da oft sensible Themen behandelt werden. Wenn ich zum Beispiel an einer Selbsthilfegruppe zum Thema Magersucht teilnehme, weil meine Tochter an einer Essstörung leidet, wissen dann die anderen Teilnehmenden, dass es dieses Problem in meiner Familie gibt. Wer schützt die Privatsphäre meiner Tochter? Wie viel kann ich über sie in der Gruppe erzählen? Wo ist in diesen Fällen die Grenze zu ziehen? Am Treffen stellte sich heraus, dass dies in kleinen Städten wie Lugano noch problematischer ist, da es sein kann, dass man jemanden aus der Gruppe kennt.

Die Human Library

Interessant war auch, was eine Teilnehmerin erzählte, die eine andere Methode des Austausches ausprobieren wollte: die Human Library. Bei der Human Library werden Menschen zu Büchern, die man durchblättern kann. Sie stellen sich für eine bestimmte Zeit anderen Menschen zur Verfügung, um gelesen zu werden, sprich um Fragen zu ihrer persönlichen Geschichte zu beantworten. Das hat sie erzählt:

«Ich war sofort Feuer und Flamme, als mir vorgeschlagen wurde, mich als menschliches Buch für die Human Library zur Verfügung zu stellen. Als ich aber meiner Familie davon erzählte, stiess ich auf grossen Widerstand. Meine Lebensgeschichte ist mit der meiner Familienangehörigen verflochten, und sie waren nicht so begeistert wie ich von der Vorstellung, sie öffentlich zu erzählen. Letztendlich habe ich einen Rückzieher gemacht, um ihre Privatsphäre zu schützen.»

Diese Erzählung zeigt uns, wie unsere Lebensgeschichten unweigerlich mit den Lebensgeschichten unserer Familienangehörigen, Freunde und Vertrauten verbunden sind. Zwar können wir unsere Privatsphäre oder die Privatsphäre der uns nahestehenden Personen mit einigen kleineren Strategien schützen, eine Grenze festlegen, über die wir nicht hinausgehen wollen. Es lohnt sich jedoch immer, die Teilnehmenden dazu aufzufordern, respektvoll mit den persönlichen Erzählungen umzugehen und sie vertraulich zu behandeln.

Den Moderierenden kommt beim Schutz der Privatsphäre der erzählenden Personen eine entscheidende Rolle zu. Sie müssen Situationen, die die Privatsphäre der erzählenden Personen gefährden könnten, erkennen und mit Feingefühl damit umgehen. Das Moderieren von Erzählcafés ist eine Kunst, die man mit der Zeit erlernt. In diesem Zusammenhang möchten wir daran erinnern, dass das Netzwerk Erzählcafé regelmässig Einführungskurse für angehende Moderatorinnen und Moderatoren sowie Möglichkeiten zum Austausch und Vertiefen bestimmter Themen anbietet.

In unserer Agenda finden Sie alle kommenden Veranstaltungen.

In diesem Video erfahren Sie mehr über die Human Library:

Prof. lic. phil. Johanna Kohn (im Bild) wird im Frühjahr 2024 eine inspirierende Weiterbildung für Moderierende anbieten. Johanna ist Professorin an der Fachhochschule Nordwestschweiz, Mitgründerin des Netzwerks Erzählcafé und eine Koryphäe im Bereich der biografischen Erzählformate. Die Weiterbildung in zwei Modulen und einer Praxisphase richtet sich an Moderierende, die künftig andere Moderierende in ihrer Region begleiten oder Erzählcafé-Einführungskurse anbieten möchten.

Johanna Kohn (Bild: FHNW)

Daten:

Wir starten mit dem ersten Modul am 12./13. Februar 2024 in Olten. Das zweite Modul findet am 24. Mai 2024 online statt. Danach begleitet die Kursleitung Sie für ca. ein Jahr.

Infos:

In diesem Flyer finden Sie alle Informationen zur neuen Weiterbildung.

Kursleitung:

Johanna Kohn mit Unterstützung von Rhea Braunwalder und Natalie Freitag.

