Am Wochenende vom 11.-13. Juni 2021 lanciert das Netzwerk Erzählcafé die Erzählcafé-Tage 2021. In Schulen, Gemeindesälen, Beizen, Bibliotheken und Co-Working-Spaces in der ganzen Schweiz sollen die Wände beben und die Lachmuskeln zucken, wenn wild zusammengewürfelte Menschen einander aus dem Leben erzählen. Zum Thema haben garantiert alle etwas zu sagen: «Lebensereignisse».

Dabei verfolgt das Netzwerk langfristige Ziele: Die Sichtbarkeit der Methode Erzählcafé soll erhöht, seine Wirksamkeit erlebbar gemacht und der soziale Zusammenhalt gestärkt werden.

Mit den nationalen Erzählcafé-Tagen wollen wir eine Bewegung in Gang setzen und eine Gesellschaft fördern, in der:

  • Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten miteinander ins Gespräch kommen und neue Perspektiven kennenlernen.
  • Interessierte Personen die Möglichkeit haben, in der Rolle der Moderation (mit ein bisschen Übung und Unterstützung!) die Lebensgeschichten der Teilnehmenden miteinander zu verknüpfen.

Wollen Sie Teil des Organisationsteams werden und das Wochenende mitgestalten? Wir suchen Moderatorinnen und Moderatoren, die ein Erzählcafé durchführen, sowie Institutionen, die einen Raum zur Verfügung stellen. Bitte schreiben Sie an info@netzwerk-erzaehlcafe.ch, Stichwort «Erzählcafé-Tage».

Zum Internationalen Tag der Freiwilligen am 5.12.2020 haben viele Organisationen und Menschen in der ganzen Schweiz Botschaften zur Freiwilligenarbeit geschrieben. So auch das Netzwerk Erzählcafé, das sich für das Miteinander und den Dialog in der Schweiz einsetzt. Hier finden Sie die Galerie mit allen Botschaften.

Wir danken allen Moderatorinnen und Moderatoren sowie allen, die beim Netzwerk Erzählcafé mitwirken, für ihr wertvolles Engagement!

Die Vielfalt an Veranstaltungsformaten, welche die Elemente «Biografie – Gruppe – Erzählen» enthalten, ist gross: Es gibt Gesprächskreise, Erzählcafés, Erzähl-Mahle, das Männerpalaver, Femmestische, Erzählbistros und vieles mehr.

 

In diesem «Dschungel» machen wir uns auf die Suche nach dem, was ein Erzählcafé ausmacht und was ein Erzählcafé von anderen Formaten differenziert. Diese Recherche ist Teil eines Publikationsprojekts in der Schweiz, Österreich und Deutschland. Mit Praktikerinnen, Praktikern und Partnern, wie zum Beispiel dem Verein Sorgenetz möchten wir Erfolgsfaktoren und Stolpersteine von Erzähl-Formaten identifizieren.

Um uns zu unterstützen haben wir Moderatorinnen und Moderatoren, Veranstaltende und Trägerschaften nach Ihrer Meinung und Ihren Erfahrungen gefragt. Darüber hinaus war es eine Gelegenheit, andere Erzählformate kennenzulernen und sich zu vernetzen. An dieser Stelle bedanken wir uns bei allen, die den Fragebogen ausgefüllt haben. Die Ergebnisse fliessen in das Publikationsprojekt des Netzwerks Erzählcafé ein.

Wir stellen uns vor

Edith Auer, Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen (Uni Wien): «Das Schöne am Erzählen in einer Gruppe ist, dass man ‘nur’ zuhören muss, dass es nicht um Meinungsbildung oder Wahrheitsfindung geht. Und alles, was erzählt wird, ist wichtig.»

Rhea Braunwalder, Netzwerk Erzählcafé: «Beim Erzählcafé gefallen mir die Momente, wo komplett Alltägliches zu Außergewöhnlichem wird.»

Gert Dressel, Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen (Uni Wien) & Verein Sorgenetz, er ist auch assoziiertes Mitglied beim Netzwerk Erzählcafé und findet: «Für ein gutes gesellschaftliches Zusammenleben zählt weniger, was gezählt, sondern es zählt, was erzählt werden kann.»

 

 

Stefanie Schmid-Altringers Idee, Erzählcafés für Väter anzubieten, stiess auf grossen Anklang. Die Ärztin und Mutter von zwei Kindern aus Bonn schafft damit einen Raum für Väter, um sich über die Geburt ihrer Kinder auszutauschen und Erfahrungen zu verarbeiten. Im Interview erzählt sie, warum Väter gezielter in den Prozess der Geburt involviert werden müssen.

