Andreas Schmidhauser, Mitbegründer und Co-Leiter des Theater Süd in Basel, findet das Erzählcafé ein hochspannendes Format, um den Puls eines Quartiers zu spüren. So bot er eines im Rahmen der «Johanna is calling-Woche» vom 9. bis 15. August 2021 an. Was dabei herauskam, erzählt er im Interview. 

Herr Schmidhauser, wie kamen Sie auf die Idee, ein Erzählcafé zu veranstalten? 

Andreas Schmidhauser: Das Theater Süd in Basel arbeitet partizipativ mit der Bevölkerung zusammen, um Projekte im Bereich Theater, Tanz und Text zu entwickeln. Wir verstehen uns als Teil des lebendigen, diversen und sich schnell verändernden Gundeli-Quartiers. Die Quartierkoordination Gundeldingen hat uns auf das Erzählcafé aufmerksam gemacht, und wir fanden das Format hochspannend. Es bringt uns als Theaterinstitution – abseits von theatralen Formaten – mit Menschen aus dem Quartier ins Gespräch. Diese niederschwelligen Resonanzräume sind für die weitere künstlerische Arbeit des Theater Süd wichtig. Wir wollen Projekte nahe an den Lebenswelten der Bevölkerung konzipieren. Das Erzählcafé ist ein Seismograf: Es fühlt den Puls im Quartier.

Wer war am Erzählcafé beteiligt?

Für unser aktuelles Theaterprojekt «Stimmenmeer» arbeiten wir mit dem Pflegeheim MOMO und dem Chor «Singen ohne Grenzen» (Verein ASK Basel) zusammen. Wir beabsichtigten, den Puls mit ein oder zwei Erzählcafés im Pflegeheim MOMO zu spüren. Covid-19 hat das dann verhindert. Stattdessen führten wir das Erzählcafé später im Rahmen der «Johanna is calling-Woche» im Theater Süd durch.

Welches Thema wählten Sie?

Das Thema «Wendepunkte». Bei der «Johanna is calling-Woche» geht es um die historische Figur Johanna von Orléans und die Fragen: Wie haben wir unsere tiefgreifenden Entscheidungen im Leben getroffen? Welche inneren und äusseren Stimmen leiten uns und auf welche hören wir? Mit dem Erzählcafé schufen wir einen sehr persönlichen Zugang zu diesen Fragestellungen.

Wer kam ans Erzählcafé?

Geplant war ursprünglich, das Erzählcafé im Pflegeheim MOMO durchzuführen. Durch das Verschieben in die «Johanna is calling-Woche» boten wir es für ein breiteres Publikum an. Es kamen 12 Teilnehmende zwischen 25 und 70 Jahren. Ein grosser Erfolg, denn an diesem Generationen übergreifenden Erzählcafé wurden Geschichten und Erfahrungen aus den unterschiedlichsten Lebensphasen ausgetauscht. Es hat mich beeindruckt, wie die Menschen sich aktiv zugehört haben.

Inspirierendes Erzählcafé

Das Theater Süd hat für sein besonderes Erzählcafé im Rahmen der «Johanna is calling-Woche» im Basler Gundeli-Quartier einen Förderimpuls erhalten. Auch Sie können sich mit Ihrer Idee weiterhin für das Förderprogramm 2021 bewerben.

Der idyllisch im St.Galler Stadtpark gelegene Frauenpavillon war am 27. August 2021 Schauplatz eines Generationen-Erzählcafés. Die Moderatorinnen Fabienne Duelli und Rhea Braunwalder sprachen mit 24 Teilnehmerinnen und einem Teilnehmer über «50 Jahre Frauenstimm- und Wahlrecht in der Schweiz».

Fabienne Duelli, das hochaktuelle Thema lockte viele Menschen in den Frauenpavillon. 

Fabienne Duelli

Fabienne Duelli (Geschäftsstelle der Frauenzentrale Appenzellerland): Ja, es kamen 24 Frauen und ein Mann – der Partner einer Teilnehmerin. Es hat mich sehr gefreut, dass Frauen von 20 bis 70 dabei waren, darunter auch Grossmutter-Mutter-Tochter-Gespanne.