Ihre Vorteile:

  • Sie bekommen das Rüstzeug, um eigene Erzählcafé-Einführungskurse in Ihrer Region anzubieten und Moderierende auszubilden.
  • Sie entwickeln Ihre eigene Projektidee und werden dabei von der Kursleitung und der Gruppe unterstützt.

Vergünstigter Preis von CHF 400.- für:

Anmeldung:

Wir freuen uns, wenn Sie mit dabei sind und sind überzeugt, dass diese Weiterbildung Sie auf Ihrem persönlichen Weg als Moderator*in weiterbringt.

Bald ist es soweit: Die ganze Schweiz trifft sich am Wochenende vom 17. bis 19. November 2023 zu den nationalen Erzählcafé-Tagen 2023. Merkt euch den Termin vor und besucht eines von 50 Erzählcafés!

Los geht’s mit den Erzählcafé-Tagen 2023 bereits am Donnerstag, 16. November 2023, 18.15 Uhr: Das Netzwerk Erzählcafé, Zuhören Schweiz, Pro Futuris und das Ortsmuseum Zollikon laden zu einem interaktiven Zuhörabend im Ortsmuseum Zollikon ein. Dort findet gleichzeitig die Sonderausstellung «A mile in my shoes – Zuhören als Akt der Empathie» statt. Die Ausstellung entstand mit dem Empathy Museum London, Empathie Stadt Zürich und dem Berner Generationenhaus und kann im Rahmen der kostenlosen Veranstaltung besichtigt werden (zum Flyer). Kommen Sie und gestalten Sie mit uns einen Moment des gegenseitigen Zuhörens!

Menschen hören sich an 50 Erzählcafés zu

Am Wochenende finden in der ganzen Schweiz rund 50 Erzählcafés  zum Thema «Zuhören» statt. Die Moderatorinnen und Moderatoren freuen sich auf zahlreiche Interessierte aller Generationen, die sich auf ein besonderes Erlebnis einlassen. Wer kurzfristig noch ein Erzählcafé anbieten möchte, findet hier Informationen und darf sich gern bei Natalie Freitag melden.

Am 15. September 2023 feierte die Schule in Poschiavo den Internationalen Tag der Demokratie. Alle neun Klassen, bestehend aus etwa 130 Schülerinnen und Schülern, versammelten sich zusammen mit ihren Klassenlehrpersonen und einigen Mitgliedern des Jugendparlaments zum Erzählcafé. Es drehte sich um die verschiedenen Facetten der Demokratie. Catia Curti, Leiterin der Sekundarstufe I der Schulen von Poschiavo, teilt ihre Eindrücke von diesem besonderen Tag.

Die Atmosphäre an diesem Freitag, dem 15. September, war geprägt von «Stärke, Intensität und einem Gefühl der Befreiung». So beschrieben die Schülerinnen und Schüler der Mittelschule von Poschiavo das Erzählcafé zum Thema Demokratie. Über anderthalb Stunden lang führten sie lebhafte Gespräche, diskutierten leidenschaftlich, manchmal wurde es laut, und hin und wieder flossen auch Tränen. Die Mitglieder des Jugendparlaments, Drittklässlerinnen und Drittklässler, die sich seit dem letzten Jahr für die Belange der Jugendlichen im Tal einsetzen, wählten ein facettenreiches Thema aus dem Bereich der Demokratie und präsentierten es den einzelnen Klassen.

Was heisst eigentlich Demokratie?

Die Themen reichten vom Recht der freien Meinungsäusserung bis hin zu persönlichen Erfahrungen von Jugendlichen, die sich in ihren Familien, Schulen oder Freundeskreisen nicht immer frei fühlen, ihre Meinung zu sagen und sie selbst zu sein. Es wurde über weltweite und innere Konflikte debattiert, über die wahre Bedeutung von Gleichheit und wie weit wir von ihrer vollen Verwirklichung entfernt sind, sei es im globalen Multikulturalismus oder in unserer kleinen, lokalen Realität. Die Diskussionen reichten von der Bedeutung der Wahl von Vertretern bis hin zur Wahl der Mitglieder des Jugendparlaments in der Schule und sogar zu Vorschlägen zur Förderung kultureller Initiativen im Unterricht. Die jungen Menschen überlegten auch gemeinsam, was als öffentliches Gut betrachtet wird und welche Pflichten jede und jeder Einzelne hat, um das zu bewahren und zu respektieren, was allen gehört.