Interview: Fanny Rose Anderson
Foto: nahdran

Wie entstand der Aktionstag «Väter, Ihr seid wichtig» der Erzählcafé-Aktion?

Stefanie Schmid-Altringer: Bevor ich mit den Erzählcafés angefangen habe, entwickelte ich das Modellprojekt «Lernen im Geburtshaus», in dem wir im Bonner Geburtshaus mit Schüler*innen in kleinen Gruppen kunsttherapeutisch das Thema Schwangerschaft und Geburt auf neue, stärkende Weise erarbeitet haben. Ziel war es, Unsicherheiten rund um die Geburt zu beseitigen. Dieses Projekt war ein Augenöffner für mich: Viele Jugendliche, vor allem Jungs, haben oft ein falsches Bild von der Geburt. Obschon sie interessiert wären, werden sie im Schulunterricht meist nicht dort abgeholt, wo sie stehen. Und genauso geht es weiter, wenn sie später selbst eine Familie gründen: Wenn es ums Kinderkriegen geht, stehen Mutter und Kind im Zentrum.

Was müsste passieren, um Männer mehr ins Zentrum zu rücken?

Eine wirklich gute Geburtskultur muss die ganze Familie berücksichtigen. Genau das wollten wir mit der Erzählcafé-Aktion und den Väter-Erzählcafés bewusst machen. Gerade in Zeiten, in denen es vermehrt Interventionsgeburten gibt, ist es umso wichtiger, dass auch Väter in ihrem Erleben abgeholt werden. Die Erzählcafé-Aktion bietet seit sechs Jahren für verschiedene Zielgruppen und Bedürfnisse unterschiedliche Erzählcafé-Formate zum Mitmachen an, zum Beispiel für Jugendliche, geflüchtete Frauen oder eben jetzt auch für Väter. Damit wollen wir den Vätern eine Plattform geben, auf der sie ihre Erlebnisse teilen können. Aus diesen Erfahrungen heraus erstellen wir übrigens gerade eine kostenlose Broschüre zur Geburtsvorbereitung – nur für Väter.

Wieso setzen Sie auf das Format Erzählcafé?

Ich wollte unbedingt ermöglichen, dass Menschen in einem angenehmen, entspannten Umfeld ihre Erfahrungen teilen können. Gerade bei medizinischen Anliegen gibt es wenig Möglichkeiten, diese Fragen und Erlebnisse ausserhalb der Arztpraxis zu besprechen oder zu verarbeiten. Unsere Erzählcafés «Der Start ins Leben» erlauben es, Unsicherheiten mitzubringen, Fragen zu stellen oder auch einfach nur zuzuhören. Ganz bewusst führen wir unsere Erzählcafés darum ohne Expert*innen durch, denn die Teilnehmenden sind mit ihrem «Erfahrungswissen» selbst Experten. Das ist das Konzept dieses von uns entwickelten Erzählcafé-Formats.

Welche Wirkung erzeugt ein solches Erzählcafé?

Die Erzählcafé-Aktion erlaubt es uns, eine Doppelwirkung zu erzeugen. Auf der individuellen Ebene helfen Menschen einander durch den sozialen Austausch. Auf der gesellschaftlichen Ebene können wir über unsere Plattform, auf der wir anonyme Zitate von Teilnehmenden publizieren, mehr Aufmerksamkeit für eine partizipativere Medizin einfordern.

Was raten Sie Personen, die auch ein Erzählcafé für Väter organisieren möchten?

Um Väter für das Thema zu gewinnen, muss man sie gezielt ansprechen, etwa mit Informationsmaterial, das spezifisch für sie entwickelt wird. Es sollte berücksichtigt werden, dass Männer nicht die gleiche Erzählkultur zum Thema Geburt haben wie Frauen. Das gilt es bei der Moderation zu berücksichtigen. Auch gemischte Gruppen mit Männern und Frauen sollten nicht ausgeschlossen werden. Da es beim Erzählcafé darum geht, aktiv zuzuhören, können auch Frauen wertvolle Erfahrungen machen, wenn sie den Männern einfach mal zuhören, was sie im Kreissaal oder zu Hause erlebt haben. Und es macht durchaus Sinn, Erzählcafés bereits in der Geburtsvorbereitung oder -nachbereitung anzubieten, denn man kann nicht früh genug damit anfangen, sich aktiv mit der Geburt auseinanderzusetzen.

Verfolgen Sie die Diskussion zum Vaterschaftsurlaub in der Schweiz?