Was machte das Erzählcafé so besonders?

Wir setzten uns nach dem Fish-Bowl-Prinzip in zwei Kreise: einen inneren Kreis aus zwei Moderatorinnen und drei Gesprächsteilnehmerinnen und einen äusseren Kreis aus Gästen und Angehörigen. Im inneren Kreis erzählten wir uns über das Frau-Sein und wie sich unsere Rechte und Pflichten in den letzten 50 Jahren verändert haben. Auch der äussere Kreis wurde ins Gespräch einbezogen. Fast alle Personen haben eine persönliche Geschichte oder einen Gedanken beigetragen.

Welche Geschichte hat Sie besonders berührt?

Die Einstiegsfrage lautete: «Wie alt fühlst du dich heute?» Eine Frau meinte lachend, sie fühle sich immer alt, wenn sie ihr Alter bei Online-Anmeldungen eingeben müsse und dann mehrmals nach unten bis zu ihrem Geburtsjahr scrolle. Es war auch sehr schön zu hören, wie die Frauen erzählt haben, was sie empfunden haben, als sie das erste Mal abstimmten, oder merkten, dass sie nicht abstimmen durften.

Was hat Sie überrascht?

Dass die jüngeren Frauen kaum glauben konnten, dass eine Frau vor 50 Jahren noch das Einverständnis ihres Mannes brauchte, um einen Job anzutreten. Das Bewusstsein der jungen Frauen für den Einsatz der Frauenrechte-Pionierinnen ist heute nicht mehr oder nur sehr wenig vorhanden.

Wie können junge Frauen sich in den nächsten 50 Jahren einbringen?

Das Ziel des Erzählcafés war, Frauen darin zu bestärken, für ihre Rechte einzustehen, aber auch ihre Pflichten wahrzunehmen. Das heisst, dass auch jüngere Frauen – und junge Menschen allgemein – sich aktiv in politische Themen einmischen sollen und nicht davon ausgehen, dass jemand anderes für sie kämpft. Insofern war das Erzählcafé auch ein Augenöffner, denn es zeigte, dass es im Jahr 2021 noch immer subtile Benachteiligungen gibt, sei das auf dem Arbeitsmarkt, im Alltag oder in der Paarbeziehung.

ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Gerber, Hans / Com_L15-0200-0001-0001 / CC BY-SA 4.0

Veranstaltungsreihe zu «50 Jahre Frauenstimm- und Wahlrecht»

Das Generationen-Erzählcafé wurde vom Kath. Frauenbund SG/Appenzell sowie den beiden Frauenzentralen St.Gallen und Appenzell Ausserrhoden und dem Verein Ostsinn angeboten. Es fand am 27. August 2021 im Rahmen des Jubiläums zum 50-jährigen Stimm- und Wahlrecht der Schweizer Frauen (siehe auch Flyer) statt. Die Macherinnen wurden mit einem Förderimpuls als inspirierendes Erzählcafé ausgezeichnet.

Tipp: 50 – 50 – 50

Zum 50-jährigen Jubiläum des Frauenstimm- und Wahlrechts in der Schweiz haben sich 50 Fotografinnen zusammengeschlossen, um einen landesweiten Blick auf die Stellung der Frau zu werfen. 50 Fotografinnen haben ein Portrait einer Frau ihrer Wahl realisiert. Die Publikation wurde unter anderem vom Migros-Kulturprozent unterstützt.

Johanna Kohn, Professorin für Alter, Biographiearbeit und Migration an der FHNW, lancierte zusammen mit Simone Girard-Groeber, Forscherin im Gehörlosenbereich an der FHNW, ein besonderes Projekt: Sie luden hörende und gehörlose Menschen zum Erzählcafé ein. Johanna Kohn erzählt über diese interkulturelle Begegnung.