Jede Klasse, jede Gruppe und jede*r Schüler*in hatten die Möglichkeit, ihre Gedanken und Gefühle auszudrücken. Sie sprachen über Themen, die sehr relevant sind, aber wenig zur Sprache kommen. Die Schülerinnen und Schüler haben das Gespräch mit grosser Reife und Überzeugung geführt. Das Erzählcafé war ein grosser Erfolg, und viele haben bereits gefragt, wann das nächste stattfinden wird.

Oft neigen wir dazu zu denken, dass das Plaudern in der Hektik des Alltags Zeitverschwendung ist. In Wahrheit handelt es sich jedoch um eine eine nützliche und gesunde Praxis. Es liegt in der Natur des Menschen, sich auszutauschen, Meinungen zu teilen und zu diskutieren. Und was ist dazu besser geeignet als ein Erzählcafé? Es ist eine wunderbare Form, um über das zu sprechen, was die Menschen glücklich und frei macht: Demokratie!

Catia Curti, Leiterin der Sekundarstufe I der Schulen von Poschiavo

Natalie Freitag moderierte die Intervision #8 am 24. August 2023 in Basel. An der Tagung tauschten sich die Moderierenden unter anderem über die Frage der idealen Gruppengrösse bei einem Erzählcafé aus. Sie gibt einen Einblick in die Gedanken, die dabei entstanden.

An der Intervision 2023 in Basel nahmen 12 Moderierende des Netzwerks Erzählcafé teil. Sie trafen sich, um sich zum Thema «Erzählcafés in Grossgruppen» auszutauschen. Der rege Austausch begann schon vor dem Anlass mit Kaffee und Gipfeli. Dann startete die Gruppe mit einem Erzählcafé zum Thema «Sommer». Barfusslaufen als Inbegriff von Sommer, das Schreien der Kinder in der Badi, die Freiheit, einen anderen Tagesrhythmus zu leben, aber auch das Fehlen der Schulgspänli: die Erinnerungen aus der Kindheit ähnelten sich. Das Gespräch führte unweigerlich auch zu den vielen Glacé-Sorten in der Badi. Erstaunlicherweise hatten alle in der Gruppe ein anderes Lieblingseis!

Erfahrungen mit grösseren Gruppen

Johanna Kohn und Claudia Sollberger gaben im Anschluss Einblick in ihre Erfahrungen mit grossen Gruppen und warfen die Fragen in die Runde:

  • Was ist die ideale Gruppengrösse bei einem Erzählcafé?
  • Wieviele Personen müssen mindestens da sein, damit ein Gespräch entsteht?
  • Und ab wievielen Personen wird es schwierig, ein Erzählcafé allein zu moderieren?

Die Professorin und die erfahrene Moderatorin kennen es aus eigener Erfahrung, Gruppen von 50 oder 100 Personen zu moderieren. Die Teilnehmenden hatten viele Ideen, wie eine Moderation reagieren kann, wenn mehr Personen als geplant zum Erzählcafé kommen:

  • Um das Format auch bei grösseren Veranstaltungen einzusetzen, kann eine kleine Erzählcafé-Runde auf dem Podium gestartet werden. Das Publikum kann das Erzählcafé passiv mitverfolgen. Im Anschluss kann die kleine Runde für alle geöffnet werden.
  • Eine Moderation kann die grosse Gruppe auf mehrere Tische aufteilen. Idealerweise moderiert dann eine Person pro Tisch das Gespräch. Die Fragen, die an die vielen kleinen Gruppen an den Tischen gestellt werden, wird im Anschluss im Plenum aufgegriffen.
  • Die Moderation behält die grosse Gruppe bei, wird aber durch ein bis zwei Helfer*innen unterstützt. Diese können zum Beispiel mit dem Mikrofon zur Person gehen, die etwas beitragen möchten.