Ja, natürlich. In Deutschland, wo sich beide Elternteile unbezahlt Elternzeit und die Väter seit einigen Jahren einen anteilig bezahlten Vaterschaftsurlaub nehmen dürfen, hat sich gezeigt, dass die Väter diese neue Möglichkeit wirklich wahrnehmen. Das stärkt die Familie. Beide, Vater und Mutter, haben mehr Zeit, sich in der neuen Rolle zurechtzufinden und Lösungen etwa bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu finden. Ist diese Angewöhnungszeit zu kurz oder wird einer der Partner zu wenig einbezogen, kann dies längerfristig zu einer Überforderung führen. Daraus entstehen im schlimmsten Fall Krankheiten oder ernste Paarprobleme. In dem Sinne wünsche ich mir für die Schweiz, dass sie die Chancen des Einbezugs von Vätern ins familiäre Leben erkennt und hier einen Schritt weiterkommt. Langfristig werden davon alle Beteiligten und auch das Gesundheitswesen profitieren.

 

Zur Person

Dr. med. Stefanie Schmid-Altringer studierte Medizin an der Universität Bonn und promovierte 1997 mit ‚cum laude’. Seit 1999 ist sie als freiberufliche Wissenschaftsjournalistin und Buchautorin tätig. Mit dem Themenschwerpunkt Gesundheit produziert sie als Expertin, Autorin und Regisseurin zahlreiche TV-Dokumentationen und mehrere Bücher. Seit 2011 leitet und konzipiert sie neue Formate von Gesundheitsveranstaltungen und hat 2014 zusammen mit Hebammen für Deutschland e.V. das Mitmachprojekt Erzählcafé-Aktion ins Leben gerufen. Es setzt sich mittlerweile international für eine gesündere Geburtshilfe ein. Infos und Kontakt unter: www.nahdran-kommunikation.de

Auch dieses Jahr fördert das Netzwerk Erzählcafé inspirierende Erzählcafés mit einem Beitrag von 500 CHF. Projektmitarbeiterin Rhea Braunwalder beantwortet Fragen zum diesjährigen Thema: «Erzählcafés für Morgen».

Warum hat das Projektteam sich für das Thema «Erzählcafés für Morgen» entschieden?

Rhea Braunwalder: Kürzlich nahm ich an einer Podiumsdiskussion zur nationalen Abstimmung über die Erweiterung der Anti-Rassismus-Strafnorm teil. Das Thema wurde rege diskutiert. Als der Moderator die Diskussion abschliessen wollte, meldete sich ein älterer Herr. Er erzählte, wie er als homosexuelle Person unter der Diskriminierung bei der Arbeit gelitten habe. Das Publikum war sichtlich gerührt und gleichzeitig nachdenklich. Dies brachte mich auf die Idee, Erzählcafés zu aktuellen gesellschaftlichen (Tabu-)Themen zu fördern. So könnten Vorurteile abgebaut werden und eine gemeinsame Baisis für Entwicklungen in der Zukunft geschaffen werden. In regulären Podiumsdiskussion haben biografische Geschichten nämlich wenig Platz.

Wo würden Sie persönlich gerne einmal ein «Erzählcafé für Morgen» veranstalten?

In einer Abstimmungskampagne, weil die Diskussion und der Meinungsaustausch dort ganz anders abläuft als in einem Erzählcafé. Die Themen an sich jedoch, sind wichtig und eignen sich sicher auch für ein Erzählcafé. Es ginge mir nicht darum, eine Position als «richtig» und die andere als «falsch» darzustellen, sondern darum den Austausch und die Begegnung zwischen BefürworterInnen und GegnerInnen zu ermöglichen und das Thema in all seinen Facetten sichtbar zu machen. Es würde mich reizen einen Resonanzraum zu schaffen, wo die Grundhaltung offen und wertfrei ist, obwohl das Thema sehr brisant sein kann. Eine Idee wäre es ein Erzählcafé zum Thema “Geburt” im Kontext der möglichen Abstimmung über die Einführung des Vaterschaftsurlaubs durchzuführen.

Was sind Herausforderungen bei kontroversen Zukunftsthemen?

Herausfordernd für die Moderation ist, dass man bei aktuellen Themen keine normative Haltung vertritt, sondern einfach Raum für den Austausch lässt. Es könnte schwierig sein, die Teilnehmenden zu animieren, bei ihren eigenen Geschichten und Erfahrungen zu bleiben, und nicht in die Diskussion zu verfallen. Erzählcafés zu einem aktuellen Thema, welches für die Zukunft wichtig ist, werden besonders dann eine gesellschaftliche Wirkung entfalten, wenn möglichst unterschiedliche Perspektiven zu einem Thema ans Licht kommen. Die Herausforderung ist hier, Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen zum gewählten Thema zu erreichen und zusammenzubringen.