 

Interview: Anina Torrado Lara

Wie kamen Sie auf die Idee, Erzählcafés zu veranstalten, bei denen das «Einander Zuhören» eine Herausforderung darstellt?

Johanna Kohn

Johanna Kohn: Die Idee kam von Simone Girard-Groeber. Sie wollte die interkulturelle Begegnung zwischen Hörenden und Gehörlosen ermöglichen und herausfinden, was da im Gespräch passiert. Zuhören und Erzählen konnten wir dank zwei Gebärdensprach-Dolmetscherinnen. Es war ähnlich anspruchsvoll, wie wenn Menschen mit unterschiedlicher Muttersprache und Kultur zusammenkommen.

Inwiefern war die Begegnung zwischen Gehörlosen und Hörenden «interkulturell»?

Die Begegnungen waren in mehrfachem Sinne interkulturell: In jeder Kultur teilen wir gemeinsame Sprachen, gewisse Gewohnheiten, Regeln, Verhalten, Rituale und Geschichten. Hörende und Gehörlose in der Schweiz leben in der gleichen Umgebung, unterscheiden sich aber in Sprache, Geschichte, Umgang, Bedürfnissen. Gehörlose Menschen sind zudem in sich «bi-kulturell»: Sie sind Teil der hörenden Kultur einerseits, nutzen aber andererseits auch ihre Gebärdensprache und fühlen sich der Gehörlosenkultur angehörig.

Was prägt die Kultur von gehörlosen Menschen in der Schweiz?

Ein Einblick in die Geschichte der Gehörlosen in der Schweiz macht das verständlich: Viele der älteren Gehörlosen wurden früh vom Elternhaus getrennt und wuchsen in den wenigen Internaten für Gehörlose in der Schweiz auf. Dort war die Gebärdensprache vielfach verboten und sie wurden für das Gebärden bestraft. Unter grosser Anstrengung mussten sie lernen, Laute zu artikulieren und von den Lippen zu lesen. Untereinander haben sie sich oft nur versteckt in Gebärdensprache austauschen können. Das prägt. Hörende in der Schweiz teilen diese Geschichte nicht, sie haben vielfältige andere Erfahrungen. Während für die Gehörlosen als Minderheit das bi-kulturelle Leben der Alltag ist, war es für die Hörenden am Erzählcafé eher neu, Minderheit in einer gehörlosen Kultur zu sein.

Besteht heutzutage mehr Chancengleichheit für Gehörlose?

Es wurde schon einiges getan. Zum Beispiel werden mehr Informationen in Gebärdensprache übersetzt. Aber gerade im Bildungsbereich bestehen noch enorme Ungleichheiten. Das zeigt sich dann auch in der Berufswahl. Am Erzählcafé haben wir über dieses Thema gesprochen. Viele Gehörlose sagen, dass sie sich in einem ständigen «Kampf ums Sichtbarwerden» befinden. Es fängt schon bei der Berufswahl an: da sind auf den ersten Blick ganz viele Tätigkeiten «unmöglich».

Sind Hörende hilflos im Umgang mit Gehörlosen?

«Hilflos» möchte ich nicht sagen, aber vielleicht erst einmal «sprachlos» und «fremd» in einer fremden Kultur. Kontakt entsteht vielleicht, aber nur sehr oberflächlich. Vertiefte Gespräche sind möglich, wenn Hörende sehr kompetent in Gebärdensprache sind, oder Dolmetschende dabei sind. Das hat uns auch das Erzählcafé gezeigt: Es brauchte eine gute Vorbereitung, damit der interkulturelle Austausch für alle möglich und ein bereicherndes Erlebnis ist.

Können Sie uns einen ersten Einblick in Ihre Erkenntnisse geben?

Ich möchte noch nicht viel vorwegnehmen, aber die Erzählcafés haben bei allen Beteiligten Lust auf mehr geweckt. Sie haben den Hörenden Mut gemacht, sich darauf einzulassen, erst einmal nichts zu verstehen – und dann aber ganz viel zu erleben. Und sie haben den Gehörlosen den Raum gegeben, ihre Erfahrungen und ihre Welt «laut» sichtbar zu machen. Die Ergebnisse und der Leitfaden zur Durchführung von «Erzählcafés Inklusiv» mit Hörenden und Gehörlosen ist hier online.