Auftraggebende gut briefen

Das Gespräch regte zu weiteren Geschichten über eigene Erfahrungen mit verschiedenen Gruppengrössen an und führte am Nachmittag zu einem sehr konzentrierten und interessierten Austausch über Bezahlung, An- und Abmeldung und das Fehlen dieser Möglichkeit. Ein wichtiger Gedanke, der aufkam, war, dass die Auftraggebenden gut informiert und gebrieft werden müssen, um keine falschen Erwartungen zu wecken. Sie kennen das Angebot oft nicht so genau und können eine andere Vorstellung entwickeln, was ein Erzählcafé zu leisten vermag.

Fazit der Diskussion ist, dass auch Erzählcafés in grösseren Gruppen möglich sind. Das Netzwerk Erzählcafé ermutigt alle Moderierenden, es einmal auszuprobieren und Erfahrungen damit zu sammeln. Diese können zum Beispiel am «Schwarzen Brett» geteilt werden.

Im Anschluss an die Tagung genossen die Teilnehmenden im kühlen Schatten des Gartens im Zwinglihaus ein feines Essen vom Restaurant du coeur. Sie waren sich einig, dass sie sehr von diesem Tag profitieren konnten – vom Austausch über das inspirierende Miteinander bis zu den vielen Inputs für die eigene Arbeit. Danke an alle, die mitgewirkt und unterstützt haben!

Übrigens: Unsere Online-Stammtische sind auch wunderbare Gefässe für einen kurzen Austausch ohne lange Anfahrtszeit! Zu finden in der Agenda.

 

Zur Autorin

Natalie Freitag ist Regionalkoordinatorin des Netzwerks in der Deutschschweiz. Die Ostschweizerin moderierte die Tagung und resümiert: «Ich ermutige euch, auch Erzählcafés, bei denen ein einzelner Stuhlkreis nicht mehr genügt, sorgfältig vorzubereiten.»

Nino Züllig wanderte in jungen Jahren von Georgien nach Deutschland aus. Seit 2014 lebt sie in Basel und arbeitet als Dolmetscherin. Die Erzählcafé-Moderatorin führte mit HEKS beider Basel interkulturelle Erzählcafés durch. Menschen aus der Ukraine und Georgien haben über ihre Heimat und das Leben in der Schweiz gesprochen.

 

Erinnerst du dich an dein erstes Erzählcafé?

Nino Züllig: Ja klar! HEKS beider Basel wollte im Rahmen des Projekts AltuM – Alter und Migration älteren, zugewanderten Menschen Erzählcafés anbieten. Da ich schon länger für HEKS dolmetsche, wussten sie, dass ich Russisch spreche. Im Frühling 2022 war mein erstes Erzählcafé. Es kamen Geflüchtete aus der Ukraine und ein georgisches Ehepaar aus meinem Bekanntenkreis.

Warum habt ihr das Erzählcafé auf Russisch angeboten?

Viele Menschen in der Ukraine sind zweisprachig und sprechen neben der ukrainischen Muttersprache auch Russisch. In Georgien können sich meist die älteren Leute noch auf Russisch verständigen. Russisch bot sich als unsere gemeinsame Sprache an.

Wie fühlt sich ein Erzählcafé auf Russisch für eine Ukrainerin an?

Ich war mir bewusst, dass ich sehr vorsichtig sein muss, wenn ich ein interkulturelles Erzählcafé auf Russisch anbiete. Man kann die Politik nicht ignorieren. Normalerweise ist ein Erzählcafé etwas Entspanntes und Angenehmes. Bei meinem Setting schwingt der Krieg immer mit. Als Moderatorin muss ich viel Fingerspitzengefühl haben, damit das Gespräch im ruhigen, friedlichen Rahmen bleibt und die Leute sich wohlfühlen. Und zwar diejenigen, die gerne Russisch sprechen, als auch diejenigen, die die Sprache nicht mögen. Ich glaube, ich erfahre viel Akzeptanz, weil ich aus Georgien stamme und beide Seiten verstehe.