Wer kann einen Förderantrag stellen?

ModeratorInnen oder Veranstaltende können auf unserer Webseite unter «Förderprogramm» mehr über die Ausschreibung lesen und online den Antrag stellen. Wir wollen möglichst viele ModeratorInnen und Veranstaltende ermutigen, sich zu melden und freuen uns auf Ideen und Experimente. Bewerben Sie sich und inspirieren Sie uns!

Detaillierte Ausschreibung des Förderprogramms

 

Nicht immer läuft im Leben alles rund. Menschen fallen durch die Maschen, verlieren ihren Job, die Wohnung, ihr soziales Umfeld. Das neue Erzählcafé im Gassencafé Sunestube sorgt dafür, dass Menschen, die auf den Gassen Zürichs leben, in einem vertraulichen Rahmen von ihren Erlebnissen erzählen können.

Die Stiftung Sozialwerk Pfarrer Sieber in Zürich ist eine Anlaufstelle für Menschen in Not. Im Gassencafé Sunestube finden diese ein warmes Wohnzimmer, eine gute Mahlzeit, Raum für soziales Kontakte und Unterstützung. Seit kurzem trifft man sich dort regelmässig zum Erzählcafé.

Der Funke sprang sofort über

«Alles begann damit, dass eine unserer Mitarbeiterinnen den Informationsanlass des Netzwerks Erzählcafé besuchte und begeistert zurückkam. Sie fand die Idee, ein solches Format mit den Gästen der Sunestube auszuprobieren, äusserst verlockend», erzählt Christine Diethelm, Leiterin des Gassencafé Sunestube und Gassenarbeit. Begeistert habe die Mitarbeiterin das Gehörte im Team präsentiert. Der Funke sprang sofort über. «Unsere Stiftung ist geprägt von Werten wie Wertschätzung, sich auf Augenhöhe begegnen und Menschenwürde. Diese Werte widerspiegeln sich in der Haltung des Miteinander eines Erzählcafés», sagt Diethelm. Und da die Stiftung immer wieder auf der Suche nach neuen Möglichkeiten sei, die Gäste mit in die Gemeinschaft einzubinden, sei die Freude an der Umsetzung sofort da gewesen.

Kraft, die zum Leben ermutigt

Sich in einer Gemeinschaft eingebunden zu fühlen, ist laut Diethelm ein Grundbedürfnis des Menschen. «Wer mehrheitlich am empfangenden Ende einer Unterstützung ist, hat es schwer, denn es belastet das Gemüt. Umso wichtiger ist es, sich auszutauschen.» Sie ist überzeugt, dass das Erzählcafé eine geniale Möglichkeit sei, um Erlebtes in einem vertraulichen Rahmen zu erzählen. Diethelm: «Die eigene Geschichte bekommt einen wertschätzenden Raum. Und im respektvollen Zuhören liegt eine Kraft, die zum Leben ermutigt.»

Die Menschen, deren Lebensmittelpunkt die Gassen Zürichs sind, schätzen das Erzählcafé. Sie kommen, reden über ein Alltagsthema, erzählen von persönlichen Erlebnissen und trinken zusammen einen Kaffee. «Man merkt, wie die Teilnehmenden erstaunt und berührt sind, zu hören, welche Erfahrungen andere zu einem Thema gemacht haben», so Diethelm. «Wir sind immer wieder erstaunt über die Fülle an Erfahrungen, die beim Erzählen zum Vorschein kommen – und wie unsere Gäste sich auch schwierigen Erfahrungen stellen.»

Einblick in bewegte Biographien

Die Leiterin der Sunestube nennt ein Beispiel: «Eine Frau erzählte ihre sehr persönlichen Erlebnisse aus der Kindheit und Jugend. Sie kommt aus schwierigsten Verhältnissen und wurde als Jugendliche bereits mehrmals Mutter. Ihre Erzählungen haben auch uns als Team geholfen, ihr Verhalten in der Gemeinschaft besser zu verstehen und dementsprechend für sie da zu sein.»

Wird an einem Erzählcafé in der Sunestube auch mal gelacht? Ja, sagt Diethelm und schmunzelt. «Ich staune immer wieder, wie humorvoll unsere Gäste trotz traumatischer Vergangenheit und schwierigen Lebensumständen unterwegs sind.» Der gegenseitige Respekt an einem Erzählcafé helfe, von schweren Erlebnissen plötzlich zu ermutigenden oder sogar lustigen Momenten zu wechseln.

Im Gassencafé Sunestube in Zürich sind alle Menschen willkommen (Foto: Sozialwerk Pfarrer Sieber).