 

Die Erzählcafé-Reihe mit Gehörlosen und Hörenden

Die Erzählcafé-Reihe wurde 2020 vom Netzwerk Erzählcafé mit dem Schweizerischen Gehörlosenbund, der Max-Bircher-Stiftung und dem Verein Sichtbar Gehörlose in Zürich veranstaltet. Mit dabei waren neben Johanna Kohn und Simone Girard-Groeber auch zwei Dolmetscherinnen sowie hörende und gehörlose Gäste und Moderierende. Aus den Erkenntnissen der Erzählcafés und Interviews mit Beteiligten enstand 2021 ein Bericht über die Kommunikation in interkulturellen Erzählcafés und ein Leitfaden mit Tipps.

Immer wieder erreichen uns Feedbacks der Teilnehmenden. Wir haben uns umgehört und Stimmen gesammelt. Haben Sie am Erzählcafé eine spannende Erfahrung gemacht? Schreiben Sie uns!

«Ich kann mich erinnern, dass ich beim Erzählcafé dabei war. Ich fand es schön. Du hockst dort, eine halbe Stunde, eine Stunde, und hast teil am Leben von Menschen, die du nicht kennst. Du erfährst ein Bruchstück ihres Lebens, ihrer Geschichte. Du hörst zu, erzählst von dir, und das gefallt mir! Ein unbekümmerter, freier Austausch. Nur so lernt man Leute kennen, wenn man miteinander redet. Und so sieht man sie auch von einer anderen Perspektive. Darum finde ich das Erzählcafé eine coole Sache!»

Alessandro Capasso, Primarschullehrer aus Berg SG, nahm im Solihaus an einem Erzählcafé zum Thema Abschied teil.

Die 20-jährige Aline war zum ersten Mal an einem Erzählcafé. Sie spricht über die Verbundenheit mit zuvor fremden Menschen, der Offenheit gegenüber Neuem und dem Generationen übergreifenden Dialog.

 

Wie hast du das Erzählcafé erlebt?

Aline: Ich war extrem positiv überrascht, dass alle am Tisch so aus sich herauskamen. Es war für mich auch sehr schön, mal in Kontakt mit verschiedenen Altersgruppen gleichzeitig zu kommen und deren Sicht auf ein doch eher banales Thema wie «Sonntagsausflüge mit Freunden» zu bekommen.

Mit welchem Gefühl bist du nach Hause gegangen?

Ich hatte am Schluss das Gefühl, ich sei seit einer Woche jeden Tag in diesem Kaffee mit diesen Personen gewesen – als ob ich alle schon ewig kenne. Ich ging mit einem sehr positiven und glücklichen Gefühl nach Hause.

Wie würdest du das Erzählcafé einer Freundin oder einem Freund schmackhaft machen?

Ich würde ihnen erzählen, dass es ein besonderes Erlebnis ist. Vielleicht etwas speziell zu Beginn, weil man niemanden kennt. Doch anschliessend, wenn sich alle öffnen, ist es wunderbar! Ich denke, man muss es einfach einmal erlebt haben. Es kommt natürlich darauf an, wie offen man gegenüber neuen Situationen und Menschen ist.

Zur Person

Aline studiert Betriebswirtschaftslehre mit einem Zusatzstudium in Wirtschaftspädagogik. Sie arbeitet neben dem Studium bei einem Stellenvermittlungsbüro und gibt im Unisport an der Universität St.Gallen HSG Sportstunden. Die 20-Jährige wohnt in St.Gallen und Luzern.

Ayub ist im Iran geboren und aufgewachsen. Er nimmt regelmässig an Erzählcafés im Solihaus teil (Foto: Anna-Tina Eberhard).

Ayub ist 27 Jahre alt. Der junge Plattenleger ist im Iran aufgewachsen und wohnt seit drei Jahren in der Schweiz. Im Interview sagt er, was ihn am Erzählcafé fasziniert.