Was ist dein Tipp?

Oft kommt es vor, dass eine Ukrainerin während des Erzählcafés eine Nachricht von ihrem Mann im Krieg bekommt und abgelenkt ist. Ich verstehe, dass sie dann darüber reden will. Als Moderatorin muss ich darauf eingehen und es annehmen, aber dann doch zurück zum eigentlichen Thema finden. Das Erzählcafé soll ein Ort der Entspannung sein, wo man über etwas anderes reden kann. Mein Tipp an Moderierende: Das Thema langsam und vorsichtig wechseln.

Deine Lieblingsthemen?

Mein erstes Thema war «Ich in der Schweiz». Die Gruppe hat darüber sinniert, wie sie sich hier fühlen, wie es früher war und mit welchen Schwierigkeiten sie kämpfen. Ich habe dann ein anders Thema identifiziert: «Gut und günstig leben in der Schweiz». Da kam ein sehr ideenreicher Erfahrungsaustausch zustande. Als ich in den normalen Rhythmus kam, wählte ich auch fröhliche Themen wie «Schön und modisch».

An dein Erzählcafé kommen vor allem Menschen 55+. Was beschäftigt sie?

Die deutsche Sprache ist das Hauptthema. Ältere Menschen lernen nicht mehr so leicht. Je älter man wird, desto schwieriger ist Migration. Man kommt an einen Ort, wo man die Sprache nicht spricht, die Kultur nicht kennt, ins Ungewisse geht. Ich mache diese Erzählcafés von Herzen, weil ich die Sorgen der Menschen gut nachvollziehen kann.

Was hat dich am meisten überrascht?

Es gibt immer wieder Aha-Erlebnisse. Egal, wo die Menschen aufgewachsen sind, einige Dinge sind überall gleich. Wir haben einmal ein Erzählcafé mit Menschen aus der Schweiz, der Ukraine und Georgien durchgeführt. Dabei haben wir gemerkt, dass sie alle als Kind ähnliche Sachen gespielt haben und sogar ähnliche Lieblingsessen hatten. Mein Fazit: Die Welt ist klein, wir sind gar nicht so unterschiedlich.

Bild: Nino Züllig hat am Erzählcafé das Guetzlibacken zum Thema gemacht.

Zur Person

Nino Züllig studierte in Georgien Deutsch und zog schon jung nach Deutschland. 2014 folgte sie ihrem Mann nach Basel. Sie arbeitet als interkulturelle Dolmetscherin und veranstaltet regelmässig Erzählcafés. In ihrer Freizeit ist sie am liebsten mit ihrer Familie in der wilden Natur unterwegs.

Interkulturelle Erzählcafés

Seit 2022 bietet die HEKS Geschäftsstelle beider Basel im Rahmen des Projekts AltuM – Alter und Migration Erzählcafés an. Sechs interkulturelle Vermittelnde bildeten sich bei Johanna Kohn weiter und bieten seitdem Erzählcafés in verschiedenen Sprachen an. Im 2023 werden die Erzählcafés fortgeführt. Sie sind thematisch verknüpft mit anderen Angeboten von AltuM beider Basel.

 

Interview: Anina Torrado Lara

Lesen Sie den Jahresbericht 2022. Hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse:

  • Am 30. November 2022 wird der Verein Netzwerk Erzählcafé Schweiz mit Sitz in Taverne (TI) gegründet.
  • Das Erzählcafé wird als Intervention in die Orientierungsliste KAP 2022 aufgenommen.
  • Die Gesundheitsförderung Schweiz erklärt sich bereit, das Netzwerk Erzählcafé zwei weitere Jahre im Rahmen der Projektförderung KAP zu unterstützen.
  • Die Ergebnisse der Externen Evaluation des Netzwerks durch Interface werden in einem Faktenblatt publiziert.

Zum Jahresbericht 2022

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