Über das Gassencafé Sunestube

Die Stiftung Sozialwerk Pfarrer Sieber wurde 1988 von Pfarrer Ernst Sieber gegründet. Bis zu seinem Tod im Jahr 2018 kämpfte er gegen das Drogenelend in Zürich und für die Versorgung von randständigen Menschen. Die Stiftung finanziert sich aus Leistungen von Krankenkassen und Sozialämtern sowie Spenden, Erbschaften und Legaten. Neben dem Gassencafé betreibt sie mehrere Notschlafstellen, Wohngruppen, einen Gassentierarzt, eine Sozialberatung und eine Anlaufstelle, wo Bedürftige Kleider und Essen beziehen können. Das Gassencafé zählte im letzten Jahr 22’817 Besuche. Dort können Menschen verweilen, eine einfache Mahlzeit essen und die Gesellschaft anderer geniessen.

 

Reportage: Anina Torrado Lara
Foto: Sozialwerk Pfarrer Sieber

In einem vertrauten Rahmen unter Frauen erzählen, Erfahrungen austauschen und Kontakte festigen: Im Erzählcafé der Aida Sprachschule für fremdsprachige Frauen wird das englische Sprichwort «to let your hair down» (aus sich herausgehen, sich gehen lassen) im wortwörtlichen Sinn gelebt. Natalie Freitag erzählt, wie das vonstatten geht.

Frau Freitag, welche Art von Erzählcafé bieten Sie an?

Natalie Freitag: An der Aida St.Gallen findet jeden Freitagnachmittag ein Erzählcafé statt. An diesem «Freitagscafé» verwandelt sich die Cafeteria unserer Schule zum offenen Treffpunkt für Kursteilnehmerinnen, deren Freundinnen und Kinder. Ausserdem findet hier einmal pro Monat das Erzählcafé «Aida erzählt» statt, wo auch Bekannte und interessierte Frauen deutscher Muttersprache eingeladen sind. Das Erzählcafé wird im Rahmen unseres Kursangebots beworben, von Mitarbeiterinnen der Sprachschule moderiert und intern finanziert. Die Teilnahme ist für die Frauen kostenlos.

Was hat Sie motiviert, ein Erzählcafé anzubieten?

Wir haben gemerkt, dass sich die Kursteilnehmerinnen auch ausserhalb des strukturierten Rahmens ihrer Sprachkurse austauschen wollen. Deshalb haben wir an einen offenen Treffpunkt gedacht, der auch für ehemalige Teilnehmerinnen oder für Frauen, für die keine unserer Kurse wirklich passen, offen ist. Um die soziale Integration der Frauen zu unterstützen, öffnen wir das Erzählcafé auch für Frauen mit deutscher Muttersprache.

Wie gehen Sie mit den unterschiedlichen Sprachen um?

Wir sprechen im Erzählcafé Hochdeutsch. Das dient der Sprachförderung und dem Gemeinschaftssinn. Die teilnehmenden Frauen sollten mindestens gute Grundkenntnisse haben. Einzelne Erzählcafés werden nur für höhere Sprachniveaus ausgeschrieben. Damit möchten wir erreichen, dass sich Frauen treffen, die in etwa denselben Sprachstand haben.

In der Einleitung zum Artikel steht, dass das englische Sprichwort «to let your hair down» im wortwörtlichen Sinn gelebt wird. Können Sie unseren LeserInnen verraten, worauf wir uns beziehen? 

Es gibt bei «Aida erzählt» immer wieder sehr berührende Momente. Einmal hat eine Frau sich der Gruppe so geöffnet, dass sie ihr Kopftuch abnahm und ihre schönen langen Haare zeigte. Darauf bezieht sich der Hinweis in der Einleitung. Ansonsten geht es bei uns eher gelassen und gelöst zu und her. Nach dem moderierten Teil wird viel gelacht, geplaudert und gegessen.

Interview: Rhea Braunwalder
Foto: Unsplash

Die Sprachschule Aida

Der Verein Aida St.Gallen fördert die Bildung und Integration fremdsprachiger Frauen und Kinder. Ein Angebot an kulturellen Workshops, ein Lernstudio mit Bibliothek, Sprachkurse und das Freitagscafé sind Teil des vielfältigen Angebots. Die Sprachkursleiterin Natalie Freitag organisiert und moderiert zusammen mit Madlon Krüsi das Freitagscafé, das sich jeweils um Alltagsthemen aus dem Familienleben dreht. Das Freitagscafé ist für alle Frauen offen, Kinder dürfen mitkommen und selbständig im Raum spielen. Die nächsten Daten finden Sie hier.