 

Ayub, wie kamst du aufs Erzählcafé?

Ayub: Ich fahre oft nach St.Gallen, um mich mit anderen Menschen im Solihaus auszutauschen. Dort habe ich auch das Erzählcafé kennengelernt.

Wie hast du das Format erlebt?

Mir gefällt es sehr gut, denn ich treffe jedes Mal neue Leute. Diese stammen aus verschiedenen Ländern und haben spannende Geschichten aus ihrer Vergangenheit zu erzählen. Ausserdem kann ich dabei meine Deutschkenntnisse verbessern.

Was gefällt dir besonders gut?

Dass die Leute am Erzählcafé mich immer zum Lachen bringen. Die Geschichten, die wir uns erzählen, sind meistens sehr lustig. Mit anderen Menschen zu lachen ist etwas sehr Wertvolles im Alltag.

Haben Sie eine spannende Geschichte, die Sie anderen erzählen möchten? Schreiben Sie uns.

Am Wochenende vom 11.-13. Juni 2021 lanciert das Netzwerk Erzählcafé die Erzählcafé-Tage 2021. In Schulen, Gemeindesälen, Beizen, Bibliotheken und Co-Working-Spaces in der ganzen Schweiz sollen die Wände beben und die Lachmuskeln zucken, wenn wild zusammengewürfelte Menschen einander aus dem Leben erzählen. Zum Thema haben garantiert alle etwas zu sagen: «Lebensereignisse».

Dabei verfolgt das Netzwerk langfristige Ziele: Die Sichtbarkeit der Methode Erzählcafé soll erhöht, seine Wirksamkeit erlebbar gemacht und der soziale Zusammenhalt gestärkt werden.

Mit den nationalen Erzählcafé-Tagen wollen wir eine Bewegung in Gang setzen und eine Gesellschaft fördern, in der:

  • Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten miteinander ins Gespräch kommen und neue Perspektiven kennenlernen.
  • Interessierte Personen die Möglichkeit haben, in der Rolle der Moderation (mit ein bisschen Übung und Unterstützung!) die Lebensgeschichten der Teilnehmenden miteinander zu verknüpfen.

Wollen Sie Teil des Organisationsteams werden und das Wochenende mitgestalten? Wir suchen Moderatorinnen und Moderatoren, die ein Erzählcafé durchführen, sowie Institutionen, die einen Raum zur Verfügung stellen. Bitte schreiben Sie an info@netzwerk-erzaehlcafe.ch, Stichwort «Erzählcafé-Tage».

Zum Internationalen Tag der Freiwilligen am 5.12.2020 haben viele Organisationen und Menschen in der ganzen Schweiz Botschaften zur Freiwilligenarbeit geschrieben. So auch das Netzwerk Erzählcafé, das sich für das Miteinander und den Dialog in der Schweiz einsetzt. Hier finden Sie die Galerie mit allen Botschaften.

Wir danken allen Moderatorinnen und Moderatoren sowie allen, die beim Netzwerk Erzählcafé mitwirken, für ihr wertvolles Engagement!

Die Vielfalt an Veranstaltungsformaten, welche die Elemente «Biografie – Gruppe – Erzählen» enthalten, ist gross: Es gibt Gesprächskreise, Erzählcafés, Erzähl-Mahle, das Männerpalaver, Femmestische, Erzählbistros und vieles mehr.

 

In diesem «Dschungel» machen wir uns auf die Suche nach dem, was ein Erzählcafé ausmacht und was ein Erzählcafé von anderen Formaten differenziert. Diese Recherche ist Teil eines Publikationsprojekts in der Schweiz, Österreich und Deutschland. Mit Praktikerinnen, Praktikern und Partnern, wie zum Beispiel dem Verein Sorgenetz möchten wir Erfolgsfaktoren und Stolpersteine von Erzähl-Formaten identifizieren.