 

Erzählcafés sind in der Deutschschweiz gut etabliert. Jetzt ist es Zeit, über die Sprachgrenzen hinauszuschauen und zu entdecken, was es in der Romandie alles schon gibt. Welche Variationen finden wir? Wie können wir mit schon existierenden Initiativen zusammenarbeiten, um sorgsam moderierte Erzählcafés in der Romandie zu unterstützen?

 

Was waren erste Eindrücke vom Treffen?
Das Treffen hat klar gemacht, dass viele Veranstaltungsformate rund um Lebensgeschichten in der Romandie bereits existieren und in unterschiedlicher Form stattfinden. Die Zusammenarbeit mit bestehenden Strukturen und Gruppen wie der Association de recueilleuses et recueilleurs de récits de vie, und dem Collectif D.I.R.E, die wir mit Freude entdeckt haben, wird sehr wichtig sein.

Was ist Ihnen in Bezug auf die Teilnehmenden des ersten Treffens aufgefallen?
Auffällig war, dass am ersten Treffen viele selbständig schaffende Personen dabei waren. Deshalb war die Frage der Finanzierung und des Herantretens an Institutionen sehr wichtig. Auch ist deutlich geworden, dass wir die französische Version der Webseite noch stärker pushen müssen!

Waren denn gar keine VetreterInnen von Institutionen oder Trägerschaften anwesend?
Im Gegenteil! VertreterInnen von Pro Senectute Fribourg und Pro Senectute Arc Jurassien waren anwesend und das Treffen konnten wir in Räumen der Pro Senectute Lausanne abhalten. Besonders erfreulich ist, dass François Dubois von Pro Senectute Arc Jurassien gleich im September mit einer Reihe von 10 Erzählcafés in Neuenburg starten wird. Eine Vertreterin der Universität Fribourg war ebenfalls anwesend, was im Hinblick auf Weiterbildungen sehr wertvoll ist.

Welche nächsten Schritte sind geplant?
Basierend auf den Rückmeldungen vom ersten Treffen haben wir einiges geplant. Im Frühjahr 2020 soll eine französischsprachige Intervision stattfinden. Die Fokustreffen, die bisher auf Deutsch stattfanden, sollen bilingual abgehalten werden. Natürlich wollen wir auch so schnell wie möglich das Logo auf Französisch übersetzen.


Zur Person
Rhea Braunwalder ist seit 2017 Teil des Projektteams des Netzwerk Erzählcafé und moderiert in St.Gallen Erzählcafés. Das Erzählcafé lernte sie in Göttingen während ihres Studiums der Ethnologie kennen.

Das Basler Gundeli-Quartier war während 18 Monaten Schauplatz eines visionären Erzählcafé-Projekts: 130 Menschen aus 27 Nationen erzählten sich ihre Lebensgeschichten. Die Quartierkoordinatorin Gabriele Frank und die FHNW-Professorin Johanna Kohn erzählen von emotionalen Momenten und kleinen, aber feinen Veränderungen im Quartier.

 

Interview: Anina Torrado Lara
Fotos: Kathrin Schulthess

Frau Frank, Sie haben ein Erzählcafé-Projekt im Gundeli angestossen. Was war Ihr Ziel?

Gabriele Frank: Das Gundeli ist ein Schmelztiegel der Kulturen. Als grösstes Quartier in der Stadt Basel mit 19’000 Bewohnerinnen und Bewohnern haben wir eine sehr vielfältige Bevölkerungsstruktur. Unser Ziel war, dass auch Menschen mit knappen Mitteln Zugang zum gesellschaftlichen Leben haben und Gehör finden.

Frau Kohn, wie erlebten Sie das Quartier?

Johanna Kohn: Das Gundeli galt früher als Problemviertel, heute ist es ein sozial gut durchmischtes und lebendiges Quartier. Was mich während des Projekts besonders berührt hat, ist die Offenheit der Menschen. Viele haben von heftigen Fluchterfahrungen erzählt: Sie mussten sich verstecken, um ihren Aufenthaltsstatus bangen und immer wieder neue Sprachen lernen. In ihrem Herkunftsland waren sie Ärzte, Managerinnen, Lehrer oder Handwerkerinnen. Hier in der Schweiz müssen sie von Null anfangen. Viele haben kein Geld für eine Ausbildung und sind sozial isoliert.

Wie lief das Projekt ab?

GF: Wir haben während 18 Monaten rund 20 Erzählcafés zu Themen wie «Mit und ohne Geld leben», «Reisen» oder «Lieblingsorte im Gundeli» durchgeführt. Während dieser Zeit haben wir auch Moderatorinnen und Moderatoren aus dem Quartier ausgebildet, damit sie selbständig Erzählcafés anbieten können.

Wie kam die Erzählkultur bei den Quartierbewohnern an?

GF: Das Projekt war ein grossartiger Erfolg! Es kamen Menschen aus 27 Nationen und zwischen 25 und 80 Jahren. Sie haben beim Erzählen gleiche Bedürfnisse, Erfahrungen und Empfindungen entdeckt. Die eine oder andere Freundschaft wurde geschlossen und es entstanden neue Netzwerke. Viele sagten auch, es sei gut gewesen, Deutsch zu üben.

JK: Ich glaube, dass auch viele Ortsansässige emotional berührt wurden. Menschen, die vom Leben geschüttelt werden, wissen ganz genau, was wichtig ist und was nicht. Hierzulande verlieren wir das Wesentliche manchmal aus dem Blick. Insgesamt hat das Projekt zu mehr Toleranz, Respekt und gegenseitigem Verständnis geführt.

Am Erzählcafé im Gundeli treffen sich Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Generationen, um einander Geschichten zu erzählen.

Wie haben Sie die Menschen zur Teilnahme bewegt?

GF: Es ist tatsächlich nicht ganz einfach, die verschiedensten Bevölkerungsschichten zu erreichen. Viele Menschen sind von Armut betroffen oder in einer prekären Lebenslage. Sie sind sich nicht gewohnt, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Bewusst haben wir mit den Trägervereinen der Quartierkoordination begonnen, die bereits direkten Zugang und Kontakt zu verschiedenen Menschen haben. Dazu gehören das Familienzentrum, Soup&Chill, der Treffpunkt Gundeli, K5 Basler Kurszentrum, der Verein Elternnetz am Margarethen Schulhaus, SIETAR und das Zwinglihaus.

JK: Ich fand es schön, dass einige Menschen im Programm eine Möglichkeit sahen, ihre Fähigkeiten einzubringen. So zum Beispiel eine Frau aus Ex-Jugoslawien, die dort als Deutschlehrerin arbeitete. In der Schweiz gilt ihr Diplom nicht, sie findet keine adäquate Stelle und hat kein Geld für eine Ausbildung. Sie liess sich zur Moderatorin ausbilden und hat in den Erzählcafés einen Raum gefunden, in dem sie wertgeschätzt wird.

Was hat Ihr Projekt zum Erfolg gemacht?

GF: Mir war es enorm wichtig, dass wir von Anfang an unsere Träger miteinbeziehen, damit das Projekt nachhaltig ist. Dann konnten wir durch eine solide Finanzierung Johanna Kohn, Professorin an der Fachhochschule Nordwestschweiz, für die inhaltliche Ausgestaltung und das Coaching von Moderierenden aus dem Quartier gewinnen. Die Weiterbildung war für alle kostenlos, damit Geld kein Hinderungsgrund ist.

JK: Das stimmt. Es war enorm wichtig, die Hürden so tief wie möglich zu halten, damit Menschen aus allen Kulturkreisen und Bildungsniveaus mitmachen können.

Wo lagen Stolpersteine?

JK: Die Finanzierung des Projekts war nicht einfach. Wir alle haben an einem gewissen Punkt entschieden, dass wir einen Teil unserer Arbeit ehrenamtlich leisten. Dadurch bekam das Projekt aber umso mehr Drive!

GF: Besonders in der Anfangsphase haben wir viel gelernt. Wir mussten zuerst eine positive Gesprächskultur und ein gemeinsames Verständnis entwickeln, wie der Austausch ablaufen soll. Manchmal wollten zum Beispiel alle gleichzeitig etwas erzählen (lacht). Dann musste die Moderation schauen, dass alle zu Wort kommen. Und manchmal gab es Momente des Schweigens. Das muss man aushalten können.

Johanna Kohn (Zweite von rechts) im Gespräch mit Quartierbewohnerinnen und -bewohnern.

Gab es besonders berührende Momente?

GF: Lars Wolf, ein Lehrer im Gundeli, fand eine eindrückliche Form des Erzählens. Er lud die Eltern seiner Schülerinnen und Schüler ein. Die Eltern sassen im inneren Kreis, die Schüler im äusseren. Die Eltern erzählten von ihrer Schulzeit im Heimatland. Ihre Kinder, die den Schulalltag in der Schweiz ganz anders erleben, waren von den Erzählungen ihrer Eltern fasziniert.

JK: Zwei Frauen konnten nur gebrochen Deutsch und wagten es zuerst nicht, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Dann begann die eine Frau zu sprechen und die ganze Gruppe half ihr, ihre Geschichte fertig zu erzählen. Es gab plötzlich einen Rollentausch: Die Gruppe wurde zur Moderation, während die Moderatorin aus ihrem eigenen Leben erzählte.