Um uns zu unterstützen haben wir Moderatorinnen und Moderatoren, Veranstaltende und Trägerschaften nach Ihrer Meinung und Ihren Erfahrungen gefragt. Darüber hinaus war es eine Gelegenheit, andere Erzählformate kennenzulernen und sich zu vernetzen. An dieser Stelle bedanken wir uns bei allen, die den Fragebogen ausgefüllt haben. Die Ergebnisse fliessen in das Publikationsprojekt des Netzwerks Erzählcafé ein.

Wir stellen uns vor

Edith Auer, Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen (Uni Wien): «Das Schöne am Erzählen in einer Gruppe ist, dass man ‘nur’ zuhören muss, dass es nicht um Meinungsbildung oder Wahrheitsfindung geht. Und alles, was erzählt wird, ist wichtig.»

Rhea Braunwalder, Netzwerk Erzählcafé: «Beim Erzählcafé gefallen mir die Momente, wo komplett Alltägliches zu Außergewöhnlichem wird.»

Gert Dressel, Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen (Uni Wien) & Verein Sorgenetz, er ist auch assoziiertes Mitglied beim Netzwerk Erzählcafé und findet: «Für ein gutes gesellschaftliches Zusammenleben zählt weniger, was gezählt, sondern es zählt, was erzählt werden kann.»

 

 

Stefanie Schmid-Altringers Idee, Erzählcafés für Väter anzubieten, stiess auf grossen Anklang. Die Ärztin und Mutter von zwei Kindern aus Bonn schafft damit einen Raum für Väter, um sich über die Geburt ihrer Kinder auszutauschen und Erfahrungen zu verarbeiten. Im Interview erzählt sie, warum Väter gezielter in den Prozess der Geburt involviert werden müssen.

Interview: Fanny Rose Anderson
Foto: nahdran

Wie entstand der Aktionstag «Väter, Ihr seid wichtig» der Erzählcafé-Aktion?

Stefanie Schmid-Altringer: Bevor ich mit den Erzählcafés angefangen habe, entwickelte ich das Modellprojekt «Lernen im Geburtshaus», in dem wir im Bonner Geburtshaus mit Schüler*innen in kleinen Gruppen kunsttherapeutisch das Thema Schwangerschaft und Geburt auf neue, stärkende Weise erarbeitet haben. Ziel war es, Unsicherheiten rund um die Geburt zu beseitigen. Dieses Projekt war ein Augenöffner für mich: Viele Jugendliche, vor allem Jungs, haben oft ein falsches Bild von der Geburt. Obschon sie interessiert wären, werden sie im Schulunterricht meist nicht dort abgeholt, wo sie stehen. Und genauso geht es weiter, wenn sie später selbst eine Familie gründen: Wenn es ums Kinderkriegen geht, stehen Mutter und Kind im Zentrum.

Was müsste passieren, um Männer mehr ins Zentrum zu rücken?

Eine wirklich gute Geburtskultur muss die ganze Familie berücksichtigen. Genau das wollten wir mit der Erzählcafé-Aktion und den Väter-Erzählcafés bewusst machen. Gerade in Zeiten, in denen es vermehrt Interventionsgeburten gibt, ist es umso wichtiger, dass auch Väter in ihrem Erleben abgeholt werden. Die Erzählcafé-Aktion bietet seit sechs Jahren für verschiedene Zielgruppen und Bedürfnisse unterschiedliche Erzählcafé-Formate zum Mitmachen an, zum Beispiel für Jugendliche, geflüchtete Frauen oder eben jetzt auch für Väter. Damit wollen wir den Vätern eine Plattform geben, auf der sie ihre Erlebnisse teilen können. Aus diesen Erfahrungen heraus erstellen wir übrigens gerade eine kostenlose Broschüre zur Geburtsvorbereitung – nur für Väter.

Wieso setzen Sie auf das Format Erzählcafé?