Welchen Tipp würden Sie einem anderen Quartier geben?

GF: Wichtig ist, ein solches Projekt nicht im Alleingang, sondern partizipativ anzupacken, sprich viele Akteure in den Quartieren einzubeziehen. Den Lead übernimmt am besten eine Quartierkoordination, denn diese ist neutral, kann aber auch die Brücke zur Verwaltung schlagen.

JK: Ich empfehle, die Erzählcafés regelmässig durchzuführen, z.B. vierteljährlich. Und es braucht engagierte Moderierende, die Freude an der Arbeit mit Menschen haben und den Kontakt zum Netzwerk Erzählcafé pflegen.

Wie geht es im Gundeli weiter?

GF: Der Prozess endete im Juni 2019 mit der Publikation des Evaluationsberichts und der Übergabe der Zertifikate an die frisch gebackenen Moderierenden. Die Erzählcafés werden nun zum integralen Bestandteil der Quartierarbeit, die einzelnen Träger haben sich sogar untereinander vernetzt und bieten weiterhin Erzählcafés an. Dann schauen wir, was aus dem Quartier heraus entstehen wird. Und ich kann verraten: Die Ideen blühen bereits!

Zur den Interviewpartnerinnen

Prof. Johanna Kohn

Johanna Kohn ist Professorin an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. Sie befasst sich in ihrer Arbeit mit Themen wie Migration, Alter und Biographiearbeit. Beim Erzählcafé-Projekt war sie für die inhaltliche Ausgestaltung während der Initiationsphase und für die Weiterbildung und das Coaching der Moderatorinnen und Moderatoren verantwortlich.

 

 

Gabriele Frank

Gabriele Frank ist Quartierkoordinatorin im Basler Gundeli. Sie war federführende Projektleiterin des Erzählcafé-Projekts und arbeitete eng mit dem Netzwerk Erzählcafé, Johanna Kohn, Soup&Chill, K5, dem Treffpunkt Gundeli, dem Familienzentrum, dem Zwinglihaus, dem Elternnetz Margarethen und SIETAR Basel zusammen. Ausserdem hat sie laufend Berichte in der Gundeldinger Zeitung publiziert. Mitfinanziert wurde das Vorhaben von der Christoph Merian Stiftung, der Kantons- und Stadtentwicklung Basel-Stadt und Privatpersonen.

Johanna M. Schlegel versammelt regelmässig Menschen aller Generationen um einen grossen Holztisch. Mit dabei hat sie Selbstgemachtes: Kuchen, Guetzli und Fruchtsäfte. Der 3o0-jährige Burgdorfer Gewölbekeller bietet das ideale Ambiente, um Geschichten von früher und heute zu verknüpfen.

 

Frau Schlegel, was hat Sie inspiriert, das Erzählcafé zu veranstalten?

Johanna M. Schlegel: Geschichten erzählen, Zuhören und das Erlebte zeitgeschichtlich einzuordnen hat mich schon immer fasziniert. Vor einem Jahr habe ich einen Artikel über die Methode Erzählcafé gelesen und mich sofort zu einem Kurs angemeldet.

Erzählen Sie uns über einen lustigen Moment. 

Das war, als wir über «meine erste Uhr» sprachen. Eine Teilnehmerin erzählte, ihre erste Uhr sei eine «Stilluhr» aus der Wundertüte vom Kiosk gewesen. Wir anderen hatten keine Ahnung, was das sein soll. Sie erklärte dann, sie habe die Uhr so genannt, weil sie aus Plastik gewesen sei und nicht ticken konnte. Wir haben herzlich darüber gelacht, weil wir uns ebenfalls an diese Wundertüten erinnerten.

Welcher Moment bleibt Ihnen besonders in Erinnerung?

An einem Erzählcafé zum Thema «die Küche als Familientreffpunkt früher und heute» sind wir auf das Dreigenerationen-Zusammenleben gekommen. Eine Teilnehmerin lebte früher als ledige Tante auf dem Bauernhof der Grosseltern. Bei der Frau kamen am Erzählcafé plötzlich Erinnerungen ans schwierige Zusammenleben bis hin zur Eskalation hoch.

Förderprogrmm «Inspiration 2019»

Im Jahr 2019 fördern wir Erzählcafés, deren Zielgruppen bisher wenig berücksichtigt und angesprochen wurden und/oder deren Rahmen innovativ ist. Wir unterstützen die Erzählcafés in Form eines Porträts auf unserer Website und einem einmaligen Förderbeitrag in der Höhe von 500 Franken. Erfahren Sie mehr!