Ich wollte unbedingt ermöglichen, dass Menschen in einem angenehmen, entspannten Umfeld ihre Erfahrungen teilen können. Gerade bei medizinischen Anliegen gibt es wenig Möglichkeiten, diese Fragen und Erlebnisse ausserhalb der Arztpraxis zu besprechen oder zu verarbeiten. Unsere Erzählcafés «Der Start ins Leben» erlauben es, Unsicherheiten mitzubringen, Fragen zu stellen oder auch einfach nur zuzuhören. Ganz bewusst führen wir unsere Erzählcafés darum ohne Expert*innen durch, denn die Teilnehmenden sind mit ihrem «Erfahrungswissen» selbst Experten. Das ist das Konzept dieses von uns entwickelten Erzählcafé-Formats.

Welche Wirkung erzeugt ein solches Erzählcafé?

Die Erzählcafé-Aktion erlaubt es uns, eine Doppelwirkung zu erzeugen. Auf der individuellen Ebene helfen Menschen einander durch den sozialen Austausch. Auf der gesellschaftlichen Ebene können wir über unsere Plattform, auf der wir anonyme Zitate von Teilnehmenden publizieren, mehr Aufmerksamkeit für eine partizipativere Medizin einfordern.

Was raten Sie Personen, die auch ein Erzählcafé für Väter organisieren möchten?

Um Väter für das Thema zu gewinnen, muss man sie gezielt ansprechen, etwa mit Informationsmaterial, das spezifisch für sie entwickelt wird. Es sollte berücksichtigt werden, dass Männer nicht die gleiche Erzählkultur zum Thema Geburt haben wie Frauen. Das gilt es bei der Moderation zu berücksichtigen. Auch gemischte Gruppen mit Männern und Frauen sollten nicht ausgeschlossen werden. Da es beim Erzählcafé darum geht, aktiv zuzuhören, können auch Frauen wertvolle Erfahrungen machen, wenn sie den Männern einfach mal zuhören, was sie im Kreissaal oder zu Hause erlebt haben. Und es macht durchaus Sinn, Erzählcafés bereits in der Geburtsvorbereitung oder -nachbereitung anzubieten, denn man kann nicht früh genug damit anfangen, sich aktiv mit der Geburt auseinanderzusetzen.

Verfolgen Sie die Diskussion zum Vaterschaftsurlaub in der Schweiz?

Ja, natürlich. In Deutschland, wo sich beide Elternteile unbezahlt Elternzeit und die Väter seit einigen Jahren einen anteilig bezahlten Vaterschaftsurlaub nehmen dürfen, hat sich gezeigt, dass die Väter diese neue Möglichkeit wirklich wahrnehmen. Das stärkt die Familie. Beide, Vater und Mutter, haben mehr Zeit, sich in der neuen Rolle zurechtzufinden und Lösungen etwa bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu finden. Ist diese Angewöhnungszeit zu kurz oder wird einer der Partner zu wenig einbezogen, kann dies längerfristig zu einer Überforderung führen. Daraus entstehen im schlimmsten Fall Krankheiten oder ernste Paarprobleme. In dem Sinne wünsche ich mir für die Schweiz, dass sie die Chancen des Einbezugs von Vätern ins familiäre Leben erkennt und hier einen Schritt weiterkommt. Langfristig werden davon alle Beteiligten und auch das Gesundheitswesen profitieren.

 

Zur Person

Dr. med. Stefanie Schmid-Altringer studierte Medizin an der Universität Bonn und promovierte 1997 mit ‚cum laude’. Seit 1999 ist sie als freiberufliche Wissenschaftsjournalistin und Buchautorin tätig. Mit dem Themenschwerpunkt Gesundheit produziert sie als Expertin, Autorin und Regisseurin zahlreiche TV-Dokumentationen und mehrere Bücher. Seit 2011 leitet und konzipiert sie neue Formate von Gesundheitsveranstaltungen und hat 2014 zusammen mit Hebammen für Deutschland e.V. das Mitmachprojekt Erzählcafé-Aktion ins Leben gerufen. Es setzt sich mittlerweile international für eine gesündere Geburtshilfe ein. Infos und Kontakt unter: www.nahdran-kommunikation.de